Blanker Hohn

Springer-Funke-Deal: Beschäftigte in Hamburg und Berlin sind verunsichert und erschüttert

Beim Übernahme-Deal zwischen Axel Springer AG und Funke-Mediengruppe wurden die Betriebsräte vor vollendete Tatsachen gestellt. Jetzt geht es darum, die Folgen des Verkaufs für die Beschäftigen so sozialverträglich wie möglich zu gestalten.

Noch gehören sie zu Springer: „Hamburger Abendblatt“ und „Berliner Morgenpost“ vor einem Hamburger Kiosk. Foto: Marcus Brandt / dpa
Noch gehören sie zu Springer:
„Hamburger Abendblatt“ und
„Berliner Morgenpost“ vor
einem Hamburger Kiosk.
Foto: Marcus Brandt / dpa

„Axel Springer bleibt ein journalistisches Medienhaus. Wir wollen nicht unser Unternehmen retten durch Änderung des Geschäftszwecks und sagen: Wir verkaufen jetzt irgendwelche Produkte und garnieren sie mit Journalismus. Das würde nicht nur die journalistische Unabhängigkeit ins Risiko stellen, sondern es hat einfach nichts mit unseren Kernkompetenzen zu tun.“ Goldene Worte von Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner, vorgetragen auf der Hauptversammlung des Konzerns im April dieses Jahres. Nur drei Monate später überraschte Springer die Branche mit einem radikalen Schritt: Europas größtes Zeitungshaus verkauft seine beiden traditionsreichen Regionalzeitungen Hamburger Abendblatt und Berliner Morgenpost an die Funke-Mediengruppe, die frühere WAZ-Gruppe. Für den stolzen Kaufpreis von 920 Millionen Euro wechseln auch sieben Zeitschriften den Besitzer, darunter nach wie vor recht erfolgreiche Publikationen wie Bild der Frau sowie die TV-Zeitschrift HörZu.
Nur langsam löst sich die Schockstarre der von dem Deal betroffenen Beschäftigten in Hamburg und Berlin. Viele seien verunsichert und erschüttert, berichten Betriebsräte an beiden Standorten. Das Bekenntnis von Vorstandschef Döpfner zum Qualitätsjournalismus klinge „wie blanker Hohn, wenn gleichzeitig die traditionsreichen Regionalzeitungen und große Teile des Zeitschriftengeschäfts abgestoßen werden“, heißt es da. Speziell der Verkauf von Morgenpost und Abendblatt stößt auf blankes Unverständnis. Schließlich hatte Springer in den vergangenen elf Jahren mit einigem Aufwand eine Gemeinschaftsredaktion aufgebaut, der nach dem Gründungsduo aus Welt und Morgenpost auch Welt am Sonntag und vor zwei Jahren das Hamburger Abendblatt beigetreten waren. Ein Schritt, der Synergien schaffen und das chronische Defizit der Welt mindern sollte. Dass man jetzt „die beiden Stützmauern für die Welt – Abendblatt und Morgenpost – wegreiße und verkaufe, sei „unbegreiflich“, klagt Jürgen Fischer, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender von Springer Berlin.
Betroffen von dem Verkauf sind an die 930 Beschäftigte in Redaktion, Marketing und Vertrieb. Viele sind alarmiert, denn der künftige neue Arbeitgeber genießt in Sachen Unternehmenskultur keinen guten Ruf. „Jetzt geht es für die Kollegen erst einmal darum, ihre Arbeitskonditionen zu verteidigen“, sagt Siegfried Heim, ver.di-Tarifsekretär und Konzernbeauftragter für Axel Springer. Aber die Tücke steckt im Detail. Denn noch ist unklar, wer künftig unter dem neuen Eigentümer Funke arbeiten wird. Das gilt in erster Linie für die rund 400 Mitarbeiter der Regionalzeitungen. Grund sind die redaktionellen Verzahnungen zwischen Morgenpost, Welt und Abendblatt. Das schafft Statusunsicherheiten: Manch einer war zuletzt mehr für die Morgenpost, also Ullstein tätig, hat aber noch einen Arbeitsvertrag bei der Springer AG. Es bestehe „hoher Beratungsbedarf“, sagt Betriebsrat Fischer. „Jetzt schlägt die Stunde der Arbeitsrechtler.“ Zwar hat der Springer-Vorstand zugesichert, dass die sozialpolitischen Vereinbarungen für die Beschäftigten der von Funke übernommenen Titel weiter gelten sollen. Die genauen Konditionen hängen indes stark von den Modalitäten des Eigentümerwechsels ab.

Standorterosion

In Hamburg sei die Stimmung durchwachsen, berichtet die dortige Betriebsratsvorsitzende Gudrun Dilg. Kaum einer hätte für möglich gehalten, dass „Gründungsobjekte des Hauses wie das Abendblatt und die HörZu verhökert würden. Zwar werde seit geraumer Zeit mit Unbehagen die „Erosion“ des Standorts Hamburg registriert. Erst vor fünf Jahren hatten an die 400 Mitarbeiter im Gefolge des Umzugs von Bild und Bild am Sonntag ihren Jobs von der Elbe an die Spree nachziehen müssen. Aber mit so brachialen Maßnahmen habe keiner gerechnet. Dennoch gelte es, „Chancen gegenüber Risiken abzuwägen“, sagt Gudrun Dilg. Schließlich sei Funke ein Unternehmen, das die Regionalzeitungen hochhalte. Diesen Eindruck habe zumindest Funke-Geschäftsführer Nienhaus bei einem „good-will“-Besuch vermittelt. „Im bunten Strauß der Regionalpresse sind wir jetzt die Perle“, machen sich einige schon wieder Hoffnung. Das sei im börsennotierten Springer-Konzern zuletzt nicht mehr der Fall gewesen, heiße es sogar in den Chefredaktionen hinter vorgehaltener Hand. Andererseits hat sich natürlich auch in Hamburg und Berlin herumgesprochen, dass Funke im Interesse der Umsatzrendite gelegentlich durchaus radikale Schnitte vornimmt. Davon können die 120 entlassenen Redakteure der Westfälischen Rundschau ein Lied singen. Bei diesem Vorgang habe sich die Funke-Gruppe „einen unrühmlichen Namen als unsozialer Profitmaximierer gemacht“, urteilte seinerzeit der stellvertretende ver.di-Vorsitzende Frank Werneke. Deshalb existiert inzwischen auch eine Task Force aus Vertretern von ver.di, DJV und Anwälten, die soziale Härten vermeiden und das Bestmögliche für die Betroffenen herausholen will. Im Ungewissen über ihre Zukunft schweben auch die Beschäftigten der verkauften Springer-Zeitschriften. Möglicherweise droht die Verlagerung ganzer Redaktionen von Hamburg nach München. Die Konkurrenz von Gruner + Jahr macht gerade in umgekehrter geografischer Richtung vor, wie kaltschnäuzig Vorstände das Wohl ihrer Belegschaften kurzfristigen Strategiewechseln unterordnen. So sollen die Redaktionen von Neon, Nido, P.M und weiterer G+J-Magazine im Rahmen der Neustrukturierung unter dem Logo „communities of interest“ bis zum Jahresende von München nach Hamburg umziehen. Nach Angaben des Branchendienstes kress sollen die 120 Betroffenen vor die Wahl gestellt worden sein, entweder den Umzug mitzumachen oder ihren Job zu verlieren. Es wäre nicht das erste Beispiel einer „geschmeidigen“ Methode, Mitarbeiter elegant loszuwerden.
Dort, wo es zu einem Betriebsübergang von Springer zu Funke kommt, greift Paragraf 613 BGB. Er garantiert für ein Jahr lang den Erhalt der bisherigen Arbeits- und Tarifkonditionen. Inwieweit dieser Schutz länger gilt, ist ebenso Verhandlungssache wie die Gültigkeitsdauer der mitgenommenen Betriebsvereinbarungen. Hier haben die Springer-Leute einiges zu verlieren. Viele sozialpolitische Errungenschaften, etwa hervorragende Qualifizierungsprogramme oder der Entwicklungsdialog – die verbindlich vorgeschriebenen jährlichen Gespräche zwischen Führung und Mitarbeitern allein zum Zwecke der Weiterqualifizierung – gibt es beim neuen Eigentümer nicht. Gleiches gilt für das Rationalisierungsschutzabkommen, die Wahl zwischen Erfolgsbeteiligung und Zielvereinbarung oder das Aktienbeteiligungsprogramm.
„Diese Ansprüche habe die Kollegen auch bei Funke. Fraglich ist nur, wie das umgesetzt werden soll, wenn da nichts ist“, argwöhnt Jürgen Fischer. Schlimmeres droht, falls es zu einem Share Deal kommt, bei dem Funke die Springer-Anteile übernimmt. In diesem Fall läge arbeitsrechtlich keine Betriebsänderung vor, es bedürfte nicht mal eines Interessensausgleichs oder eines Sozialplans. Dennoch sehen die Betriebsräte die Notwendigkeit, über die Umsetzung der mitgehenden Betriebsvereinbarungen zu verhandeln. Die vom Betriebsrat initiierte Task Force hat vorsorglich einen ambitionierten Forderungskatalog entwickelt: langfristige Standortsicherung, Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen, dynamische Fortgeltung von Tarifverträgen, Fortführung der Altersteilzeitregelungen.
Jenseits der arbeitsrechtlichen Konsequenzen wirft der Eigentümerwechsel auch Fragen in Sachen Meinungsvielfalt auf. Laut Vorvertrag soll Springer die Publikationen der Funke-Gruppe noch mindestens zwei Jahre lang mit Inhalten beliefern. Dadurch dürfte sich der Rückfall der Welt in tiefrote Zahlen zumindest verzögern. Denkbar auch, dass Funke in Versuchung gerät, Mantelteile für eigene Blätter kostengünstig in der Hauptstadt zu kaufen. „Das wurde so in einigen Medien kolportiert“, sagt Betriebsrat Fischer, „da ist aber wohl nichts dran“. Angeblich haben beide Seiten dementiert.

Geballte Vermarktungsmacht

Weitgehend unbeachtete von den Medien blieb eine weitere vertragliche Vereinbarung im Rahmen des Springer-Funke-Deals. Anvisiert ist die Gründung zweier Joint Ventures für Vermarktung und Vertrieb, an denen Springer mit 75 und Funke mit 25 Prozent beteiligt sein sollen. Dieser Coup betreffe noch mal rund 500 Beschäftigte, schätzt ver.di-Tarifsekretär Heim. Schon der bisherige Vermarkter „Axel Springer Media Impact“ (Asmi) bündelte die Werbevermarktung von mehr als 50 nationalen Medienangeboten. Und bewegte sich dabei zum Teil „in tariffreien Räumen“. Spätestens dieser Teil des Geschäfts dürfte das Kartellamt auf den Plan rufen. Schließlich blüht eine bislang nicht da gewesene Ballung der Vermarktungsmacht im Printbereich.
In Berlin könnte es zur Rochade zwischen der Morgenpost und der BZ kommen. Letztere gibt ihre Redaktionsräume am Kudamm auf und zieht zurück ins Haupthaus zur Bild. Die redaktionelle Fusion der beiden Boulevardblätter dürfte nicht ohne – sozialverträglich organisierte – Stellenstreichungen abgehen. „Bei der BZ wird mit einigen Kollegen über Altersteilzeit verhandelt, bei Bild wurden bis Anfang September „noch keine Gespräche geführt“, sagt Jürgen Fischer. Durch die Fusion soll nicht zuletzt die Redaktion der BZ von der digitalen Kompetenz von bild.de profitieren. Unschöner Nebeneffekt: Das Ganze könnte in eine journalistische Drei-Klassen-Gesellschaft münden, fürchtet Heim: „Da sitzt dann ein tariflich abgesicherter klassischer Bild-Redakteur neben einem BZ-Kollegen, der nur noch individualrechtlich nach Tarif bezahlt wird und vor einem Onliner von Bild Digital, der gar keinen Tarif mehr kennt.“ Keine schönen Aussichten, zumal kaum damit zu rechnen ist, dass nach der Bundestagswahl eine arbeitnehmerfreundlichere Regierung das Prinzip „Ein Betrieb, ein Tarif!“ beherzt durchsetzt.

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