„Bolzplatz“ für junge Leute – Radio Bremen mit neuem Angebot

Sendestart beim neuen Jugendangebot Bremen Next. Vorne links im Studio Moderatorin June Koch. Foto: Eckhard Stengel

Auf der Suche nach der verloren gegangenen Jugend versucht Radio Bremen (RB) es jetzt mit einem Spezialangebot für 15- bis 25-Jährige: „Bremen Next“. So heißt ein neuer crossmedialer Kanal, der seit dem 17. August auf Sendung ist. Radio Bremen war früher berühmt für seinen Einfallsreichtum beim Erfinden neuer Sendungen wie „Beat Club“, „3 nach 9“ oder „Loriot“. Dann war in dieser Hinsicht eher Sendepause. Mit „Musik und Lifestyle aus deiner Stadt“ sollen junge Leute wieder an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk herangeführt werden. Die kleinste ARD-Anstalt ist damit schneller als das überregionale „Junge Angebot“ von ARD und ZDF, das im Oktober startet.

Anders als das geplante „Junge Angebot“ von ARD und ZDF wird das neue „Bremen Next“ nicht nur online verbreitet, sondern nutzt alle Ausspielwege mit Ausnahme des klassischen Fernsehens. Dazu gehört auch eine analoge Hörfunkfrequenz (nur in Bremen auf UKW 95,6 MHz). Dort laufe aber kein richtiges Vollprogramm, sagt Programmdirektor Jens Weyrauch, denn analog ausgestrahlt werden lediglich zwei moderierte Magazine am Morgen und am Nachmittag, neben abendlichen Spezial-Musiksendungen. In den Stunden dazwischen läuft Musik ohne Moderation, mit viel Hip-Hop und Elektro-Klängen.

Wichtiger als das Dampfradio sind dem Sender die modernen Verbreitungswege: neben dem Digitalradio DAB+ sind das vor allem ein Live-Stream unter www.bremennext.de (samt Videoübertragung aus dem Studio) und die sozialen Netzwerke wie Facebook, Youtube, Instagram und Snapchat. Manche Inhalte werden nur für Facebook produziert, und auf YouTube laufen besondere Reportagen („Premium-Videos“). Per Smartphone-App ist die Website auch von unterwegs abrufbar.

„Bremen Next“ will auch als Event-Veranstalter auftreten und sich so „im Leben der Zielgruppe verankern“, wie es im RB-Pressematerial heißt. Die Zielgruppe, das sind die 15- bis 25-Jährigen aus der Region. Sie sollen nicht „von oben herab“ mit aktueller Musik und Informationen versorgt werden, wie Intendant Jan Metzger betont, sondern das Konzept sei zusammen mit kreativen jungen Leuten entwickelt worden, und die meisten Programmmacher seien selbst im Alter der Zielgruppe. Metzger: „Das ist sozusagen ein Bolzplatz.“ „Aber wir machen nicht irgendwie Studentenradio“, ergänzt Redaktionsleiterin Felicia Reinstädt. „In unserem Look, in unserem Style legen wir großen Wert auf Professionalität.“ Mit ihren 34 Jahren ist Reinstädt die älteste im Team. Neben ihr, einem festangestellten Assistenten und einzelnen Volontär_innen arbeiten nur Freie für „Bremen Next“ – 20 bis 30 junge Leute, die teilweise selber Musiker oder Diskjockeys sind und wochenweise beim Sender mitmachen. Einige von ihnen kommen aus Migrantenfamilien. Das neue Angebot richte sich also nicht speziell an „weiße protestantische Gymnasiasten“, wie Intendant Metzger sagt. Laut Helge Haas, Leiter des Bereichs Junge Angebote bei RB, will die Redaktion „die besten Ecken, aber auch die größten Probleme der Region“ zum Thema machen.

„Wir reden anders, wir reden einfach so, wie wir sprechen“, sagt Redaktionsleiterin Reinstädt über ihre Moderator_innen. Dazu passt die drastische Aufschrift auf den Kondompackungen, die für „Bremen Next“ werben sollen: „Der Bass muss ficken“. Die spärlichen Nachrichten mit zwei bis drei Meldungen zur halben Stunde klangen anfangs allerdings ähnlich trocken wie auf den anderen RB-Wellen, einschließlich vorgestanzter Formulierungen wie „am Abend“ statt „gestern Abend“. Etwas mehr als eine Million Euro gibt die finanzschwache Anstalt für das neue Angebot aus. Möglich wurden diese Zusatzausgaben, weil RB seit 2015 mehr Gelder aus dem ARD-internen Finanzausgleich erhält. Andere Redaktionen im Sender hätten auch gerne davon profitiert, mussten mit ihren Wünschen aber etwas zurückstecken.

„Wir wollen damit für die Sicherung der Zukunft unseres Hauses sorgen“, sagt Metzger. Ohne Angebote für die jungen Leute, die ja auch Rundfunkbeiträge zahlten, „würden wir mit der Zeit aussterben und ins Museum gehören“. Und Programmdirektor Weyrauch hofft: „Das eine oder andere, das hier entsteht, könnte auch für das Junge Angebot von ARD und ZDF interessant werden.“ Mit „Bremen Next“ will der Sender eine Lücke schließen, die durch das Erwachsenwerden der 1986 gegründeten Jugendwelle „Bremen Vier“ entstanden war. Sie wird inzwischen vorwiegend von Leuten um die 40 gehört und ist mit ihrem Publikum gealtert. Damit auch die Jüngeren wieder an den Sender gebunden werden, gründete RB 2009 zunächst den Ableger „Bremen Vier Next“, als reinen Internetkanal mit ausgewählten Wortbeiträgen von „RB 4“ und jugendlicherem Musikprofil. Dieses Angebot wurde jetzt weiterentwickelt zum komplett eigenständigen und crossmedialen Angebot „Bremen Next“.

Am Morgen nach dem Start erhob der Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) seine kritische Stimme: Er forderte, „Programmexpansion und systematische UKW-Aufschaltung zu Lasten privater Radios“ zu stoppen. Die ARD mache sich „die bisweilen unklaren rechtlichen Grenzen zunutze“, kritisierte die Privatfunklobby. Nach ihrer Ansicht verfügt der Bremer Sender schon jetzt über genügend Programmflächen, um auch junge Hörer zu erreichen. „Bei Radio Bremen wiederholt sich das Vorgehen, digital gestartete Jugendangebote durch entsprechenden Frequenztausch oder UKW-Aufschaltungen auszubauen.“ Ähnliche Entwicklungen seien vom HR, SWR und BR bekannt und würden jeweils nur regional betrachtet, ohne die übergeordneten Auswirkungen auf den Privatfunk zu beachten. Nötig sei jetzt eine verlässliche Regelung durch einen bundesweit geltenden Radio-Staatsvertrag, so die Forderung der Privatfunker.

Eines kann man „Bremen Next“ zumindest nicht vorwerfen: mangelnde Transparenz und Publikumsferne. Wer die neue Redaktion besuchen will, muss nicht wie bei den anderen Wellen am Pförtner vorbei auf verschlungenen Wegen durchs Funkhaus irren, sondern kann direkt hineinspazieren. Denn sie residiert hinter einer Glasfront direkt an einer vielbefahrenen Straße – in Funkhaus-Räumen, die bisher an ein Nagelstudio vermietet waren. „Bremen Next“: der Wandel vom Nagel- zum Tonstudio.

 

 

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