Deutschland packt’s an!

Weihnachtsgeld gestrichen? Urlaub mangels klarer beruflicher Perspektive verschoben? Furcht vor Entlassung, Terror, Krieg? Skeptiker und Pessimisten beiseite getreten! Die Rettung naht – in der Person von Karl-Ulrich Kuhlo, dem Aufsichtsrats-chef von n-tv. Genau, von eben dem Kanal, der immer dieses Börsenband am unteren Ende des Bildschirms vorbeilaufen lässt, das derzeit tagtäglich bad news für Daytrader und Spekulanten jedweder Couleur verkündet. Ab sofort soll Schluss sein mit der schlechten Stimmung im Lande, hat sich Kuhlo vorgenommen.

Eine von ihm initiierte Kampagne soll Jammerlappen und Weicheier in die Schranken weisen. Statt dessen ist jetzt Optimismus und Aufbruchstimmung angesagt. „Deutschland packt’s an!“ heisst der Slogan und wir spüren geradezu körperlich, wie ein Ruck durch das krisengebeutelte Land geht. „Wirtschaft ist immer zu 50 Prozent Psychologie“, weiß Kuhlo. Das sei schon zu Zeiten von Schiller und Strauß so gewesen. Die hätten es in den 60ern geschafft, die Stimmung im Lande umzudrehen. Mit Optimismus und Zuversicht. Mindestens zu 50 Prozent.

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Ursprünglich hatte der Arbeitstitel der Kampagne gelautet: „Machen statt jammern!“ Das erinnert ein bisschen an frühere Motivationstrainings-Parolen des Kabarettisten Martin Buchholz: „Lieber hämmern und sicheln statt jammern und picheln!“ Aber seit dem Ende der Ideologien und dem Eintritt in die globalisierte Welt ist Hämmern und Sicheln bekanntlich nicht mehr so gefragt. Jetzt liegt es an uns, den Medien, die frohe Botschaft des positiven Denkens in die Köpfe zu…hämmern, also doch!

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Es gehe nicht darum, Schlechtes schönzureden, versichert Kuhlo. Nur sei die Stimmung in der deutschen Wirtschaft viel schlechter als die Fakten es rechtfertigten. Selbst wenn wir normalerweise keine Krise bekämen – durch ständige Schwarzmalerei manövrierten wir uns selbst in die Krise hinein. Eine Art sich selbst erfüllende Krisenprophezeiung. Also rief der n-tv-Manager und alle, alle fanden die Idee auf Anhieb ganz toll. Zeitungen und Zeitschriften stellen kostenlos Anzeigenfläche zur Verfügung, TV-Sender Sendezeiten für Kampagnenspots. Und Werbeagenturen organisieren honorarfrei Gehirnstürme zwecks Austüftelung einer kreativen PR-Kampagne. Ergebnisse lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor. Aber wir können uns lebhaft vorstellen, wie das Mental-Programm gegen den konjunkturellen Defätismus aussehen wird. Einige der Beteiligten haben schließlich langjährige Erfahrung in kollektiver Seelenmassage. „SAT 1 – JA!“ Hatte nicht ausgerechnet das schwächelnde Kirch-Sorgenkind die geistige Essenz der Kampagne vorausahnend in einen an prägnanter Kürze kaum zu toppenden Claim gegossen? Dumm nur, dass der Sender diese Klarheit und Schlichtheit erst kürzlich durch ein Angelsächsisches „powered by emotion“ (etwa: „gefühlsbefeuert“) ersetzt hat. Überzeugender erscheint uns da das „Alles wird gut!“ von Nina Ruge. Es ließe sich als kollektive Beschwörungsformel beim betrieblichen Morgen-Appell einsetzen. Wahlweise käme auch „Der Tag ist schön!“ oder – wo kein Betrieb vorhanden – „Arbeitslosigkeit macht frei!“ in Frage.

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Gut, dass wenigstens auf die deutschen Nationalkicker Verlass ist. Nicht auszudenken, welche Depression sich über das Land gelegt hätte, würden die kurzbehosten Botschafter deutschen Leistungswillens nicht nach Korea/Japan fahren. Dann hätte eine gedemütigte Nation zu mittäglicher Stunde packende Duelle wie Costa Rica kontra Senegal goutieren müssen – in der ersten, sehr sehr teuer bezahlten Reihe von ARD und ZDF. Und wo wir schon mal unterwegs sind, reisen wir gleich weiter. „Deutschland packt’s an – auf nach Afghanistan!“

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