Die neuen Kabelherren

Malone, Murdoch, Messier – kontra Bertelsmann & Kirch

Noch ist die deutsche Fernsehlandschaft wunderbar aufgeräumt. Bertelsmann (RTL, RTL II, SuperRTL, Vox) und Kirch (Sat 1, Pro Sieben, Kabel 1, DSF, N24) haben ihre Sender in den letzten Jahren zu großen Familien geordnet und sich den Markt mit den öffentlich-rechtlichen Partnern ARD und ZDF aufgeteilt. Dass dies so ist, garantieren die Mediengesetze und vor allem die Deutsche Telekom, die als Herrin über das Kabel die dortigen Plätze knapp und das Treiben auf den Fernbedienungen in Grenzen hielt.

Doch mit der Beschaulichkeit dürfte es bald vorbei sein. Hauptgrund ist der Verkauf der Kabelnetze an ausländische Firmen wie Liberty Media und Callahan. Der US-Konzern Liberty Media sicherte sich vorbehaltlich einer reibungslosen Abwicklung und der Zustimmung der Wettbewerbsbehörden die Netze in allen Bundesländern außer Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg (die an Callahan fielen) sowie Hessen (welches ein Konsortium unter Führung von NTL erwarb). Insgesamt haben die „Neuen Herren des Kabels“ damit Zugang zu knapp 20 Millionen Haushalten in der Bundesrepublik – also zu 70 bis 80 Prozent der Menschen in der ganzen Bundesrepublik.

Machtgerangel um Netze

Auf den ersten Blick klingt dies wenig spektakulär, hatte die Deutsche Telekom diesen Zugang zuvor auch. Doch sie hat ihn praktisch nur verwaltet und Bertelsmann & Co. „ihre“ Plätze zugewiesen. Dies wird sich mit den neuen Herren ändern. Zumindest einer der künftigen Betreiber hat andere Interessen: John Malone, Chef von Liberty Media. „Big John“, wie man den Medienmanager in den USA nennt, hatte in den 80er und 90er Jahren in den USA bereits sehr erfolgreich ein Kabelnetz unter dem Namen TCI mit aufgebaut und dabei mit einem breiten Angebot an TV-Kanälen ein Vermögen verdient. Seine Einnahmen erzielte TCI dabei oft direkt beim Kunden. In den USA ist dies üblich. Dort gibt es nicht einen großen Netzbesitzer, sondern unterschiedlich große Betreiber. Wie wichtig deren Position ist, zeigte dieser Tage der Machtkampf um das zum Verkauf stehende Kabelnetz des Telekomriesen AT&T, an dem direkt und indirekt Giganten wie AOL Time Warner, Microsoft und Disney beteiligt waren. Entstanden ist schließlich mit AT&T Comcast die neue Nummer Eins mit landesweit mehr als 22 Millionen angeschlossenen Haushalten. Die kleine Comcast machte dabei wohl deshalb das Rennen, weil sie mehr oder minder offen von Microsoft und Disney unterstützt wurde und bildet nun einen mächtigen Gegenpol zum Mediengiganten AOL Time Warner, dessen hauseigenes Netz rund 13 Millionen Kunden hat. So vielfältig die Anbieter, so vielfältig ist auch das Angebot. Jeder Kabelkonzern hat (wie etwa AOL Time Warner) oder kauft Programme ein und verkauft sie in „Paketen“ an die angeschlossenen Kunden weiter.

TV muß sich rechnen

Derartige US-Verhältnisse dürften nun auch auf den deutschen TV-Zuschauer zukommen, so er an das Kabel angeschlossen ist. „Kabel“, so der Frankfurter Unternehmensberater Manfred Lang von Diebold Management, „sind fundamentale Träger von Kommunikation, vor allem wegen der hohen Bandbreite“. Gut ausgebaut bieten sie Platz für unzählige Fernseh-, Internet- und sonstige interaktive Angebote, weit mehr als die bisher rund 35 TV-Sender im Kabel der Telekom. So planen denn auch Liberty & Co. über kurz oder lang ihre Kapazitäten auszubauen und neue Angebote zu unterbreiten. Callahan will schon bald auch Telekomdienste anbieten. Liberty zögert noch. Womöglich will es aber auch nur TV „pur“, ist Malone doch an zahlreichen Kanälen weltweit beteiligt.

Fernsehen ist eben ein Geschäft. Und nirgendwo wird dies deutlicher als auf dem weltgrößten TV-Markt USA. Längst beherrschen dort die großen Konzerne AOL Time Warner, Walt Disney, News Corp. (Rupert Murdoch) und Vivendi Universal mit ihrer internationalen „Programmware“ das Feld. Es ist eine „Ware“, die sich vor allem rechnen muss: Global verwertbare Filme wie „Armaggedon“ oder „Atlantis“ tummeln sich dort neben globalen Helden wie Arnold Schwarzenegger oder „Kevin allein zu Haus“. Besonders beliebt sind Figuren wie Harry Potter oder auch Mulan, Disneys kleine chinesische Prinzessin, die auch auf das asiatische Massenpublikum zielt. Daneben reüssieren international gängige Show-Konzepte wie „Wer wird Millionär?“. Verkauft wird dies alles zusammen mit unzähligen Serien und Soaps „von der Stange“ – meist in „Paketen“ und zu entsprechend einträglichen Preisen.

3 M & Co. auf dem Markt

Nicht von ungefähr ziehen Malone & Co. die internationalen „Granden“ im Schlepptau mit nach Deutschland. Und das auch nicht ganz uneigennützig. Gerade „Big John“ gilt als „Meister“ des Geschäftes mit Inhalten. Seine Liberty Media hält Anteile an zahlreichen Medienunternehmen. Er ist Großaktionär von Rupert Murdochs News Corp. und hält Anteile an AOL Time Warner. Deren Programme wird er ohne Zweifel mit nach Deutschland bringen.

Interesse an einer Zusammenarbeit in Deutschland hat mittlerweile auch Jean-Marie Messier angemeldet, der mächtige Chef des größten europäischen Medienkonzerns Vivendi Universal und Eigner des führenden europäischen Pay-TV-Senders Canal Plus. Dass Malone auch ihm die Türe öffnet, ist recht wahrscheinlich. In den USA sind sich beide gerade erst bei einem Deal um den Fernsehsender USA Networks näher gekommen.

Murdoch, Messier, Malone – Mit diesem Trio wären denn auch die drei weltweit erfahrensten Vorkämpfer des Pay-TV auf dem Sprung in jenes Land im Herzen Europas, das sich dem Fernsehen gegen Gebühr bisher immer erfolgreich widersetzt hatte. Lediglich „Platzhirsch“ Leo Kirch versucht seit Jahren, mit Premiere World Geld im Pay-TV zu verdienen – recht erfolglos gegen die große Zahl frei empfangbarer Free-TV-Programme. Mit den 3 M könnte sich dies ändern. Murdoch hat insbesondere in Asien und Großbritannien Pay-TV bereits erfolgreich umgesetzt.

Messiers gelang dies mit Europas Canal Plus in fast allen Ländern – mit Ausnahme von Deutschland.

 

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Kino-Streiks zur Berlinale wirken 

Die Streiks während der Internationalen Filmfestspielen Berlin (Berlinale) haben Bewegung in die Tarifverhandlungen zwischen ver.di und dem Kinobetreiber CineStar gebracht. „Die Verhandlungen heute fanden in einer spürbar konstruktiveren Atmosphäre statt als beim letzten Mal“, so ver.di-Verhandlungsführer Andreas Köhn bei der soeben beendeten zweiten Tarifverhandlungsrunde in Berlin.
mehr »

Berliner Zeitung expandiert nach Osten

Der Verleger Holger Friedrich hat offenbar Sympathien für den Kreml und die AfD. Nun bringt er die Ostdeutsche Allgemeine als „Leitmedium“ für Ostdeutschland auf den Markt. Was tut der Konkurrent Madsack, an dem die SPD beteiligt ist? Er kooperiert mit Friedrich. In der Branche gibt es Erstaunen.
mehr »

Der SR lässt sich checken

Die öffentlich-rechtlichen Sender stehen unter Spar- und Reformdruck. Die Politik verlangt den Abbau von Mehrfachstrukturen und eine Profilierung des Programmauftrags. Die meisten Anstalten sind bereits im Umbau. Angesichts dieser Herausforderungen lässt der Saarländische Rundfunk (SR) derzeit seine Organisationsstrukturen von externen Beratern überprüfen.
mehr »

ÖRR als Public Open Space?

Der Reformstaatsvertrag eröffnet neue Wege für die Infrastruktur öffentlicher Kommunikation, befindet Jan Christopher Kalbhenn in einer Kurzstudie, die er für die Friedrich-Ebert-Stiftung verfasst hat. Denn die demokratische Öffentlichkeit, so Kalbhenn, steht angesichts der Machtkonzentration bei digitalen Plattformen vor einer grundlegenden ordnungspolitischen Herausforderung.
mehr »