Einsparpaket geschnürt

Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) ist für die Strukturreform gewappnet

Die mit der Strukturreform bevorstehen­den Veränderungen sieht MDR-Intendantin Karola Wille als „größten Reformprozess der ARD-Geschichte“. Intern zeigt man sich gewappnet. „Wir haben zusätzlich ein beachtliches Einsparpaket vorgelegt und erste hieraus resultierende Maßnahmen auch im MDR-Entwicklungsplan bis 2021 festgeschrieben“, erläutert Chefstratege Gerrit Wahle. Wesentliche Effekte würden aber nicht linear, sondern erst nach 2021 eintreten. Rund ein Zehntel der geplanten Strukturreform-Sparsumme von fast einer Milliarde entfalle auf den MDR. Die ostdeutsche Sendeanstalt sei an allen 20 Projekten beteiligt, die die ARD im Rahmen der Reform aufgelegt hat. Es gehe um Effizienzsteigerung in Produktion, Technik und Verwaltung.

Moderater Abbau von Stellen

Das zugehörige IT-Strategie-Projekt und die SAP-­Harmonisierung in der Verwaltung betreibe der MDR federführend. An Qualität und Vielfalt des Programms dagegen wolle man „nicht sparen“. Ob die ganze Bandbreite des Angebots aufrechterhalten werden könne, sei angesichts unwägbarer Beitragsentwicklung allerdings nicht sicher, meint Wahle, der die Hauptabteilung Strategie und Unternehmensentwicklung der fünftgrößten ARD-Sendeanstalt leitet. Von sich aus werde man seinen Auftrag als Teil des föderalen Medienverbunds nicht verkürzen, erklärte die MDR-Intendantin konform zum ARD-Vorsitzenden. Zudem soll es im Zusammenhang mit der Struktur­reform am Hauptsitz in Leipzig sowie in den Landesfunkhäusern in Dresden, Magdeburg und Erfurt keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Doch sei „gemäß KEF-Vorgaben“ ein „moderater Abbau von frei werdenden Planstellen einkalkuliert“. Konkret heißt das: 51 Stellen sollen bis 2021 nicht neu besetzt werden.

Stellen quasi freiwillig zur Disposition zu stellen, bleibt für den Gesamtpersonalratsvorsitzenden Dirk Gläßer der „falsche Weg“: Denn „Personalbedarf ist da“. Die Geschäftsleitung solle sich generell dafür stark machen, das nötige Personal auch finanziert zu bekommen. Unternehmenssprecher Walter Kehr nennt es „Gnade der späten Geburt“, dass man bei Gründung der Dreiländeranstalt für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen von Erfahrungen der Alt-Anstalten habe profitieren können. Betrachte man seine Aufgaben im Verhältnis zu Finanz- und Personalausstattung, sei der MDR seit Sendebeginn 1992 „eine der schlankesten Anstalten“ in der ARD. Es werde seit jeher „mit sehr wenig Personal zu sehr günstigen Kosten“ gearbeitet, betont auch ver.di-Senderverbandsvorsitzender Mario Stephan. Er erinnert zudem an zwei große Sparwellen seit 2005. Vor 2008 gab es beim MDR gar einen Einstellungsstopp, freigewordene Stellen wurden schon damals nicht besetzt. „Unser Personalbestand ist seit Ewigkeiten gedeckelt“, erklärt Dirk Gläßer. „Immer mehr Aufgaben, immer mehr Output, Trimedialität, crossmediales Arbeiten – und das alles am besten mit noch weniger Leuten.“ 2017 beschäftigte der MDR 2097 Festangestellte. Nur bei den 1610 arbeitnehmerähnliche Freien gab es geringe Zuwächse. Ein MDR-weites Gremium habe den Einsatz und die effektive Verteilung des Personals stets im Radar. Mit „permanentem Mangel und gefühlt zu wenig Stellen“ lebe man laut Gesamtpersonalratschef also seit langem.

Fotos: ARD/MDR

Der „Aufgabenstau“, der vielerorts daraus entstehe, mache Beschäftigte vor allem in kreativen und Technikbereich regelrecht „mürbe“, weiß Mario Stephan aus seiner eigenen Arbeit im Materialzentrum. „Manche Projekte kommen allein deshalb nicht zum Laufen, weil dafür schlicht die Planer fehlen. Die sind hier auf zwei Jahre im Voraus ausgelastet.“ Die aktuellen Sparbemühungen aus der Strukturreform dürften so „nur bei wenigen Beschäftigten direkt ankommen“. Am ehesten, vermutet der ver.di-Senderverbandschef, könne es wieder die Freien treffen, deren Honorare als Sachkosten abgerechnet werden.

Vernünftige Ansätze

Die Strukturreform-Ordner vor Augen, erkennt der Gesamtpersonalratsvorsitzende Dirk Gläßer darin „eigentlich viele vernünftige Ansätze“. Dass der Einkauf zentralisiert und beispielsweise Büromöbel nun einheitlich bemustert würden, sei wirtschaftlich. Auch eine ARD-zentralisierte Mediendaten-Archivierung mache Sinn. Ebenso der Infrastrukturangleich für das weltweite Korrespondentennetz. Eine einheitliche Sendeabwicklung für Hörfunk und Fernsehen, die bald komplett rechnergesteuert laufen soll, sieht er schon „eher personalrelevant“. Noch wisse man aber nicht, in welchem Umfang. Federführend ist der MDR bei der Harmonisierung der SAP-Prozesse in der Verwaltung beteiligt. Noch handhabt jede ARD-Sendeanstalt ihre Geschäftsabläufe unterschiedlich, Lösungen sind nicht kompatibel. „Vernünftige Harmonisierung würde bedeuten, dass 60 bis 70 Prozent aller Prozesse vereinheitlicht werden, dass aber auch Spielraum für Spezifika und Flexibilität bleibt“, so Gläßer. Trotz hoher Komplexität der Aufgabe sei die Strukturprojektgruppe konzeptionell schon gut vorangekommen. Ähnliche Prämissen – weitgehende Vereinheitlichung mit flexiblen Komponenten – sollten auch für den Service-Desk gelten: „Sehr vieles lässt sich auch da zentral machen. Bei akuten Störungen wäre es allerdings Unsinn, wenn der zuständige Messdienst von einer entfernten Zentrale ein Auftrags-Ticket zugesandt bekommt, obwohl er eigentlich im Nachbarzimmer sitzt.“ Gläßer plädiert für differenziertes Vorgehen mit Augenmaß.

Die Personalräte der ARD-Anstalten sieht er mit in der Pflicht. Sie könnten etwa helfen, eine „Best-of“-Synopse zu erarbeiten, um gute Erfahrungen anderer zu teilen. „Beim RBB gibt es zum Beispiel eine Usability-Managerin, die vor dem Einsatz neuer Hard- und Software deren Praktikabilität testet. Das wäre auch in den anderen Häusern nützlich.“ Damit sie in der Strukturreform eine aktive Rolle spielen und Mitbestimmungsrechte wahrnehmen können, schwebt dem Leipziger vor, auch bei den Beschäftigtenvertretungen „eine Art Federführungsprinzip“ einzuführen. Personalräte aus verschiedenen Sendern – am besten denen, die damit am intensivsten befasst sind – sollten für bestimmte Strukturprojekte im Beschäftigteninteresse die Fäden in der Hand halten. Enge Kooperation untereinander könne sichern, bei Bedarf neue Dienstvereinbarungen zu verhandeln oder bestehende zu aktualisieren. „Da werden wir uns beim MDR jedenfalls intensiv reinhängen“, ist Gläßer sicher.

Regeln für Freie – aber mit Hintertüren

Dass Personalräte und Gewerkschafter im MDR dem Reformprozess einigermaßen gefasst entgegensehen, dafür sorgt auch ein tarifliches Fundament. Für die aktuellen Vereinbarungen hatten die MDR-Beschäftigten an allen Standorten und beim KIKA – das öffentlich-rechtliche Programm von ARD und ZDF für die 3- bis 13-Jährigen wird federführend vom MDR in Erfurt produziert – 2017 vier Tage lang gestreikt. Vergütungssteigerungen in zwei Stufen für die Festangestellten zählten zum Ergebnis.

Für die arbeitnehmerähnlichen Freien wurde eine Krankengeldzahlung ab dem ersten Krankheitstag durchgesetzt. Mindesthonorare stiegen ebenfalls zweistufig. Da das nur wenige Freie betreffe, sei es noch wichtiger, dass erstmals auch die Effektivhonorare um insgesamt über sieben Prozent erhöht wurden. „Damit sind achtzig bis neunzig Prozent der Honorare erfasst“, schätzt Rüdiger Trojok, bis zum Sommer Vorsitzender der MDR-Freienvertretung. Doch enthalte die Regelung Hintertüren, die gerade für besonders flexibel arbeitende Freie Einbußen bringen können. Da müsse unbedingt nachjustiert werden. Insgesamt sei der Einkommensrückgang – zwischen Ende der 1990er Jahre und 2010 gab es keine kollektiven Honorarsteigerungen – durch die Tarifzuwächse noch immer nicht kompensiert. Die Waage zwischen auskömmlichem Einkommen und erträglicher Arbeitsbelastung gerate für viele sogar zunehmend in Schieflage. Und das Heer der Freien, zu den Arbeitnehmerähnlichen kämen noch Hunderte nur sporadisch Beschäftigte, bliebe „das größte und am leichtesten handhabbare Sparpotenzial“: einerseits durch die Vergabe von weniger Diensten, andererseits durch Arbeitsverdichtung. Redakteure müssten neuerdings zwei statt einen Beitrag pro Dienst liefern, Fernsehredakteure schneiden selbst Material am Laptop, für Außendrehs gäbe es „Single-EB-Teams“, wo früher drei Leute im Einsatz waren. Experimentiert werde vor allem im Nachmittagsprogramm und beim Sport.

Spezielles gilt für freie Mitarbeiter_innen mit Bestandsschutz. Ihre „nicht programmgestaltenden Tätigkeiten“ umfassen die von Ansagern über Bühnentechniker, Cutterinnen, Grafiker, Redaktions- und Regieassistentinnen bis zu Toningenieuren oder Multimedia-Producerinnen. Aufgrund „mehrjähriger und umfangreicher Beschäftigung beim Mitteldeutschen Rundfunk“ haben diese über 400 Personen laut Tarifvertrag von 2013 Anspruch auf einen „unbefristeten Honorarrahmenvertrag mit einer Angebotsgarantie“. Das sei „schon etwas“, so Trojok. Da dem Modell jedoch Honorareinkünfte vor 2010 zugrunde liegen und es keine Dynamisierung enthält, „sinkt der Wert dieser Garantie langfristig“. Weil der MDR in beträchtlicher Größenordnung mit Freien arbeite, wären bessere, verlässliche Sicherheiten für alle nur gerechtfertigt.

Wo die Senderstrategen in Digital-Agenda, trimedialen Redaktionen und dem „Ende von Mediengattungs-Silo-Denken“ das „große Plus“ für die Zukunft ausmachen, ortet der ver.di-Senderverbandsvorsitzende Mario Stephan „mittelfristig“ weitere Personalprobleme, die aus Innovationen wie der „Smart Production“ folgen dürften. Wenn sich zunehmend das Prinzip „Einer macht alles“ durchsetze, wenn Berufsbilder zusammenwachsen, stelle sich die Qualitätsfrage in neuer Schärfe. Gleichzeitig müsse man dann schauen, „Freigesetzte für sinnvolle andere Beschäftigung zu qualifizieren und alles sozialverträglich zu regeln“. Transparent und mit Augenmaß.

 

 

 

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