Funke Mediengruppe im Streichmodus

Die Zentrale der Funke-Mediengruppe in Essen.
Foto: Udo Milbret

Verkauft als Zukunftsprogramm mit der dazugehörigen „Neuaufstellung“ wurde heute massiver Stellenabbau bei der Funke Mediengruppe verkündet. Für den stellvertretenden ver.di-Vorsitzenden Frank Werneke ein „unverantwortlicher Kahlschlag“. Genaue Zahlenangaben macht Funke nicht! Inzwischen ist jedoch davon auszugehen, dass zirka 250 – nach neueren Infomationen* eher 350 – von rund 6000 Arbeitsplätzen bundesweit abgebaut sowie Redaktionen, Druckereien und Verlagsabteilungen geschlossen werden.

„Hier geht es um die Existenzgrundlage von unseren Kolleginnen und Kollegen und deren Familien. Sie haben bereits in den vergangenen Jahren zum Erhalt ihrer Arbeitsplätze Sparprogramme und Stellenabbau – mit der Folge erheblicher Arbeitsverdichtung und steigendem Druck – beitragen müssen. Und jetzt soll die Dosis ein weiteres Mal erhöht werden und zwar drastisch. Die Folgen für die Presse- und Meinungsvielfalt werden spürbar sein“, warnte Werneke und kündigte an, mit den in ver.di organisierten Beschäftigten mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln um jeden einzelnen Arbeitsplatz zu kämpfen.

Bereits jetzt brüste sich die Funke-Zentralredaktion damit, wesentliche Inhalte für die großen Funke-Medien (wie zum Beispiel das Hamburger Abendblatt, die Braunschweiger Zeitung, die Thüringer Allgemeine Zeitung oder auch die Westdeutsche Allgemeine Zeitung) bundesweit zu liefern und damit täglich mehr als fünf Millionen Menschen zu erreichen, heißt es in der ver.di-Pressemitteilung. Dass mit dieser Strategie weder der Bedarf an regionaler Berichterstattung gedeckt werden könne noch große wirtschaftliche Erfolge zu erzielen seien, liege auf der Hand. Statt einer vernünftigen Strategie für ausdifferenzierte Informationen im Norden, Westen, Osten oder der Mitte Deutschlands, wo vollkommen unterschiedliche gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen herrschen, werde Einheitsbrei produziert. „Durch eine Kette an publizistischen und unternehmerischen Fehlentscheidungen wird ein einstmals stolzer und bedeutender Verlagskonzern systematisch vor die Wand gefahren. Ordentliche Gewinne sind offenbar wichtiger als die Kolleginnen und Kollegen und die Qualität der Funke-Medien“, kritisierte Werneke.

Seit Wochen brodelt es im Funke-Konzern, ist die Rede von Expansion und „Zukunftsprogramm Funke 2022“. Heute wurden nun Betriebsräte sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der betroffenen Bereiche über die Planungen im Tageszeitungsbereich informiert. Dieser werde „im Sinne maximaler Kosteneffizienz neu aufgestellt“, einhergehend mit einem „strategischen Kostensenkungsprogramm an allen Standorten, das auch Personalabbau beinhaltet“, heißt es bei Funke.

So müsse in Nordrhein-Westfalen die Ausgabe der Westfalenpost in Warstein aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt werden. „Aufgrund der strukturell rückläufigen Tageszeitungsauflagen“ wird die Druckerei in Essen mit 120 Arbeitsplätzen geschlossen. Die Druckaktivitäten von Funke sollen an dem größeren Standort Hagen zusammengeführt werden. „Mit den Mitarbeitern des Essener Betriebes bzw. deren Vertretern wird zeitnah darüber beraten, inwiefern Beschäftigungen am Standort Hagen möglich sind“, so die ungenaue Funke-Angabe. Die Rede ist inzwischen von etwa zwei Dritteln der Essener Beschäftigten, die in Hagen unterkommen könnten.

„Resultierend aus dem sich stetig rückläufig entwickelnden Print-Werbegeschäft“ sollen in Braunschweig die Wochenblattaktivitäten reduziert werden. In Hamburg sei eine zentrale Redaktion für alle Wochenblätter geplant. Für die Berliner Morgenpost würden zurzeit „Möglichkeiten eines effektiven Digitalkurses geprüft“. Das Kompaktformat werde eingestellt, „da über 90 Prozent der Leserinnen und Leser das Großformat oder die Digitalausgabe bevorzugen“. Die Thüringer Titel wolle man offenbar ins Digitale überführen, denn hier würden „Szenarien erarbeitet, wie eine Versorgung der Leserinnen und Leser in ländlichen Gebieten mit digitalen Angeboten gewährleistet werden kann“. „In der Berliner Zentralredaktion sollen die Aufgaben des Service-Ressorts ausgelagert, Redakteursstellen in der Produktion abgebaut werden“, heißt es bei Funke. Die 2015 gegründete Zentralredaktion hat in Berlin 75 Beschäftigte. Mit den Außenposten in Hamburg, Braunschweig, Essen und Erfurt sind es insgesamt 94. Davon sollen 22 Stellen wegfallen.

Auch in der Werbevermarktung komme man „leider nicht am Abbau von Stellen vorbei“, so Funke-Geschäftsführer Ove Saffe. Der Vertrieb werde „standortübergreifend zentralisiert und optimiert“. Die kaufmännischen Bereiche würden ebenfalls umstrukturiert.


*Aktualisierung am 8. Februar 2019:

Die Betriebsräte der Funke Mediengruppe haben sich unmittelbar nach Verkündung der Einschnitte mit einer Erklärung an die Beschäftigten gewandt.

„Wir sind enttäuscht und irritiert darüber, wie mit den Mitarbeitern dieses Hauses umgegangen wird“, heißt es darin. Noch vor zwei Wochen habe Aufsichtsratsvorsitzende Julia Becker in der neuen Essener Zentrale betont, wie wichtig engagierte Mitarbeiter seien – wohl wissend, dass zahlreiche Kolleg*innen in Kürze ihre Stellen verlieren werden. „Das halten wir für zynisch und hat mit Wertschätzung verdienter Mitarbeiter, die teils seit Jahrzehnten für das Unternehmen arbeiten, nichts zu tun“, kritisieren die Interessenvertreter*innen. In dem Papier der Betriebsräte wird zu dem ungenauen, doch massiven Personalabbau festgestellt:

„Knapp 300 Stellen werden allein in NRW gestrichen. Dazu gehören nach unseren Informationen 120 Kolleginnen und Kollegen aus dem Anzeigenbereich, 40 Drucker (der Druckstandort Essen wird geschlossen), die Hälfte der bislang 46 Volos, zehn Mediengestalter, zwei Onliner sowie knapp 40 Redakteure. 14 davon sollen es bei der WAZ sein, 14,5 bei der WP sowie eine bislang noch nicht konkret benannte Zahl bei der NRZ. Auch bei den Sekretariaten aller NRW-Titel soll gespart werden. Noch ist unklar, wie viele Kolleginnen es treffen wird.“


Eigentlich war ein „normaler“ Streik im Rahmen der Tarifrunde Druckindustrie geplant. Doch am 7. Februar geriet der Ausstand der Beschäftigten des Funke-Druckzentrums Essen zu einem energischen Protest gegen die geplante Schließung ihres Zeitungsdruckbetriebes. Wieviele der 120 Beschäftigtgen die Chance auf eine Weiterbeschäftigung haben werden, war zu diesem Zeitpunkt noch völlig offen.
Foto: Udo Milbret

 

 

nach oben

weiterlesen

Medienwirtschaft erholt sich langsam

Den statistischen Indizien nach erholt sich die Medienwirtschaft von den Pandemiefolgen. Die längerfristigen Trends bleiben allerdings ungebrochen: Die Auflagen der gedruckten Periodika schrumpfen, Video- und Audiostreaming verändern die Marktanteile zu ihren Gunsten und erzeugen offenbar auch andere Nutzungsgewohnheiten. Die Buchbranche hält sich stabil, wobei sich die Gewichte vom Laden- zum Onlineverkauf verschieben. Auch bei den Kinos sprießen neue Hoffnungen.
mehr »

„green motion“ in der Film- und TV-Branche

Ein breites Bündnis wesentlicher Branchenvertreter*innen des deutschen Film-, TV- und VoD-Marktes hat sich entschlossen, einen großen Teil ihrer Inhalte zukünftig klima- und ressourcenschonend herzustellen. Damit sollen in relevantem Maße CO2-Emmissionen vermieden werden. Im Arbeitskreis „Green Shooting“ wurden hierzu erstmals einheitliche ökologische Mindeststandards für nachhaltige Produktionen entwickelt und sich in einer Nachhaltigkeitsinitiative ab 1. Januar 2022 zu deren Einhaltung verpflichtet.
mehr »

Begegnung mit dem Datenschatten

Die Berliner Künstler*innen-Gruppe Laokoon hat mit #madetomeasure ein investigativ-künstlerisches Datenexperiment realisiert. Sie hat Szenen aus dem Leben einer realen Person rekonstruiert, indem sie deren Google-Suchen ausgewertet hat. Das Projektergebnis ist als Film und Website zu besichtigen. Bilanzierend erkennen die Macher, „welches mächtige Werkzeug“ es auch für Manipulatoren sein kann, mit IT massenhaft psychologische Profile zu erstellen.
mehr »

ARD stellt Weichen für ein neues Programm

Die ARD geht in die Offensive und beginnt Anfang des nächsten Jahres mit dem digitalen Umbau ihres Programms. Im Fokus stehen das Erste und die ARD Mediathek, beide sollen künftig mit einem attraktiven Angebot für Jung und Alt aufwarten. Mehr Dokumentationen, eine neue Wissensendung, neue vertiefenden Gesprächsformate, mehr Reportagen und mehr Comedy. Dazu kommen eigenproduzierte und internationale fiktionalen Serien-Highlights – mindestens 25 im Jahr.
mehr »