Journalismus gezielt nach Bedarf fördern

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Im digitalen Zeitalter funktioniert das klassische Geschäftsmodell der Printmedien nicht mehr. Auflagen und Anzeigenerlöse schwächeln. Vor allem im Lokalen bedroht die Medienkonzentration bereits die Meinungsvielfalt in Deutschland, findet die Grüne Bundestagsfraktion. Und lud in Berlin Experten und Medienschaffende zu einem Fachgespräch ein. Das Thema: „Was ist uns ein guter und vielfältiger Journalismus wert?“

Horst Röper, Leiter des Formatt Instituts Dortmund, lieferte im Parforceritt Grunddaten zur Medienkonzentration in Deutschland. In den elektronischen Medien gebe es nach wie vor ein ausgewogenes Verhältnis zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendergruppen. Zur „inhaltlichen Vielfalt jenseits der Unterhaltung“ trügen allerdings vor allem die öffentlich-rechtlichen Programme bei. Im Bereich der Publikumszeitschriften dominierten bundesweit seit langem fünf Verlagsgruppen. Trotz rückläufiger Auflagen gebe es hier noch einen funktionierenden Markt, vor allem dank der Kreativität der Branche und einem Grosso-System, das für Zugänglichkeit sorge.

Völlig anders dagegen die Situation auf dem Markt der Tageszeitungen. Hohe Zutrittsbarrieren verhinderten die Gründung neuer Titel. Die horizontale Konzentration sei hoch: Die zehn größten Verlagsgruppen verkauften an die 60 Prozent der Gesamtauflage aller Blätter. Kernproblem sei die „unzureichende Vielfalt im Journalismus“. Dies gelte vor allem für die lokale Berichterstattung. Gerade hier habe die Monopolisierung in den letzten Jahren extrem zugenommen. „Verlage haben zahlreiche Ausgaben eingestellt, vermeiden den Wettbewerb untereinander und monopolisieren ganze Regionen“, sagte Röper und nannte als Beispiel Madsack mit seinem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Länderpolitik bisher zu passiv

Auch die mit dem Aufkommen des Internets verknüpfte Hoffnung, neue Portale könnten gerade lokal für publizistische Vielfalt sorgen, seien „zumindest vorläufig zerstoben“. Trotz einzelner Erfolge fehle ein solches Angebot „in der Fläche“. Im föderalen System seien die Bundesländer für politische Lösungen zur Behebung lokaler Medieneinfalt zuständig. Diese hätten sich bislang jedoch eher passiv verhalten. Immerhin hätten die Länder unlängst eine „Arbeitsgruppe regionale Vielfalt“ gegründet, die auch die Situation lokaler Zeitungen „in den Fokus nehmen soll“. Auf lokaler Ebene sei Vielfaltsicherung besonders relevant, „weil vielerorts einzelne Anbieter eine multimediale Dominanz innehaben“.

Wenn vor allem die Zeitungen „beim Übergang von der analogen zur digitalen Welt“ schwankten, müsse die öffentliche Hand sie stützen, forderte Röper. Ob diese Förderung aus Steuerverzicht oder aus direkten Zahlungen bestehe, sei nicht so relevant. Eine Förderung mit der Gießkanne, wie sie die Bundesregierung beim Zeitungsvertrieb anstrebe, sei allerdings „teuer und ineffizient“. Sinnvoller wäre es, gezielt da zu fördern, „wo nachgewiesener Bedarf besteht“.

Tagesspiegel mit stabilisierter Auflage

Es folgten Erfahrungsberichte über Strategien beim Übergang in die digitale Ära von Vertretern zweier Berliner Zeitungen. „Tagesspiegel“-Chefredakteur Lorenz Maroldt sagte, anders als bei den Wettbewerbern „Berliner Zeitung“ und „Berliner Morgenpost“ habe sich die Auflage des „Tagesspiegel“ stabilisiert, steige sogar unter Einschluss der e-paper leicht an. Ab dem nächsten Jahr werde der Verlag eine Paywall einführen.

Neben der Breite, die eine Regionalzeitung bedienen müsse, erreiche der „Tagesspiegel“ auch mehrere „relativ spitze Zielgruppen mit spezifischen Angeboten“. Dies geschehe im Rahmen einer Fachinformationssparte, kleinen Einheiten mit jeweils fünf bis sieben Redakteur*innen, die sich speziell um ein Fachgebiet kümmern. Gerichtet an einen kleinen Kreis Interessierter, „die dafür mit monatlichen Abokosten von 150-170 Euro relativ viel Geld bezahlten. Maroldt nannte beispielhaft die Themen Energie, Mobilität, Digitales, Gesundheit. Die Einheiten, die diese „Backgrounds“ produzierten, finanzierten sich selbst, würden aber auch mit dem Hauptstadtbüro des Zentralblatts kooperieren. Die dadurch auf rund 40 Redakteur*innen angewachsene Wirtschaftsredaktion könne mit der „Süddeutschen Zeitung“ und der FAZ gut mithalten.

Andere Zielgruppen würden mit kostenlosen, rein werbefinanzierten Angeboten adressiert. Große Popularität genieße Maroldts „Checkpoint“, ein Morgen-Newsletter für Menschen, die sich nicht mehr die Zeit nehmen, die komplette Tageszeitung zu lesen. Seit einem halben Jahr werde ein erweiterter Newsletter erfolgreich auch per Monatsabo für 6,99 Euro angeboten. Zugleich biete der „Tagesspiegel“ mittlerweile jährlich rund 250 Veranstaltungen an, „von einem kleinen Business-Frühstück bis zu einer internationalen Konferenz wie „Global Solutions“. „Wir sind heute noch nicht befreit aus der Krise“, resümierte Maroldt, „aber wir sind Gestalter der Revolution“.

taz künftig nur noch am Wochenende gedruckt

Die alternative „tageszeitung“ (taz) geht andere Wege, um künftig in der digitalen Welt zu überleben. Ab 2022 soll sie nach dem Willen der Geschäftsführung nur noch am Wochenende in gedruckter Form erscheinen. Wie das gehen soll „ohne auch nur eine einzige Stelle abbauen zu müssen“, erläuterte Nicola Schwarzmaier, taz-Leiterin „Digitale Transformation“. Voraussetzung sind bis dahin der Zugewinn von jeweils 20.000 e-paper-Abos, Wochenend-Abos, Kombi-Abos sowie 20.000 Leser*innen, die nach dem Freiwilligkeitsprinzip („taz zahl ich“) einen Finanzierungsbeitrag leisten. Funktionieren könne das, weil gleichzeitig die hohen Druck- und Vertriebskosten für die Printausgabe entfielen. Man sei aber nicht sklavisch auf das Jahr 2022 fixiert: „Wenn wir länger drucken können, dann drucken wir länger“, sagte Schwarzmaier.

Wie kann die Politik angesichts der Konzentrationstendenzen unter Wahrung der Staatsferne und der wirtschaftlichen Unabhängigkeit dazu beitragen, die Medienlandschaft vielfältiger zu machen? Mögliche Lösungsstrategien zeigte Margit Stumpp, medienpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, auf. Denn: „Wenn keine flächendeckende mediale Grundversorgung mehr gegeben sei, haben wir ein schwerwiegendes Demokratie- und Teilhabeproblem“, konstatierte Stumpp. Als positive Ansätze nannte sie spenden- oder stiftungsbasierten Journalismus, der allerdings über ein Nischendasein kaum hinauskommen werde. Denkbar sei auch eine direkte Förderung über Zuschüsse, möglicherweise gespeist aus einem noch zu etablierenden Förderfonds.

Initiative für Gemeinnützigkeit

Auch die indirekte Förderung über Steuererleichterungen werde diskutiert. Eine Senkung des Mehrwertsteuersatzes sei allerdings zu unspezifisch und fördere vor allem die Verlage. Zielgerichteter wäre eine indirekte Förderung über die Abgabenordnung. Nicht-kommerzielle Vereine, Stiftungen und Initiativen, die den Pressekodex einhalten, könnten demnach als gemeinnützig anerkannt und von der Abgabenordnung befreit werden. „Wir begrüßen deshalb den Bundesratsantrag der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei“ sagte Stumpp, „damit kommt Bewegung in die Debatte“. Damit setzen sich die NRWler für die „Gemeinnützigkeit von nicht-kommerziellem Journalismus“ ein.

 

 

 

 

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