Mehr Häuptlinge, weniger Indianer

Berliner Verlag kontert verlorenen Prozess mit Mobbing-Zimmer

In den Redaktionen kreist der Rotstift und auch prominente Namen sind nicht mehr unbedingt sakrosankt. Beim Berliner Verlag sollen mehr als dreißig Redakteure, Pauschalisten und Sekretärinnen gehen, auch die Kolumne von Erich Böhme wird eingestellt.

Erich Böhme, einst Herausgeber der „Berliner Zeitung“ wollte aus dem Blatt die „Washington Post“ Deutschlands formen. Daraus wurde bekanntlich nichts und nun soll auch seine Kolumne „Betrachtungen zum Wochenende“ zum Jahresende eingestellt werden. Als Ex-Spiegel-Chef und ehemaliges Zugpferd von Talk im Turm ist Böhme zwar das prominenteste Opfer, aber nicht das einzige der jüngsten Streichorgie beim Berliner Verlag („Berliner Zeitung“, „Berliner Kurier“, BerlinOnline).

Mitte Oktober informierte die Geschäftsleitung die Belegschaft, dass aufgrund sinkender Anzeigenerlöse ein weiterer Personalabbau unvermeidlich sei. Auf einer Betriebsversammlung musste Geschäftsführer Ove Saffe aber einräumen, dass der Verlag bereits im zweiten Jahr hintereinander „schwarze Zahlen“ schreibt. Um Kündigungen zu verhindern, forderten Betriebsrat und Belegschaft eine Beschäftigungsgarantie. Im Gegenzug boten sie Modelle wie Altersteilzeit, Teilzeit und eventuell sogar Einschnitte in tarifvertraglichen Leistungen an. Doch die Verlagsoberen lehnten dies kategorisch ab. „Diese sture Haltung ist nicht mehr zu verstehen“, stellte die Betriebsratsvorsitzende Renate Gensch fest.

Als entbehrlich wird offenbar die Kulturseite beim „Berliner Kurier“ betrachtet – das Ressort wird aufgelöst. Sechs Redakteure und vier Pauschalisten sollen die Boulevardzeitung verlassen. Wenn künftig der Tipp-Fehlerteufel bei der „Berliner Zeitung“ zuschlägt, könnte es daran liegen, dass das Korrektorat mit fünf Beschäftigten abgeschafft wird. In der Redaktion sollen voraussichtlich elf bis 14 Pauschalisten ihre Verträge verlieren. Zusätzlich plant die Geschäftsleitung, neun Sekretärinnen im Verlags- und Redaktionsbereich zu entlassen. Der Vertrag mit dem so genannten U-Bahnfernsehen „Berliner Fenster“ wird nicht verlängert und läuft zum Jahresende trotz einer Drei-Jahres-Option aus. Vier befristet beschäftigte Redakteure sind betroffen.

Alle siegten vor Gericht

Während die „Indianer“ um ihre Arbeitsplätze bangen, konnten neue Gesichter unter den „Häuptlingen“ begrüßt werden. Seit Juli hat der „Berliner Kurier“ mit Hans-Peter Buschheuer einen neuen Chefredakteur. Der „Berliner Kurier“ erhielt auch einen neuen Lokalchef nebst neuer Stellvertreterin. Zusätzlich eingestellt wurden ein Art- Director und ein weiterer Vize-Chefredakteur. Auch optisch soll sich das Boulevardblatt verändern, der Guru des Zeitungs-Designs Mario Garcia arbeitet bereits an einem Relaunch.

„Seit Mitte Juni 2001 gab es 83 Kündigungen, 37 mehr oder weniger freiwillige Abgänge und zusätzlich 13 ruhende Arbeitsverhältnisse im Verlag“, sagte Renate Gensch. Doch nicht immer sind Entlassungen so leicht durchzusetzen, wie sie in der Chefetage beschlossen werden. Die Personalabteilung musste bereits herbe Schlappen vor Gericht einstecken. „Auch die von den neuen Kündigungen Bedrohten haben beste Chancen, ihre Prozesse zu gewinnen“, ist sich Renate Gensch sicher. „Denn bisher haben alle gewonnen, die vor Gericht gezogen sind.“ Erfolgreich waren auch acht Redakteure von „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ einer früheren Entlassungswelle. Sie siegten in der zweiten Instanz vor dem Landesarbeitsgericht (LAG) Berlin und können nun zurückkehren. Das Gericht stellte fest, dass die Sozialauswahl falsch war und der Verlag nicht nachweisen konnte, dass ihre Arbeit weggefallen ist. Eine Redakteurin trat bereits Ende Juli ihren Dienst beim „Berliner Kurier“ wieder an und landete anstatt in der Lokalredaktion prompt in einem der berüchtigten „Mobbing-Zimmer“ – einem Raum fernab des Redaktionsgeschehens. Dort saß sie allein und ohne Arbeitsaufträge. An ihrem ersten Arbeitstag wurde sie per E-Mail, wie alle anderen, zur Redaktionskonferenz eingeladen. Drei Stunden später untersagte ihr die Personalchefin, künftig an Sitzungen teilzunehmen, ohne ausdrückliche Einladung der Chefredaktion. Die Redakteurin beschwerte sich beim Betriebsrat, der dem Verlag eine Frist setzte, um die Ungleichbehandlung einzustellen und sie in den Redaktionsablauf zu integrieren. Die Proteste blieben zunächst wirkungslos, erst als eine Einigungsstelle vom Arbeitsgericht eingesetzt werden sollte, lenkte die Geschäftsleitung ein. Die Redakteurin erhielt nun wieder einen Arbeitsplatz in der Lokalredaktion des „Berliner Kurier“.

Keine DDR-Geschichte mehr?

Sieben Redakteure, die ebenfalls zurückkehren können, wird der Umweg über eine „Isolierstation“ nun erspart bleiben. Darunter ist auch eine Kollegin, deren Kündigung bundesweit hohe Wellen schlug. Die Personalabteilung hatte ihre Entlassung mit dem Wegfall ihres Spezialgebiets, der DDR-Geschichte, begründet. „Artikel, die sich mit der Aufarbeitung der DDR-Geschichte auseinandersetzen“, sollen „in Zukunft nicht mehr recherchiert, geschrieben oder gedruckt werden“, hieß es in einer Mitteilung an den Betriebsrat. Nicht nur etliche DDR-Oppositionelle protestierten, auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse äußerte öffentlich sein Befremden über die neue Linie des Blattes. In einer gemeinsamen Presseerklärung versuchten Chefredakteur Uwe Vorkötter und der damalige Verlagsgeschäftsführer Torsten-Jörn Klein das ramponierte Image der Zeitung zu retten. Der Erfolg im Westen sei kein Grund, jene Themen aus der Berichterstattung auszuklammern, die nach wie vor speziell den Osten Berlins und Deutschlands beschäftigen, versicherten die beiden. Schon ein flüchtiger Blick in die „Berliner Zeitung“ genüge, um gegenteilige Behauptungen ad absurdum zu führen.

Spezialistin bleibt

Der Betriebsrat zählte mehr als 1.000 Artikel in der Zeit von Dezember 2002 bis Juli 2003 zu diesem Themenkomplex. Gegenüber dem Gericht argumentierte der Verlag jedoch, dass über die DDR-Geschichte nicht mehr so umfassend berichtet werde. Unter den interessierten Blicken von Vertretern anderer Medien verlor der Berliner Verlag den Prozess und kann sich nun rühmen, wieder eine ausgewiesene Spezialistin für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte zu beschäftigen.

 

nach oben

weiterlesen

Bald Wirtschaft vor Politik beim „Stern“?

Der Verlag Gruner und Jahr (G+J) sieht sich als Bollwerk des Qualitätsjournalismus. Die Einsendefrist für den prestigeträchtigen Nannen-Preis läuft gerade, der Mutterkonzern Bertelsmann ruft 2021 als “JAhr zur Wahrheit” aus. In der Qualitätsoffensive sollen auch G+J-Titel kräftig mitspielen. Dazu passt es schlecht, dass das G+J-Flaggschiff „Stern” und die Wirtschaftstitel „Capital” und „Business Punk” eine gemeinsame Politikredaktion bilden sollen – unter Führung des „Capital”-Chefredakteur Horst von Buttlar.
mehr »

Diamant „Süddeutsche“ mutiert zum Kiesel

In der Belegschaft der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) wächst die Wut. Der Sparkurs der Südwestdeutschen Medienholding geht allmählich an die Substanz, finden viele. Nach pandemiebedingter Kurzarbeit wurden jetzt 50 redaktionelle Arbeitsplätze gestrichen. Die neue Digitalstrategie des Konzerns gefährdet nach Auffassung vieler die Position der „Süddeutschen“ als Marktführerin im deutschsprachigen Qualitätsjournalismus.
mehr »

Durchschaubarer Versuch

Das in der „Welt“ veröffentlichte Schreiben von Matthias Döpfner an EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen gegen die Daten-Allmacht amerikanischer und chinesischer Tech-Giganten ist „wohlfeil“ und „durchschaubar“. Es sei vor allem der Versuch, einen Teil vom Kuchen der Konkurrenz auf dem Teller des eigenen Medienunternehmens landen zu lassen, heißt es in einem Offenen Brief des stellvertretenden dju-Vorsitzenden Peter Freitag an den Vorstandschef von Axel Springer.
mehr »

Globale Allianz für Arbeitnehmerrechte bei Alphabet

Die erst kürzlich von Mitarbeiter*innen des Google-Konzerns in den USA gegründete „Alphabet Workers Union“ hat sich zur weltweiten Allianz“ Alpha Global“ zusammengeschlossen. Beteiligt sind 13 Gewerkschaften aus zehn Ländern, darunter Großbritannien, die Schweiz und mit ver.di auch Deutschland. Ziel sei es, gemeinsam Alphabet so zu verändern, dass es „die Menschen- und Arbeitnehmerrechte in all seinen Niederlassungen und in seiner Lieferkette weltweit achtet und respektiert“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung.
mehr »