„n-tv verabschiedet sich in die Provinz“

Verbitterte Beschäftigte fordern sozialverträglichen Senderumzug

Mit Wut im Bauch und um „vor den Honoratioren des Bertelsmann-Verlages Flagge zu zeigen“, waren am Abend des 20. April etwa 130 Beschäftigte des Berliner Nachrichtensenders n-tv vor die Bertelsmann-Residenz gekommen, wo zeitgleich eine Pressekonferenz zur Zukunft der RTL-TV-News stattfand. Die n-tv-Beschäftigten protestierten gegen den Mitte März beschlossenen Umzug ihres „Hauptstadtsenders“ ins Mutterhaus des Hauptgesellschafters RTL nach Köln.

„Herr Mahr, wie lange wird es n-tv noch geben? Wie soll Fernsehen ohne Technik gemacht werden? Wenn die Programmqualität weiter sinkt, wie wollen Sie dann wieder schwarze Zahlen schreiben? Dass hier etwas ’sozialverträglich‘ abläuft, den Eindruck haben wir gar nicht!“ Hans Mahr, Informationsdirektor von RTL-Television und zugleich stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des Nachrichtensenders n-tv, war Unter den Linden von aufgebrachten Beschäftigten umringt worden. Soziale Härten für einzelne Beschäftigte seien bedauerlich, im Interesse der Zukunftssicherung des Senders aber unvermeidlich, verteidigte Mahr die Pläne der Geschäftsführung: „Es gibt eine technologische Umwälzung wie im Druckbereich vor zehn Jahren. Die Mitarbeiterzahl bei n-tv ist dreimal so hoch wie bei vergleichbaren Nachrichtensendern in Europa. Sie sollten es positiv sehen, dass der allergrößte Teil der Arbeitsplätze dauerhaft erhalten werden soll…“

Durch den Umzug fallen in Berlin etwa 240 feste Arbeitsplätze weg. Hunderte Freie verlieren den Auftraggeber. Nur ein Teil der Politikredaktion, insgesamt 24 Stellen, sollen nach dem Mitte März beschlossenen Umzugsplan noch an der Spree verbleiben. Bei RTL in Köln werden dafür zehn Millionen Euro in ein digitales Sendezentrum investiert. Gerechnet wird für die technische Innovation außerdem mit Fördergeldern des Landes Nordrhein-Westfalen in Höhe von etwa einer Mio. Euro. Für den angeschlagenen Nachrichtensender, der 2002 rund 23 Mio. Euro Verluste einfuhr, die 2003 nur wenig sanken, soll das Minus so im laufenden Jahr auf eine einstellige Millionensumme gedrückt werden. Der als Sanierer fungierende Geschäftsführer Johannes Züll will Ende 2005 wieder schwarze Zahlen schreiben.

Dem n-tv-Betriebsrat sind im Anhörungsverfahren bisher 89 Beendigungs- und etwa 120 Änderungskündigungen vorgelegt worden, Ende April sollen sie zugestellt werden. Betriebsratsmitglied Holger Dittberner: „Ganze Abteilungen – Schnitt, Regie und Messtechnik werden dicht gemacht. Drei Viertel der Betriebsräte sind davon betroffen, auch ich selbst.“ Außerdem kritisiert die Interessenvertretung, dass etliche der „Angebote“ für Beschäftigte, nach Köln umzuziehen, mit hohen Einkommensverlusten verbunden seien oder gar einer Kündigung gleichkämen: „Wie sollen behinderte Kollegen, chronisch Kranke oder alleinerziehende Mütter mit Kleinkindern sich auf so ein Abenteuer einlassen, wenn es nicht einmal befristete Beschäftigungsgarantien für Köln gibt?“ Absicht vermutet Betriebsratsvorsitzende Ingrid Rennewald hinter solchen Angeboten. Zumal es hieße, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die den Wechsel ablehnen, gar bei Abfindungen leer ausgehen sollen. Den bisher avisierten Umfang eines Sozialplans hält die Betriebsratsvorsitzende für zu niedrig, wollte aber keine Zahlen nennen. Natürlich gestalteten sich unter diesen Umständen Verhandlungen „äußerst schwierig“.

ver.di fordert die n-tv-Geschäftsführung zu Tarifverhandlungen auf, um die Sozialverträglichkeit des Senderumzugs abzusichern. Neben Arbeitsplatzgarantien für die verbleibenden Beschäftigten und Mindestabfindungshöhen wird verlangt, den Ende 2003 von Arbeitgeberseite gekündigten Haustarifvertrag wieder in Kraft zu setzen sowie Umzugs- und Mobilitätshilfen für die Beschäftigten zu vereinbaren, die nach Köln gehen müssen.


n-tv wurde 1991 als erster und unabhängiger Nachrichtensender in Berlin gegründet und ging am 30. November 1992 auf Sendung. Die RTL Group stieg zu Jahresbeginn 2003 mit einer Investitionssumme von zehn Millionen Euro ein. Als Sanierungsbeitrag der Beschäftigten setzte die n-tv-Geschäftsführung fünf Prozent Gehaltsverzicht, die Anhebung der Arbeitszeit auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich und den Verzicht auf die tarifliche Gehaltserhöhung um 2,2 Prozent durch.

Am 31. August 2004 um 0 Uhr soll der Sendebetrieb in Berlin eingestellt werden.

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