Non-Profit bedeutet nicht Ehrenamt

„Viele denken bei Gemeinnützigkeit an Ehrenamt“, so Günter Bartsch, Geschäftsführer beim Netzwerk Recherche (nr) und zuständig für die Förderung gemeinnütziger Journalismus-Projekte und Gründungen. Das sei so ein „typisches Missverständnis“, berichtet er von seinen Erfahrungen mit der Gründertour, die das Netzwerk in diesem Jahr mit Kooperationspartnern gestartet hat.

Günter Bartsch, Geschäftsführer beim Netzwerk Recherche (nr) und zuständig für die Förderung gemeinnütziger Journalismus-Projekte und Gründungen
Foto: Privat

Natürlich müssen Journalist_innen auch vernünftig bezahlt werden und nicht „für lau“ arbeiten, betonte er während der verschiedenen Stationen der Gründertour in Hamburg, Dortmund und Düsseldorf. Gemeinnütziger Journalismus sei zwar ein „Non-Profit“-Modell, aber wenn er finanziell nachhaltig sein soll, müssten die Gründer_innen auch davon leben können. Ein Ziel sei deshalb, Steuern zu sparen, indem man in der Abgabenordnung als gemeinnützig anerkannt wird. Das können alle Start-ups, die als Verein, GmbH oder UG organisiert sind, beim Finanzamt beantragen. Die steuerliche Anerkennung ist Ländersache und wird unterschiedlich gehandhabt, wie das Netzwerk Recherche beim Umzug von Hessen nach Berlin selbst erlebte. Gründer_innen sollten  deshalb schauen, welche Non-Profit-Projekte es in einem Bundesland gibt und mit welchem Förderzweck ihre Gemeinnützigkeit erreicht wurde. Bei lokalen Projekten sei es wegen ihrer thematischen Spannbreite schwieriger. Da gelte es, verschiedene Zwecke – etwa Tierschutz und Verbraucherschutz – zu kombinieren.

Durch die Kooperation mit der NRW-Medienanstalt LfM und ihrer Stiftung Vor Ort lag ein Schwerpunkt der Gründertour auf lokaljournalistischen Projekten – „ein interessantes Spielfeld“, so Bartsch, denn die Lücken im Informationsangebot durch Einsparungen der Verlage bieten ein „großes Potential“ für Neugründungen. Als ein Beispiel nannte er mit Blick über den deutschen Tellerrand The Bristol Cable in Großbritannien, das eine „starke Communitybindung“ habe. Etwa 2000 Mitglieder finanzieren die Medien-Genossenschaft, in der nach einer zweijährigen Durststrecke nun fest angestellte Journalist_innen für die Online- und Printausgaben bezahlt arbeiten können. Neben Mitgliedsbeiträgen und Stiftungsgeldern ist Werbung eine weitere Finanzierungsquelle.

In den USA habe das „Institute for Nonprofit News“, das gemeinnützige Projekte wie etwa Voice of San Diego, ProPublica oder Investigative Post unterstützt, schon 120 Mitglieder. Die Szene in Deutschland schätzt Bartsch mit etwa 20 bis 30 Projekten (ohne Offene Kanäle) als „sehr überschaubar“ ein. Mit der Gründertour sollten auch Start-ups gefördert werden, die zwar formal nicht gemeinnützig sind, aber die Ziele teilen – wie Mitbestimmung und Demokratie stärken. Sie erhielten z.B. Tipps, wie sie ein Crowdfunding organisieren können.

Das „Interesse war groß“, aber das Thema Gemeinnützigkeit „komplettes Neuland“, resümiert Bartsch die Gründertour 2017. Im nächsten Jahr geht es weiter – zunächst in Babelsberg, wo innovative Techniken für Multimediales im Fokus stehen. Nachdem man erste Informationen über Tagungen und Seminare verbreitet habe, würden diese nun in einer Broschüre zusammengestellt und auf einer Website veröffentlicht. Demnächst solle in kleinen Workshops gezielt an einzelnen Projekten gearbeitet werden.

nach oben

weiterlesen

„Katapult“ wird nun auch online gespannt

Mecklenburg-Vorpommern ist flach und dünn besiedelt. Gleiches gilt für die dortige Print-Medienlandschaft. Gerade mal drei Tageszeitungen versorgen die 2,5 Millionen** Einwohner*innen mit News und Unterhaltung. Ein Greifswalder Startup will jetzt für mehr Vielfalt sorgen. Nahezu zeitgleich mit den ersten Urlaubern schnellte Katapult MV, eine digitale Lokalzeitung für Mecklenburg-Vorpommern, seine ersten Botschaften ins ansonsten wenig aufregende mediale Flächengetümmel.
mehr »

Hundert Antworten für eine smarte Zukunft

Wir sitzen im goldenen Käfig und merken es nicht mal: Holger Volland gibt in seinem Buch „Die Zukunft ist smart. Du auch?“ hundert Antworten auf die wichtigsten Fragen zum digitalen Alltag. Im Interview spricht er über die Herausforderungen und Risiken der Digitalisierung und verdeutlicht, warum der Wandel nicht nur die Politik, sondern uns alle angeht: weil jede Nutzung sogenannter smarter Technologien ihren Preis hat.
mehr »

Ohne Kino: „Ben Hur auf der Armbanduhr“

Im Rahmen der Ausstellung „Die große Illusion“, mit der die Stadt Bielefeld seit September die Geschichte des Kinos würdigt, diskutierten am 11. Mai einheimische Kinobetreiber*innen mit dem langjährigen Berlinale-Leiter Dieter Kosslick über die Frage „Stirbt das Kino?“. Hintergrund des Gesprächs waren nicht nur die Schließungen aufgrund der Corona-Pandemie, sondern auch der scheinbar unaufhaltsame Siegeszug der Streamingdienste. Das Fazit war eindeutig: Das Kino wird überleben. Aber klar wurde auch: Einfach wird es nicht.
mehr »

Journalismus jenseits von Profit

Liegt die Zukunft des Journalismus jenseits von Profit? Noch ist spendenfinanzierter Journalismus in Deutschland die Ausnahme. Ein wesentlicher Grund: Bislang fehlen dafür die gesetzlichen Grundlagen. Nicht nur Aktivisten wollen, dass sich das ändert. Lässt sich die Politik im Bundestagswahlkampf dahin bewegen? Diese und andere Fragen stellten wir Oliver Moldenhauer, einem der Vorsitzenden des Forums Gemeinnütziger Journalismus, das Non-Profit-Organisationen im Medienbereich vereint.
mehr »