Rücksichtsloses Profitkalkül

Entlassungen bei Sat.1 auf dem Weg zum „Unterhaltungsdampfer“

Gerade mal drei Jahre ist es her, dass beim Berliner Privatsender Sat.1 eine so genannte Informations-Offensive ausgerufen wurde. Nachrichten, so argumentierte seinerzeit der damalige Geschäftsführer Roger Schawinski, seien unter Produktionsgesichtspunkten zwar teuer. Zugleich aber könnten sie das Image eines Senders nachhaltig verbessern. Wohl wahr: Unter Achorman Thomas Kausch gelang es in der Folge tatsächlich, den wenig profilierten Familiensender Sat.1 in Sachen Informationskompetenz ein bisschen nach vorn zu bringen. Damit ist es nun vorbei.

Dabei dürfte der Kreis derer, die den unlängst eingestellten stark boulevardesken Formaten „Sat.1 am Mittag“ und „Sat.1 am Abend“ nachtrauern, überschaubar bleiben. Auch das Ende August erfolgte Aus für die Sat.1-Nacht-News bedeutet – rein informationspolitisch gesehen – keine Katastrophe. Es nagt aber wie andere fragwürdige Programmentscheidungen der letzten Zeit weiter am Ansehen des Senders. Erinnert sei nur an den jämmerlich gescheiterten Versuch, vom Ausstieg der ARD und des ZDF aus der Berichterstattung über die dopingverseuchte Tour de France zu profitieren.
Leidtragende dieser verfehlten Programmpolitik sind die Beschäftigten des Senders. Anfang August kündigte das Management den Rausschmiss von mindestens 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Sendergruppe an. Allein am Standort Berlin müssen rund 100 Kolleginnen und Kollegen gehen, weitere 80 in München. In der Hauptstadt ist vor allem Sat.1 betroffen, eine direkte Folge der Einstellung verschiedener Info-Programme und der Umstrukturierung im Boulevardbereich. Beim Dienstleister PSP sind bereits 40 Arbeitsplätze gestrichen worden. „Und ein Ende der Sparmaßnahmen ist längst nicht in Sicht, fürchten die Arbeitnehmervertretungen der ProSiebenSat.1 Group (P7S1) und von PSP. „Weitere Arbeitsplätze in der Redaktion, in der Technik, in Studios und in der Dokumentation sind allein durch die Einführung neuer Redaktionssysteme und technischer Arbeitsabläufe gefährdet“, sagt PSP-Betriebsratsvorsitzender Ryszard Podcalicki. Außerdem treibt P7S1 den Verkauf von PSP voran. Es soll inzwischen drei Angebote geben, möglicherweise fällt schon im Oktober eine Entscheidung. Betroffen sind rund tausend Mitarbeiter. „Was aus ihren Arbeitsplätzen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt völlig offen“, so Podcalicki.

Stück für Stück zerlegt

Verhandlungen über einen gemeinsamen Sozialplan von PSP und P7S1 hatten die Geschäftsleitungen kategorisch abgelehnt. Was die Betriebsräte jedoch nicht daran hinderte, ihre Verhandlungsstrategien miteinander abzustimmen. Ein Ergebnis war bei Redaktionsschluss noch nicht abzusehen. Für Katja Karger, Projektmanagerin bei connexx-ver.di, ist „schwer nachvollziehbar, wieso in einem Unternehmen, das eigentlich gute Zahlen aufweist und Profite macht, trotzdem Leute rausgeschmissen werden“. Sie argwöhnt, dass die Entlassungen nur der erste Schritt einer Politik ist, an deren Ende die Senderfamilie „Stück für Stück in mehr oder weniger profitable Teile zerlegt wird“.
Tatsächlich wies die gesamte Sendergruppe im zweiten Quartal dieses Jahres wider Erwarten eine Umsatzverbesserung um 3,6 Prozent und eine Steigerung des Konzernüberschusses um fast sieben Prozent aus. Beim „Problemsender“ Sat.1 dagegen brachen Umsatz und Ergebnis drastisch ein. ProSiebenSat.1.Chef Guillaume de Posch sprach daraufhin von der Notwendigkeit „harter Eingriffe“, bekundete aber gleichzeitig die Absicht, „durch Investitionen in die Programmqualität wieder mehr Zuschauernähe zu gewinnen“. Durch Massenentlassungen zu mehr Qualität und Zuschauernähe? Allein durch das Zusammenlegen der Redaktionen von Frühstücks-TV und „Blitz“ verlieren im Oktober 24 Beschäftigte ihren Job.
Nicht wenige wittern in diesem neuen Kurs eine gezielte Ausblutungsstrategie der neuen Eigner. Die erst kürzlich vollzogene Fusion der ProSiebenSat.1 Media AG mit der niederländischen SBS Broadcasting wurde bekanntlich über Schulden finanziert, die nun die Sender der ProSiebenSat.1-Familie wieder einspielen müssen. Die Finanzinvestoren KKR und Permira geben sich alle Mühe, das ihnen anhaftende Heuschrecken-Image zu bestätigen. Das belegt die Massenentlassungsanzeige, die das Unternehmen laut Betriebsratsinformationen an die Berliner Agentur für Arbeit geschickt hat. Darin ist allerdings von Qualität und Zuschauernähe keine Rede. Vielmehr wird der anvisierte Stellenabbau von annähernd 20 Prozent der Berliner Belegschaft offen mit ehrgeizigen Renditeerwartungen begründet. Zwar sei das Unternehmen, so heißt es da sinngemäß, profitabler als Wettbewerber RTL, aber längst noch nicht so gewinnträchtig wie vergleichbare Medienunternehmen in Europa.
Solcherlei rücksichtsloses Profitkalkül könnte jedoch ins Auge gehen. Der weitgehende Verzicht auf Nachrichten- und Info-Sendungen degradiert Sat.1 demnächst zu einem reinen Unterhaltungsdampfer, gespickt mit Filmen, Serien und Reality-Shows. Ein einziges tägliches News-Viertelstündchen kann da wohl nur noch als Alibi durchgehen. Wo der neue SAT.1-Chef Matthias Alberti den 23prozentigen Informationsanteil im Programm verortet, bleibt einstweilen sein Geheimnis. Die Medienaufsicht dürfte aber ein Interesse daran haben, dieses Geheimnis zu lüften. Ein einziges News-Format, das zumindest haben die Medienwächter schon durchblicken lassen, reiche nicht aus, um weiter mit dem Anspruch eines Vollprogramms aufzutreten.

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