Tabubruch in Bremen

Weser-Kurier will viel Personal loswerden – erstmals auch mit Kündigungen

Die Bremer Tageszeitungen AG (BTAG) hat sich in den vergangenen Jahren einiges einfallen lassen, um beim Personal zu sparen. Aber ein Mittel war beim Verlag des Weser-Kuriers und der inzwischen völlig identischen Bremer Nachrichten bisher tabu: betriebsbedingte Kündigungen. Das soll sich jetzt ändern. Zum Jahresende will die BTAG fast 55 Beschäftigte entlassen. Weitere sollen „freiwillig“ gegen Abfindung gehen.

Beschäftigte der Bremer Tageszeitungen AG protestierten gegen die geplanten Stellenstreichungen Foto: Carmen Jaspersen
Beschäftigte der Bremer
Tageszeitungen AG
protestierten gegen die
geplanten Stellenstreichungen
Foto: Carmen Jaspersen

„Der Schock sitzt tief“, sagt Betriebsratschefin Ruth Gerbracht. Die Belegschaft erfuhr von den Sparplänen auf einer Betriebsversammlung. „Alle waren wie vom Donner gerührt, schockiert, sprachlos“, erzählt Betriebsratsmitglied Thieß Fischer. Der 47-jährige Mediengestalter arbeitet seit fast 28 Jahren in der Druckvorstufe – einer Abteilung, die nach drastischem Personalabbau der vergangenen Jahre nun komplett geschlossen werden soll. Vermutlich wird die bisherige Arbeit der Grafiker und Bildgestalter zum Teil in billigere Firmen ausgegliedert, teils ganz wegrationalisiert. Ein Dutzend Stellen wären damit weg.
Neben der Druckvorstufe soll auch der Kundenservice aufgelöst werden. Hier arbeiten bisher über 40 Beschäftigte, vor allem Frauen. Künftig werde wohl ein ostdeutscher „Billigheimer“ ihre Arbeit übernehmen, vermutet Lutz Kokemüller, Leiter des Medienfachbereichs im ver.di-Landesbezirk Niedersachsen-Bremen. Er hält die ganzen Sparpläne für eine „Selbstmordstrategie“: Wenn der Verlag noch mehr als bisher mit Billigarbeitskräften arbeite, „kann dabei nur eine Billigzeitung herauskommen“. Und dafür würden sich nicht genügend Käufer finden.
„Der Vorstand bedauert diese Entwicklung ausdrücklich, sieht sich aber durch die anhaltend schwierige Situation im Werbemarkt dazu gezwungen“, rechtfertigte sich die BTAG in einer ihrer rar gesäten Pressemitteilungen. Was in der Vorstandserklärung nicht stand: Zusätzlich zu den fast 55 Kündigungen möchte der Verlag noch weitere Stellen gegen Abfindung streichen. Laut Betriebsrat gab der Vorstand zunächst bis zu 60 freiwillige Abgänge als Ziel vor, gleichmäßig verteilt auf Redaktion, Druckhaus und kaufmännische Abteilungen. Zusammen mit den Kündigungen wären das fast 115 bedrohte Arbeitsplätze – nahezu ein Drittel des bisherigen Stammpersonals. Inzwischen verzichte der Verlag allerdings auf genaue Vorgaben für die freiwilligen Abgänge, heißt es beim Betriebsrat. Außerdem sei das viel zu niedrige Abfindungsangebot etwas aufgestockt worden.
Vielleicht ein Erfolg erster Protestaktionen? Mitte Mai demonstrierten Dutzende BTAG-Beschäftigte gegen die geplante Arbeitsplatzvernichtung. Vor dem Pressehaus stellten sie über 50 Klappstühle auf – für jedes Kündigungsopfer einen, und immer mit einem Zettel versehen, der die jeweiligen Dienstjahre angab. Mehrfach standen dort Zahlen über 40.

Zahlen auf den Tisch

Inzwischen verhandelt der Betriebsrat mit dem Vorstand, um „das Bestmögliche herauszuholen“, wie es in einem Betriebsrats-Info heißt. Auch ver.di würde gerne mit der BTAG sprechen und „an produktiven Lösungen mitarbeiten“ – zum Beispiel einen Beschäftigungssicherungs-Tarifvertrag abschließen, der gewisse Gehaltseinbußen und dafür einen Kündigungsverzicht vorsehen würde. Aber dazu ist laut Kokemüller der Vorstand bisher nicht bereit. Bei solchen Verhandlungen müsste die BTAG genauere Zahlen auf den Tisch legen. Im letzten Jahresabschluss für 2011 steht ein Verlust von einer Million Euro. Aber Kokemüller hält es nicht für ausgeschlossen, dass der Verlag überteuerte Leistungen von nicht-bilanzpflichtigen konzerneigenen Firmen eingekauft und dadurch sein Jahresergebnis negativ beeinflusst haben könnte.
Gespart wird beim Weser-Kurier schon lange. Teilweise werden in der Redaktion Leiharbeiter und im Druckhaus externe Werkvertragskräfte eingesetzt. Drei von acht Außenredaktionen im Bremer Umland wurden bereits vor Jahren an die nicht tarifgebundene Tochterfirma „Pressedienst Nord“ übergeben, zwei weitere kamen zum 1. Mai hinzu.
Treibende Kraft dabei war der seit 1999 amtierende Vorstandschef Ulrich Hackmack. Laut Betriebsrat Fischer wollte er „auf Teufel komm raus“ betriebsratsfreie und tariflose Zonen schaffen. Inzwischen hat es Hackmack allerdings selbst erwischt: Ende April setzte der BTAG-Aufsichtsrat den 60-Jährigen mit dessen Einverständnis ab. Damit kam der Verlag einem für den nächsten Tag erwarteten Urteil des Oberlandesgerichts Bremen zuvor. Einer der untereinander zerstrittenen Eigentümer hatte nämlich eine Einstweilige Verfügung zur Abberufung Hackmacks beantragt – wegen eines Formfehlers bei der letzten Vertragsverlängerung von 2009. Und die Richter waren drauf und dran, die Verlängerung deshalb für nichtig zu erklären.
Nach Hackmacks Ausscheiden sind viele erleichtert, denn er galt als sarkastisch und autoritär. „Und er hatte kein Gefühl dafür, wie eine Redaktion tickt“, sagt ein WK-Journalist. „Der Mann ist Mathematiker und Informatiker. Seine Welt ist perfekt, wenn sie in Excel-Tabellen darstellbar ist“ – und das funktioniere bei Redaktionen nun mal nicht.

Managementfehler

Ein weiterer Kritikpunkt aus Sicht des Redakteurs: Der WK habe jahrelang „vorsintflutlich produziert“ und Innovationen nicht für nötig gehalten. „Für diese Managementfehler bezahlen wir jetzt ein bisschen die Rechnung.“ Aber: „Wir leiden noch auf hohem Niveau“ – verglichen mit der komplett eingestellten Financial Times Deutschland oder der radikal verkleinerten Frankfurter Rundschau.
Inzwischen muss auch Chefredakteurin Silke Hellwig (50) um ihren Posten bangen. Sie war 2011 von Hackmack zum WK geholt worden und machte sich dort, wie zuvor schon bei Radio Bremen, schnell unbeliebt – offenbar wegen ihres schroffen, autokratischen und kontrollierenden Führungsstils. Mit Hackmacks Abgang hat sie die schützende Hand verloren.

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