TikTok: Weg frei für einen Betriebsrat

Foto:123rf

Mitarbeitende von TikTok haben am 11. Juli in Berlin mit Unterstützung von ver.di einen Wahlvorstand gewählt. Damit ist der Weg frei für Betriebsratswahlen am Standort Berlin des Social-Media-Riesen, berichtet Rita Schuhmacher bei verdi.de. „Der nun gewählte Wahlvorstand wird die Wahlen bereits in den kommenden Wochen einläuten“, resümierte der zuständige ver.di-Gewerkschaftssekretär Hikmat El-Hammouri. Aus Sicht von ver.di könne TikTok Leuchtturm für die Wahl eines Betriebsrates in vergleichbaren Social-Media-Konzernen wie Facebook und Co fungieren.

102 Beschäftigte wählten Sean Krusch, Alexander Acht und Franziska Kuhles in den Wahlvorstand. Aus Sicht von ver.di spricht der Vorgang für die Profis von der Gewerkschaft. Denn schon im März vergangenen Jahres wollten die Beschäftigten einen Wahlvorstand wählen und scheiterten. Weil die Versammlung wegen der Pandemie digital stattfand, ging das Unternehmen dagegen juristisch vor und gewann auch in zweiter Instanz vor dem Landesarbeitsgericht Berlin. Denn laut Betriebsverfassungsgesetz ist eine solche Versammlung nur in Präsenz möglich. Deshalb wandte sich die Initiativgruppe für einen rechtssicheren zweiten Versuch an ver.di. Nach der erfolgreichen Betriebsversammlung geht El-Hammouri davon aus, dass TikTok mit dem Wahlvorstand kooperieren werde und das geltende Recht umsetze.

Am Standort Berlin des Social-Media-Konzerns herrsche große Unzufriedenheit, weshalb die Beschäftigten ein Sprachrohr bräuchten, wird Sean Krusch zitiert. „Wir wünschen uns bessere Arbeitsbedingungen, höhere Gehälter und eine bessere Kommunikation mit dem oberen Management. Die Bedingungen insbesondere für Inhaltsmoderator*innen haben sich deutlich verschlechtert und die Arbeitsanforderungen sind gestiegen. Wir müssen mehr Inhalte in kürzerer Zeit unter mehr Vorgaben sichten und bewerten. Das ist insbesondere belastend vor dem Hintergrund, dass zweimal im Jahr eine Bewertung der Mitarbeiter stattfindet”, erklärt das Wahlvorstandsmitglied.

Höchste Zeit für Veränderungen sieht auch Alexander Acht. „Wir haben so gut wie keine weiblichen Führungskräfte, wir beobachten sexistischen Umgang mit Kolleginnen und der Leistungsdruck ist enorm. Hinzu kommt die mangelnde Freiheit der Mitarbeitenden und zum Teil wirklich toxische Arbeitsatmosphäre. Ich beobachte aber auch, dass ständige Kontrollen einzelner Arbeitsschritte und permanentes Micromanaging zu einem echten Problem werden.” 

Franziska Kuhles moniert, dass TikTok bei den Unterstützungsangeboten und psychologischer Betreuung intransparent sei. Keiner wisse so richtig, an wen man sich wende könne. Kuhles betont, dass niemand dem Unternehmen Steine in den Weg legen wolle. Es gehe bei der Betriebsratswahl um Unterstützung für die Mitarbeitenden und das Etablieren eines Dialogs.

TikTok gehört zum chinesischen Mutterkonzern ByteDance und hat mehr als 10.000 Mitarbeitende weltweit. In Berlin sind es über 200. Einer der größten Arbeitsbereiche ist hier die Content-Moderation, also die Bewertung von nutzergenerierten Inhalten. Insbesondere Mitarbeitende des Department Trust & Safety, in dem die Inhaltsmoderator*innen angesiedelt sind, kritisierten schlechte Bezahlung und hohe Arbeitsbelastung, heißt es bei ver.di. Bei einem Jahresgehalt von knapp 30.000 Euro, also etwa 2.500 Euro monatlich brutto, trügen sie die Hauptlast der grafischen und traumatischen Bilder, die in den sozialen Medien erscheinen, und sorgten dafür, dass die Nutzer*innen letztere nicht sehen müssen. 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Wenn Redakteurinnen streiken

Am 10. März blieben bei den Tageszeitungen Taz und nd – der Tag einige Seiten weiß. In beiden Redaktionen hatten sich Journalistinnen aber auch Lektorinnen und andere Mitarbeiterinnen am 9. März am  FLINTA* -Streik beteiligt und die Arbeit niedergelegt.
mehr »

ver.di fordert Schutzkodex im ÖRR

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) fordert von ARD, ZDF und Deutschlandradio den Schutz von Journalist*innen einen entscheidenden Schritt voranzubringen: Bisher hat sich noch keine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt dem Schutzkodex angeschlossen. In vielen anderen Medienhäusern gelten die Regelungen des „Schutzkodex“ für Medienschaffende allerdings längst.
mehr »

Journalistinnen vor Online-Hass schützen

Zum Internationalen Frauentag warnt die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di vor zunehmender digitaler Gewalt gegen Journalistinnen. Die Gewerkschaft fordert verbindliche Schutzstandards für Medienschaffende und mehr Verantwortung der Medienhäuser beim Schutz ihrer Beschäftigten.
mehr »

DuMont schluckt die Kölnische Rundschau

80 Jahre sind eigentlich  Anlass für eine große Geburtstagsfeier. Am 19. März 1946 erschien die erste Ausgabe der Kölnischen Rundschau (KR). Es gäbe also einen guten Grund, den Tag in diesem Jahr zu feiern. Daraus wird nun nichts. Denn der Heinen-Verlag schließt die Redaktion der Kölnischen Rundschau.
mehr »