Vorreiterrolle auf dem Rücken der Belegschaft oder Eröffnung neuer Chancen?

Zwei Gutachten zur Ausgliederung mit unterschiedlichen Schlussfolgerungen der Regionalredaktionen bei der „Sächsischen Zeitung“

„Ein Modell von Dauer wird es sein.“ Da ist sich der Geschäftsführer des DD+V, Dr. Mario Frank, sicher. Schließlich will die „Sächsische Zeitung“ in den Regionen außerhalb von Dresden ihre Qualität sichern und steigern, näher am Kunden und am Leser sein, ihre Aufgaben besser organisieren, neue Umsatzmöglichkeiten schaffen und vor allem Kosten sparen.

Seit einem Jahr arbeiten die drei Regionalverlage in Bautzen, Pirna und Freital nach ihrer Ausgliederung aus dem Verlagshaus in Dresden als eigenständige Gesellschaften.

Zwei Gutachten schätzen nun den Stand der Dinge ein. Vereinbart wurde das Hinzuziehen eines Sachverständigen zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung bereits vor einem Jahr. Prof. Bierbaum vom INFO-Institut wurde mit der Studie beauftragt, die Geschäftsführung entschloss sich, parallel dazu noch an Roland Berger & Partner den gleichen Auftrag zu vergeben.

Die Analyse in beiden Untersuchungen ist auf einen gleichen Nenner zu setzen: In allen drei Redaktions- und Verlagsgesellschaften (RuV) konnten keine entscheidende Einsparung bei den Gesamtkosten erreicht werden. Auch in Sachen Erschließung neuer Geschäftsfelder treten Probleme auf. So ist es nur dem Regionalverlag in Pirna gelungen, einige neue Aufträge ins Geschäftsfeld zu ziehen. In erster Linie sind dies Agenturarbeiten.

Warum der von der Geschäftsführung erhoffte Zuwachs an Aufträgen nun nicht erfüllt werden konnte, hat mehrere Ursachen. Es sind einmal die schwierige wirtschaftliche Situation in den Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit und die geringe wirtschaftliche Stärke der dort ansässigen Firmen. Neben dem kurzen Zeitraum der Umsetzung kommt vor allem hinzu, dass für das Konzept bei den Beteiligten der notwendige Konsens nicht erreicht werden konnte. Zu viele Befürchtungen der Mitarbeiter stehen dem gegenüber, schätzt das Bierbaum- Gutachten ein. Und die Befürchtungen sind nicht von der Hand zu weisen: die Mitarbeiter sehen die Zunahme der Belastungen. So ist es beispielsweise schon oftmals ein Problem, das eigentliche Kerngeschäft, das Erstellen der Lokalseiten, abzudecken. Überstunden werden geschoben. Freie Kapazitäten für zusätzliche Aufträge haben die Redakteure in den RuVs nicht.

Diese Situation, so Dr. Frank, hat nichts mit der Ausgliederung zu tun. Es sei vielmehr in den meisten Lokalredaktionen – egal bei welcher Zeitung – so, dass es immer knapp in der Personalbesetzung zugehe.

In den Regionalgesellschaften wächst der Kostendruck, gespart wird in erster Linie an den Honoraren und der Vergabe von Aufträgen an Freie. Das Betriebsklima hat sich verschlechtert. Die Geschäftsführung sieht da als Ursache den Streik gegen die Ausgliederungen im vergangenen Jahr an. Fakt ist aber auch die zunehmende soziale Unsicherheit, die die Kolleginnen und Kollegen in den Regionalverlagen spüren. Das Vertrauen in den Erfolg der Regionalisierung ist gering, es muss sogar von einem Bruch zwischen Geschäftsführung und großen Teilen der Belegschaft gesprochen werden, schätzt der BR ein. Das Konzept wurde zu lange an den Mitarbeitern vorbei durchgesetzt und nahm ihnen so die Möglichkeit, sich überhaupt damit zu identifizieren. Auf diesen Aspekt beispielsweise nimmt das Berger-Gutachten überhaupt keine Rücksicht. Es stellt vielmehr die vorhandenen Kommunikationsprobleme und noch nicht ausreichende Qualifizierung als Hauptursachen der schlechten Stimmung hin. Und die Redakteure müssten lernen, sich als Medien- und Servicedienstleister zu verstehen. Da ist die Frage nach einem unabhängigen Journalismus schon berechtigt. Auch die, wie es sich künftig arbeiten lässt in einer Redaktion, in der es tarifliche und untertarifliche Bezahlung gibt. „Wir wollen Mitarbeiter beschäftigen, die sich unterhalb des Tarifniveaus bewegen“, bezeichnet Dr. Frank die eigentliche Absicht der Geschäftsführung im DD+V und den entsprechenden RuVs. Sollte das nicht gelingen, bewegt sich die „Sächsische Zeitung“ im gleichen wirtschaftlichen Dilemma, wie es in den ostsächsischen Regionen schon vorherrscht, ist im Berger-Gutachten zu lesen.

Bierbaum setzt dem entgegen, dass sich die Unternehmenskultur ändern muss: Geschäftsführung und Betriebsrat müssten eine gemeinsame Plattform zum Regionalisierungskonzept finden. Und wenn das Wort „Konzept“ fällt, denkt Betriebsrat Bernd Köhler gleich in Anführungsstrichen. „Die Ausgliederung wurde vorschnell, ohne zu Ende gedachtes Konzept in Angriff genommen. Wir haben als BR im letzten Jahr immer wieder mit der Geschäftsführung über Nachbesserungen verhandelt.“

Aber bei der „Sächsischen Zeitung“ bleibt es bei den geplanten Ausgliederungen. Bis zum 30. Juni 2001 werden noch weitere vier Regionalverlage aus der Zusammenlegung mehrerer Lokalredaktionen entstehen. Und da wird der Betriebsrat sehr wohl das Gespräch mit der Geschäftsführung suchen. „Wirtschaftliches Arbeiten ist auch Ziel der Bemühungen des BR, aber nicht, wenn es ausschließlich auf Kosten der Belegschaft geschieht und eben die Vorreiterrolle der „Sächsischen Zeitung“ auf ihrem Rücken ausgetragen wird.“

Vor einem Jahr sagte die Geschäftsführung ein Betriebsergebnis von 15 bis 17 Millionen voraus. Eine kritische Größe, die zu den Ausgliederungen zwang. Tatsächlich erreichte die SZ 31 Millionen im vergangenen Geschäftsjahr.

 

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