Wirtschaft auf neue Art erzählen?

Das Ende der Financial Times Deutschland Ende 2012 markiert eine Zäsur in der Geschichte der nationalen Wirtschaftspresse. Es handelt sich um den Niedergang eines Segments, das nach dem börsenhypebedingten Boom vor 13 Jahren wieder auf Normalgröße geschrumpft ist. Hauptleidtragende der aktuellen Baisse sind hunderte von hochqualifizierten Journalistinnen und Journalisten.

 

April 2013: Noch hängt das alte Verlagsschild in Hamburg Foto: Mathias Thurm
April 2013: Noch hängt
das alte Verlagsschild in Hamburg
Foto: Mathias Thurm

Zum zweiten Mal seit dem Platzen der Internet-Blase um die Jahrtausendwende krachte es Ende 2008 in der Branche. Bernd Buchholz, der damalige Vorstandschef von Gruner + Jahr, sagte damals auf dem Kongress der Zeitschriftenverleger, man müsse als Kapitän auf der Kommandobrücke im Angesicht der heran schwappenden Welle diejenigen „am Pool mit dem Longdrink-Glas in der Hand“ auch mal mit einem lauten Pfiff dazu bewegen, dass „die Damen und Herren den Liegestuhl in die Hand nehmen und nach unten tragen, um (…) die Schotten dicht zu machen.“ Eine reichlich zynische Umschreibung des drastischen Sparprogramms, das anschließend über die G+J-Wirtschaftsmedien verhängt wurde: Redaktionelle Zusammenlegung der drei Titel Capital, Impulse und Börse Online am Standort Hamburg, 110 betriebsbedingte Kündigungen bei gleichzeitigem Angebot an die Gefeuerten, sich zu schlechteren Konditionen um die ersatzweise ausgeschriebenen 50–60 neuen Stellen zu bewerben, Integration auch der chronisch defizitären Financial Times Deutschland (FTD) in eine gemeinsame Großredaktion. Ein mehr als „capitaler“ Fehler, wie Capital-Gründungschefredakteur Adolf Theobald unlängst im Medium Magazin bemerkte: „Eine Absage an Originalität und das Engagement der Redakteure. Print vom Fließband – das spürt der Leser.“ Denn gute Zeitungen und Zeitschriften hätten eine Haltung, transportierten eine Botschaft. Diese Botschaft habe bei Capital sogar im Impressum gestanden: „Das Wirtschaftliche menschlich und das Menschliche wirtschaftlich sehen“. Fünf Jahre später lassen sich die Folgen des damaligen Missmanagements besichtigen. Die FTD wurde nach 12 Jahren sang- und klanglos eingestellt. Börse Online und Impulse wechselten die Besitzer. Lediglich bei Capital wagt G+J mit neuer Mannschaft und rundumerneuertem Konzept im Mai einen Neustart. Die Bilanz 2012: 11 Millionen Euro Miese – ein Jahr zuvor waren noch 160 Millionen Überschuss erzielt worden. Der Exekutor dieses Desasters wurde längst mit einer Millionenabfindung aus dem Verlag komplimentiert. Ex-Vorstandschef Buchholz kandidiert bei den kommenden Bundestagswahlen auf Listenplatz 2 für die FDP Schleswig-Holsteins. Auch eine Ansage.

Reißleine gezogen

Wie dramatisch die Wirtschaftspresse eingebrochen ist, belegt ein Rückblick auf das Boomjahr 2000. Damals, so rechnete der Branchendienst „Meedia“ vor, fanden die am Kiosk erhältlichen Magazine dieses Segments rund 2,5 Millionen Käufer pro Ausgabe. Dazu kamen knapp 153.000 Abonnenten und Käufer der damals einzigen Wirtschaftstageszeitung Handelsblatt aus dem Hause Holtzbrinck. Ein Wert, der nie wieder erreicht werden sollte. In dieser Situation kam die Konkurrenz von Gruner + Jahr auf den Markt. „Die FTD wurde auf dem Höhepunkt des Neuen Marktes gegründet“, resümierte unlängst die neue G+J-Vorstandsvorsitzende Julia Jäkel, „und sie hat vom ersten Tag an kein Geld verdienen können“. Kurz darauf begannen die Auflagen fast aller Titel einzubrechen. Bis heute fiel die Zahl der Käufer von Erzeugnissen der Wirtschaftspresse von 2,5 Millionen auf weniger als eine Dreiviertelmillion. Den vorläufigen Tiefpunkt markierte Ende des Jahres die Einstellung der FTD. Zuletzt übertraf die Zahl der Bordexemplare um einiges die verkaufte „harte“ Auflage.
Das Ende der FTD, so beharrt Jäkel, sei der „sehr konkreten Situation eines sehr konkreten journalistischen Produktes“ geschuldet, es sei „nicht Sinnbild für eine umfassende Krise des Qualitätsjournalismus“. Mag sein. Aber die FTD, man muss es ganz unsentimental sagen, war auch eine unternehmerische Fehlleistung. G+J verbrannte einen dreistelligen Millionenbetrag, ehe man sich entschloss, die Reißleine zu ziehen. Immerhin gelang es dem Betriebsrat der G+J-Wirtschaftsmedien Ende Februar, sich mit der Verlagsleitung auf einen Sozialplan für die mehr als 300 entlassenen Mitarbeiter von FTD, Capital, Impulse und Börse Online zu einigen. Bei der FTD erhielt demnach jeder, der seinen Job verlor, ein halbes Monatsgehalt pro Beschäftigungsjahr, bei Verzicht auf eine Kündigungsschutzklage gegen G+J ein weiteres halbes Monatsgehalt pro Jahr. Darüber hinaus sollte für zehn bis maximal zwölf Monate eine Transfergesellschaft eingerichtet werden, die Mitarbeiter weiterqualifizieren und ihnen die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt erleichtern sollte. Schließlich gibt es auch noch einen Härtefonds mit einem Volumen von vier Millionen Euro zur Unterstützung von ehemaligen Beschäftigten mit Kindern, Alleinerziehende und Ältere.

Klagen eingereicht

Von einem solchen Sozialplan können die Kolleginnen und Kollegen bei der Frankfurter Rundschau nur träumen. Dennoch haben über 60 ehemalige Mitarbeiter der G+J-Wirtschaftspresse Klage gegen ihre Kündigungen eingereicht. Als „enttäuschend und schlicht nicht angemessen angesichts der schwierigen Lage am Arbeitsmarkt für Journalisten“ hätten die Ex-Mitarbeiter das Verlagsangebot empfunden, so die Betriebsratsvorsitzende Anke Schulz. Dabei werde zumeist auf Wiedereinstellung geklagt. Begründet werde dies mit einer nicht erfolgten Sozialauswahl bei der Wahl der verbleibenden Mitarbeiter für die überlebenden Magazine Capital und Business Punk. Die Verhandlungen darüber sind noch nicht abgeschlossen
Die gute Nachricht: Bis Anfang April hatten bereits „mindestens vier von zehn Journalisten“ aus der G+J-Wirtschaftsredaktion bereits einen neuen Job gefunden. Das ergab eine Umfrage des DJV-Medienmagazins Journalist unter mehr als 200 ehemaligen Verlagsmitarbeitern. Demnach sind 40 Prozent der Journalisten mit neuem Job weiterhin bei G+J beschäftigt, viele davon bei Stern und Capital. Erst kürzlich wechselte Isabelle Arnold, zuletzt Geschäftsführende Redakteurin bei den G+J-Wirtschaftsmedien, als erste Frau in die dpa-Chefredaktion. Andere orientierten sich um. Der ehemalige FTD-Chefkorrespondent Reinhard Hönighaus heuerte als Pressesprecher bei der Vertretung der Europäischen Union in Deutschland an und wechselte inzwischen von Frankfurt nach Berlin. 20 Prozent sind in die Selbstständigkeit gegangen, haben teilweise die Nase voll vom Journalismus und verdingen sich in der PR. 40 Mitarbeiter der Wirtschaftsmedien versuchen einen Neuanfang über die bereits erwähnte Transfergesellschaft.
Von der G+J-Wirtschaftspresse ist wenig übrig geblieben. Impulse und Börse Online haben sich abgenabelt. Das Mittelstandsblatt Impulse wurde Anfang des Jahres in einem Management Buy-out von Nikolaus Förster übernommen. Längst ist die zur Jahrtausendwende noch sechsstellige Verkaufsauflage auf bescheidene 43.000 gesackt. Heute präsentiert sich das Blatt als Mix aus Geschäftsideen, Nutzwert zu Recht und Steuern und ein wenig Lifestyle, mit dem rund 30 Mitarbeiter die Nische der überwiegend älteren Selbstständigen anpeilen.
Den Besitzer wechselte auch Börse Online. Auf dem Höhepunkt des Internet-Hypes wurden von diesem Anlegermagazin mehr als 340.000 Exemplare abgesetzt. Heute ist davon weniger als ein Zehntel übrig geblieben. Neuerdings gehört das Blatt zum Finanzen-Verlag von Frank B. Werner, hinter der Holtzbrinck-Gruppe und nach der Schrumpfkur bei G+J wahrscheinlich die wichtigste Adresse der Wirtschaftsmedienbranche. Wie alle anderen Publikationen dieser Gattung kämpft auch Börse Online mit einem Problem. Wirtschaftsmedien, so resümierte kürzlich die Süddeutsche Zeitung, würden zwar heute insgesamt viel mehr gelesen als vor zwölf Jahren inmitten des Börsenbooms – „nur eben nicht in den gedruckten Medien“. Aus dieser Not will das Handelsblatt jetzt eine Tugend machen. Den Exitus der FTD erlebte Herausgeber und Geschäftsführer Gabor Steingart wenig pietätvoll mit einem „Gefühl der Erleichterung“. Wiederholt hatte er über den Wettbewerber gelästert, die FTD verdanke ihre Existenz einer „konzerninternen Planwirtschaft“ bei G+J, da sie seit dem ersten Tag subventioniert wurde. Nach dem Aus für die ungeliebte FTD will die einzige verbliebene Wirtschafts-Tageszeitung jetzt neu durchstarten. Die Übernahme der FTD-Abo-Kartei dürfte der Auflage einen kleinen Vitaminstoß verpassen. Die Existenz eines Wettbewerbers vom Schlag FTD habe dem Handelsblatt gut getan, bekennt der seit Jahresbeginn amtierende neue Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs, zuletzt Ressortleiter Wirtschaft bei der Süddeutschen Zeitung. Man profitiere nicht zuletzt durch die Übernahme einiger ehemaliger FTD-Mitarbeiter. „Ökonomisch-kommerziell“ sei der Effekt „eher bescheiden“, da die FTD kaum über Anzeigen verfügt habe.
Jakobs will künftig verstärkt mit neuen Formaten journalistische und andere Inhalte monetarisieren. Gefragt sind Diversifikation und Multimedialität. Das Handelsblatt sei eben nicht mehr nur die Zeitung im Tabloid-Format, sondern ein „Gesamtauftritt“. Dazu gehören Kongresse, Veranstaltungen, sogar ein Recherche-Institut unter Leitung von Professor Bernd Rürup „zur Kapitalisierung von Wissen“. Das Institut erarbeitet für Fremdkunden Dossiers und Dokumentationen, versorgt aber auch die hauseigenen Publikationen mit Sonderauswertungen und Statistiken. Jüngstes Produkt ist „Handelsblatt Live“, eine App für das iPad, die dreimal täglich (12 – 20 – 6 Uhr) aktualisiert wird. Kein ganz billiges Vergnügen: für die digitale Ausgabe des Handelsblatts sollen geneigte Leser monatlich knapp 40 Euro berappen. Jakobs registrierte bereits nach sechs Wochen eine „hohe Wertschätzung“ für diese „stilbildende App“. Das kostenlose Schnupper-Wochen-Abo sei von 25.000 Usern genutzt worden, die Abozahl bewege sich in Richtung Tausend. Aber auch bei der Handelsblatt-Gruppe geht es nicht ohne Kürzungen ab. Im laufenden Jahr soll etwa ein Zehntel der 813 Arbeitsplätze abgebaut werden. „Alle Verlage müssen sich an den Strukturwandel anpassen, die eigene Organisation ständig überprüfen“, verteidigt Jakobs die geplanten Einschnitte. Die Einsparungen bezögen sich überdies vor allem auf Verlag und Verwaltung, kaum auf die Redaktion. Die „journalistische Qualität“ sei „nicht gefährdet“.

Rundumerneuert

Alles auf Anfang, heißt es dagegen bei Capital. Für den 23. Mai wird das Erscheinen eines rundumerneuerten Titels angekündigt, mit neuer Schrift, großzügiger Bildsprache und leicht komprimiertem Format. „Wir sind ein Startup mit 50jähriger Tradition“, scherzt Chefredakteur Horst von Buttlar, als ehemaliger Leiter des Agenda-Ressorts Mitleidtragender der FTD-Pleite. Auch für Capital sah es zuletzt nicht eben rosig aus. Die Verkaufsauflage – im Jahr 2000 bei über 200.000 Exemplaren – war Ende 2012 auf gerade mal 60.000 (plus 60.000 Bordexemplare) zusammengeschnurrt. Das Profil des Magazins hatte in den letzten Jahren gelitten: durch inhaltliche Umpositionierungen und eine später wieder revidierte Umstellung des monatlichen auf 14tägigen Erscheinungsrhythmus. Dazu zwei Umzüge von Köln über Hamburg nach Berlin. Jetzt ist das Blatt – neben Business Punk – letzter verbliebener Hoffnungsträger der G+J-Wirtschaftspresse. „Wirtschaft ist Gesellschaft“ raunt es in der Webpräsentation des neuen Capital. Es gehe den Machern darum, „Wirtschaft auf neue Art (zu) erzählen“, und zwar „multiperspektivisch, global, visuell, begeisternd“. Das neue Capital werde „keine klassischen Ressorts im Sinne von Unternehmen, Politik, Finanzen“ haben, beschreibt von Buttlar das ambitionierte Projekt. Das Ganze erinnert ein wenig an das Konzept von Brand Eins, das überraschend erfolgreiche Nischenprodukt unter der Hamburger Chefredakteurin Gabriele Fischer. „Wir setzen stärker auf Fotografie“, grenzt von Buttlar ab: Man werde weniger, dafür „optisch opulenter aufbereitete Geschichten“ bieten. Einen großen Investteil werde es wohl geben, aber „wir berichten nicht über das letzte Quartal“. Es gehe darum, „Trendthemen“ aufzuspüren, auch mit dem Fokus auf internationale Entwicklungen. Leisten soll dies ein Team von rund 25 Redakteurinnen und Redakteuren. 18 Kollegen sind bereits an Bord, fast alle schrieben schon vorher von Berlin aus für die eingestellte FTD. Der neue Capital-Geschäftsführer Soleil Dastyari will speziell Menschen ansprechen, „die sich derzeit von den Wirtschaftsmedien in Deutschland nicht angesprochen fühlen“. Adressat sind „neue Leser, neue Entscheider, wenn man so will, die neue Leistungselite“. Dastyari ist in Personalunion auch Geschäftsführer von G+J Corporate Editors. Nach Auffassung des Branchendienstes „Meedia“ eine potenziell problematische Doppelrolle, „weil er als Corporate-Mann für Unternehmenskunden arbeitet, als Capital-Geschäftsführer aber kritische Artikel über eben diese Unternehmen vertreten und verteidigen muss“. Mal sehen, wie Capital diesen Interessenkonflikt löst.

Abos und Kiosk-Verkauf einiger Titel in Tausend Exemplaren

 Titel    I/2000    IV/2012 
 Börse Online  342,2  30,1
 Capital  239,3  60,0
 Euro am Sonntag  176,9  21,8
 Wirtschaftswoche  152,4  98,9
 Impulse  103,7  43,1
 manager magazin  94,4  73,4


Quellen: IVW, meedia

nach oben

weiterlesen

Presserat: Bild.de wird erneut gerügt

Für ihre Berichterstattung über den mehrfachen Kindsmord in Solingen hat der Deutsche Presserat Bild.de, die Rheinische Post und die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung gerügt. Eine 27-Jährige Frau soll im September in Solingen fünf ihrer Kinder getötet haben. Alle drei Zeitungen hatten Passagen aus einem WhatsApp-Chat zwischen dem einzigen überlebenden 11-jährigen Sohn und dessen 12-jährigen Freund bzw. einer Freundin veröffentlicht.
mehr »

Kultur aus der Contentbox

Knapp 30 Millionen Euro will der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) im nächsten Jahr einsparen. Das entspricht rund fünf Prozent des Gesamtetats. Besonders der Kulturbereich ist von den Kürzungen betroffen. Allein der Jahresetat des Kulturradios soll ab 2021 um zehn Prozent schrumpfen. Auch die Programmstruktur wird sich ändern. Wie meist bei solchen Rotstiftaktionen dürfte es vor allem die freien Mitarbeiter*innen treffen.
mehr »

Digitale Reform im Kulturradio

Der Hessische Rundfunk (hr) hat sein Radio-Programm von „hr2 kultur“ umgestaltet. Die Reform ist jedoch weniger umfangreich als von einigen Feuilletons befürchtet. Altbewährte Magazinformate sind erhalten geblieben und das digitale Angebot wurde erweitert. Neu ist der Entstehungsprozess des Programms: Die verkleinerte Redaktion fragt die Beiträge nun an einem Desk in der zentralen crossmedialen „Kultur-Unit“ an.
mehr »

Filmförderung nach Diversity Checkliste

Die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH) bezieht seit diesem Sommer erstmals Diversitätskriterien in die Bewertung von Förderanträgen ein. Wer im Norden Filmförderung beantragt, muss nun zusammen mit dem Fördermittelantrag eine Diversity Checkliste einreichen. Inzwischen liegen erste Entscheidungen für künftige Projekte vor. M hat mit zwei geförderten Produktionen über ihren „Diversity Check“ gesprochen.
mehr »