Zeitung oder Weichkäse?

Koste es, was es wolle – SWMH will mit Brachialgewalt Kosten drücken

„Die Medienhäuser haben die Dramatik der Krise erkannt. Sie handeln – an einigen Stellen sogar sehr radikal.“ So äußerte sich bei den Medientagen in München Markus Kreher von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die 80 Verlagsmanager zu ihrer aktuellen wirtschaftlichen Lage befragt hatte. Laut der dabei herausgekommenen Studie sehen die Befragten großes Sparpotential vor allem in der Zusammenlegung von Redaktionen. Das gelte sowohl für ausschließliche Printredaktionen wie auch für Print und Online. Das würden rund die Hälfte der Verlagshäuser derzeit tun. Ganz vorne dabei: die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH).


Ausstiegswillige Redakteurinnen und Redakteure der Stuttgarter Zeitung erhalten in diesen Tagen Abfindungsangebote. Je nach Altersstufe sollen zwischen 55.000 und 80.000 Euro gezahlt werden, plus einer individuellen Summe in Höhe von 0,75 Prozent des Jahresgehaltes pro Beschäftigungsjahr. Gerhard Manthey, ver.di-Fachgruppenleiter in Baden-Württemberg, berichtet, viele Kolleginnen und Kollegen erkundigten sich bei ihrer Gewerkschaft nach steuerlichen Problemen, Versorgungswerk der Presse und gesetzlicher Rente oder Arbeitslosengeld, Überbrückungsdarlehen und freier journalistischer Arbeit. Manthey: „Die Stimmung unter den Kolleginnen und Kollegen ist sehr schlecht.“
Von den 17 gekündigten Redakteuren von Sonntag-Aktuell (siehe M 8–9.2009) sind inzwischen vier zu den Stuttgarter Nachrichten gewechselt. Das Blatt kann sich derzeit zu den „Gewinnern zählen – doch solch eine Auffassung ist trügerisch“, findet Manthey. Seit Anfang November wird der Mantelteil für die Zeitungsgruppe Hof-Coburg-Suhl von den Stuttgarter Nachrichten produziert. Und gerade wurden vier Stellen für die künftige Text-Zulieferung für Sonntag-Aktuell ausgeschrieben. Das Sonntagsblatt wird ab Beginn des neuen Jahres ebenfalls von den Nachrichten produziert.
Verlag und Redaktion der Süddeutschen Zeitung müssen bis Ende nächsten Jahres 10 Millionen Euro einsparen, wurde den 1.100 Beschäftigten auf einer turbulenten Betriebsversammlung Ende Oktober in München mitgeteilt. Es werde auch zu betriebsbedingten Kündigungen kommen, schrieb das Blatt tags darauf in eigener Sache. Betriebsräte und ver.di kündigen Gegenwehr an. Noch hofft man, mit Alternativvorschlägen Kündigungen vermeiden zu können. Entsprechende Arbeitsgruppen wurden vom Betriebsrat eingerichtet.
„Dieses Sparprogramm gefährdet die Qualität des Blattes“ soll Teilnehmern zufolge Chefredakteur Hans-Werner Kilz in Richtung Verlagsgeschäftsführer Detlef Haaks gesagt haben. Die Belegschaft habe bereits ein Sparpaket in Höhe von 20 Millionen Euro umgesetzt und im laufenden Jahr hätten bereits 90 Leute das Haus verlassen. „Mehr geht nicht“, so die Meinung vieler Versammlungsteilnehmer. Das Problem mit einbrechenden Anzeigenerlösen, mit dem die Geschäftsführung das neuerliche Sparprogramm begründet, sei doch schon „seit Jahren bekannt, aber mit kreativen Ideen befassen sich die Herren wohl nicht“, sagte ein Redakteur.
Nach dem Willen des Managements der mit werktäglich rund 430.000 verkauften Exemplaren auflagenstärksten überregionalen Tageszeitung der Republik sollen bis Ende des kommenden Jahres 60 Beschäftigte in Redaktion und Verlag das Haus verlassen. Die anvisierte Einsparsumme in Höhe von 10 Millionen Euro entspricht in etwa den Verlusten, die der Verlag im laufenden Geschäftsjahr erwartet. Im Geschäftsjahr 2007/08 wurden nach Angaben von ver.di noch 70 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet. Die werden womöglich in Stuttgart, dem Sitz der SWMH, gebunkert. Ende des Jahres 2007 erwarb das in 614 Einzelbeteiligungen verschachtelte Unternehmen zu 81,25 Prozent den Süddeutschen Verlag samt Zeitung für etwa 700 Millionen Euro.
Auf der Betriebsversammlung wurde laut vermutet, die Beschäftigten müssten nun den Verkauf mit „Opfergaben reinvestieren“. Für viel Unmut sorgte Haaks mit der Ankündigung, „auf jeden Fall“ müsse der Verlag im Jahre 2010 wieder in die Gewinnzone kommen. „Das geht nur mit Brachialgewalt“ entgegnete der bayerische ver.di-Mediendekretär Karlheinz Kaschel-Arnold. Weiter monierte der ver.di-Mann, wer so mit einer Belegschaft umgehe, wie das das Management derzeit tue, brauche sich nicht wundern, „wenn die Stimmung und die Motivation der Leute im Keller ist“. Kaschel-Arnold appellierte an die Eigentümer der SZ, sich „ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung“ bewusst zu sein – die Verleger erfüllten einen Auftrag, der im Grundgesetz festgeschrieben ist, die Meinungsfreiheit und -vielfalt zu sichern. „Eine Zeitung ist doch ein Kulturgut und keine Weichkäseproduktion.“
Die zwischen der Abendzeitung (AZ) und der Süddeutschen Zeitung vereinbarte Kooperation wird von der bayerischen dju begrüßt, wenn „tragfähige Konzepte für die Sicherung der AZ als selbständige, auf Qualität orientierte Boulevardzeitung gesucht und entwickelt werden“.
Die dju warnt jedoch vor einem blinden Sparprogramm. In der Einsetzung des neuen Geschäftsführers, der vor kurzem einen solchen Kurs in der Zeitungsgruppe Hof-Coburg-Suhl durchgepeitscht hat und nun den Kahlschlag bei der SZ üben will, sehen wir kein gutes Vorzeichen. Publizistische und gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen, bedeute, dass eine selbständige Zeitung mit einer Vollredaktion und einer eigenständigen Verwaltung erhalten bleibt, heißt es in der dju-Erklärung. „Kooperation darf nicht bedeuten, dass die Beschäftigten die Zeche zahlen und die wirtschaftliche Existenz der Mitarbeiter und ihrer Familien zerstört wird. Die publizistische Vielfalt in München ist zu sichern.“
Laut Mediendiensten soll es eine Zusammenarbeit in den Bereichen Redaktion, Vertrieb. Organisation und Internet geben. Mit dem Landeskartellamt wurde bereits verhandelt. In den vergangenen Monaten ist hinter den Kulissen lange über die Rettung der Abendzeitung gerungen worden.
Zu „5 vor 12“-Aktionen kam es am 15. Oktober an den SWMH-Standorten in Stuttgart, München und Suhl, an denen sich insgesamt 1.200 Kolleginnen und Kollegen beteiligten. „Personalabbau, Ausgliederung und Tarifflucht sei keine Lösung zur Bewältigung der Krise, war auf Flugblättern der Betriebsräte zu lesen. „Zu befürchten ist, dass in der Folge auch die Qualität der in den Konzernunternehmen erzeugten Produkte und Dienstleistungen leiden wird. Schlechte Produkte wiederum werden zu Absatz- und Umsatzrückgängen führen – so dreht sich die Spirale immer weiter nach unten.“

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