Das Buch als Bauwerk menschlicher Würde

Eva Leipprand ist Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) in ver.di
Foto: Privat

Zum Welttag des Buches 2018

Bücher werden gebraucht. Das Internet darf nicht zur einzigen Plattform der Kommunikation werden. Unser Leben ist mehr als eine flüchtige Abfolge von Klicks und Tweets, in der wir leicht die Orientierung verlieren. Bücher helfen uns dabei, ein Bild von der Welt zu entwerfen, sie zu verstehen und zu deuten. Vielleicht auch immer wieder innezuhalten und zu fragen, wie wir eigentlich leben wollen. Auch im digitalen Zeitalter bleibt das Buch als Leitmedium unverzichtbar.

Die Zahl der Bücherleser ist rückläufig, insbesondere bei den jüngeren und mittleren Jahrgängen, meldet eine Studie des Börsenvereins. Als Begründung werden insbesondere Informationsflut und Beschleunigung der digitalen Welt genannt; dabei schwindet die Fähigkeit, längere Texte konzentriert zu lesen.

Dies ist eine mehr als beunruhigende Nachricht in einer Zeit von Fake News und Filterblasen, von Meinungsmanipulation und bedrohter Privatheit. Bücher werden gebraucht, mehr denn je. Sie fördern Entschleunigung, Konzentration, den Blick für das Wesentliche. Nicht ohne Grund steht in der politischen Debatte der Begriff Erzählung oder Narrativ zurzeit so hoch im Kurs. In einer Erzählung werden Daten und Fakten nicht beliebig aufgehäuft, sondern in eine sinnstiftende Reihenfolge und Form gebracht, mit der man sich in Ruhe auseinandersetzen kann. Das Buch fördert die Fähigkeit, in andere Rollen zu schlüpfen, Empathie zu entwickeln, Brücken zu schlagen zu anderen Menschen und Kulturen. Und nichts ist privater und besser gegen Überwachung geschützt als die Lektüre eines Buches – da sind die Gedanken wirklich frei. Um mit dem Friedenspreisträger Jaron Lanier zu sprechen: Das Buch ist ein Bauwerk menschlicher Würde.

Diese Erfahrung darf unserer Gesellschaft nicht abhanden kommen. Deshalb ist es wichtig, auch am Welttag des Buches 2018 wieder das Lesen als lebenswichtige Kulturtechnik zu feiern. Das Buch als Kulturgut braucht die Wertschätzung und Förderung von Politik und Gesellschaft, und die Autorinnen und Autoren brauchen die Wahrung und Stärkung ihrer Rechte, damit die notwendige Vielfalt erhalten bleibt.

Von besonderer Bedeutung ist dabei die Kinder- und Jugendliteratur. Kinder müssen so früh wie möglich die Gelegenheit erhalten, die faszinierende Welt des Lesens zu entdecken. Da sind Eltern und Lehrer gefragt wie auch die Bildungs- und Kulturpolitik; es geht um die Förderung von Buchhandlungen und Bibliotheken, von kultureller Bildung, von öffentlichen Lesungen. Ein Kind, das einmal gespürt hat, wie ein Buch beim Vorlesen zum Leben erwacht, wird die Erfahrung nicht vergessen.

Die Marktkräfte allein werden das Kulturgut Buch in der notwendigen Vielfalt nicht bewahren. Wir brauchen die Gestaltungskraft der Politik. Neben der Stärkung des Urheberrechts auch auf europäischer Ebene geht es derzeit vor allem um vorausschauende Strategien zur Regulierung der digitalen Welt im Interesse der Zukunft unserer Gesellschaft.

nach oben

weiterlesen

Ohne Haltung geht es nicht

Es ist ein vergifteter Begriff, über den im medialen Kuppelzelt gerade so ausgiebig und aufgeregt diskutiert wird: Haltung! Vergiftet, weil von durchaus interessierter Seite boshaft missverstanden wird, dass Haltung eben kein Surrogat für Wahrhaftigkeit ist und auch kein militärischer Oberbefehl, dem sich alle journalistischen Tugenden unterzuordnen haben.
mehr »

Intransparenz um jeden Preis

Von Transparenz hält man in der sächsischen Politik wenig. Nicht von ungefähr gehört Sachsen zu den Bundesländern, die noch immer kein Informationsfreiheitsgesetz haben. Behörden und Politik können so Auskünfte leicht verweigern. Und wenn es notwendig ist, werden bestehende Gesetze auf diese Intransparenz zugeschnitten. Indiz dafür ist der Umgang mit einem der jüngsten Auskunftsersuchen von Greenpeace.
mehr »

DuMonts Erbe verscherbeln

Kaum vier Jahre nach dem Tod von Altverleger Alfred Neven DuMont wollen offenbar seine Erben das väterliche Erbe verscherbeln. Wie üblich in solchen Fällen ohne vorherige Information von Beschäftigten und Betriebsräten. Mit dem geplanten Verkauf der Zeitungstitel des Kölner Verlags geht eine Dynastie zu Ende.
mehr »

Freie im Rundfunk: Bessere Einsichten

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung und Die Linke Bundestagsfraktion haben sich eingehend mit der Situation freier Mitarbeiter*innen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk beschäftigt. Das gefällt mir! Doch dies unbedingt mit einer Studie über die soziale und psychosoziale Situation der weit über 20.000 freien Mitarbeiter*innen machen zu wollen, ist zwar ein gut gemeinter, am Ende aber ein vielleicht wirkungsloser, hoffentlich nicht kontraproduktiver Versuch, notwendige Reformen anzustoßen. 
mehr »