Einfach nur: Danke!

Dr. Anja Bossen ist die gewählte Kunst- und Kulturbeauftragte von ver.di. Foto: Christian von Polentz

Seit Mitte letzter Woche, als in rasanter Geschwindigkeit eine kulturelle Veranstaltung nach der anderen abgesagt und Kulturbetriebe in den Dornröschenschlaf geschickt wurden, von dem noch niemand weiß, wie lange er dauern wird, ist die Corona-Pandemie für alle als Krise spürbar. Wie sie zu bewältigen ist, dafür gibt es weder Pläne noch Vorbild.

Immer noch laufen sowohl bei mir als auch den anderen ver.di-Ehrenamtlichen und ganz besonders bei den Gewerkschaftsekretär*innen von ver.di die Festplatten und Telefone heiß. Die E-Mail-Postfächer quellen über. Hunderte von Anfragen zutiefst besorgter Künstler*innen und Freischaffender erreichen uns. Hektik, ja, fast Panik, brach Anfang letzter Woche aus. Umfragen zur Höhe von Einkommensausfällen wurden von einigen Kunstfachgruppen mit Blitzgeschwindigkeit in Umlauf gebracht, Telefonkonferenzen abgehalten, sofern die überlasteten Leitungen es zuließen. In Windeseile wurden im Referat „Selbstständige“, in der dju und in der AG „Kunst und Kultur“ über Notfallmaßnahmen für die in ihrer Existenz akut Bedrohten beraten. Auch, wenn die Ergebnisse noch nicht für alle ausreichend scheinen und noch längst nicht alle Probleme geklärt sind, wurden durch die Gespräche der ver.di-Spitze mit der Politik schnell und unkompliziert erste Regelungen geschaffen, die vielen existenziell Gefährdeten zumindest über die nächsten Wochen helfen können. Erste Plattformen mit Informationen für Künstlerinnen und Kreative, die ständig aktualisiert werden, wurden geschaffen, weitere sind im Aufbau.

Nie zuvor wurden die Nöte von Selbstständigen in allen Bereichen – endlich auch im Kultur und Medien – von der Politik in diesem Maße wahrgenommen. Auch Kulturschaffende, die bisher nicht von der Notwendigkeit von Gewerkschaften überzeugt waren, ändern ihre Meinung, selbst wenn sie sich einen Mitgliedsbeitrag gerade jetzt weniger denn je leisten können.

Als ver.di-Kunst- und Kulturbeauftragte kann ich sagen: Ich freue mich auch über privat organisierte solidarische Hilfe, mit der Künstlerinnen, bei denen es finanziell nicht ganz so eng ist, diejenigen unterstützen, denen das Wasser bereits bis zum Hals steht. Das ist natürlich für fest angestellte Kulturschaffende, z.B. im Bereich der Orchester und Bühnen, leichter als für Menschen in Kulturberufen, in denen es in der Regel gar keine Festanstellungen gibt. Vor allem aber bin stolz auf „meine“ Gewerkschaft, die es wie kein anderer Verband in kürzester Zeit geschafft hat, sich Gehör bei der Politik zu verschaffen, kluge und umsichtige Vorschläge zu entwickeln und damit die allergrößte Not abzufedern.

Natürlich: Wir wissen noch nicht, wie es weiter geht. Und es gibt neben den existenziellen Sorgen auch neue Probleme, zum Beispiel durch despotische Intendanzen, die menschenverachtend mit ihren Beschäftigten umgehen. Es wird auch über Kurzarbeitergeld für fest angestellte Arbeitnehmer*innen in Kulturbetrieben und Medien diskutiert. Zeitgleich mit diesen Entwicklungen, die die Ehren- und Hauptamtlichen in Atem halten, entstehen neue, mit großer Kreativität entwickelte Formate von Kulturangeboten, die zumindest online eine kulturelle Teilhabe ermöglichen – in Zeiten von Ausgangssperren ist das durchaus systemrelevant.

Sicher ist auch: Nach der Krise wird unsere Gesellschaft nicht mehr dieselbe sein. Es wird Diskussionen geben über den gesellschaftlichen Umgang mit systemrelevanten Berufen, über die politisch forcierte Aushöhlung des öffentlichen Raums, die sich in der Krise als fatal herausstellt, und auch darüber, was es bedeuten kann, dauerhaft in prekäre Verhältnisse gedrängt zu werden.

Krisen bringen sowohl Gutes als auch Schlechtes in der Gesellschaft zum Vorschein. Wir sehen egoistische Hamsterkäufe, aber auch eine große Bereitschaft zu Verzicht, sozialem Engagement und zum Teilen. Ich danke allen, die unter den gegebenen extremen Bedingungen solidarisch zusammenhalten. Ganz besonders aber danke ich den vielen Ehrenamtlichen aus den ver.di-Fachgruppen für ihr großes Engagement und den Hauptamtlichen in ver.di, deren Computer und Telefone noch weiter heiß laufen werden, und die gerade unzählige Überstunden leisten. Ihr alle seid systemrelevant. Bleibt gesund!


Dr. Anja Bossen ist Instrumentalpädagogin, unterrichtete bis 1997 an verschiedenen Berliner Musikschulen und an der Musikschule in ihrem jetzigen Heimatort Frankfurt/Oder Querflöte. 2009 promovierte sie im Bereich Sprachförderung mit Musik. Ab 2012 ist sie im Bereich Musikpädagogik an der Universität Potsdam tätig.
Anja Bossen gehört seit 1997 der Fachgruppe Musik von IG Medien/ ver.di an. Viele Jahre arbeitete sie im Landesvorstand Berlin-Brandenburg und im Bundesfachgruppenvorstand mit. Auf Vorschlag der ver.di-Kunstfachgruppen wurde Anja Bossen auf dem ver.di-Kongress im September 2019 zur neuen Kunst- und Kulturbeauftragten der Gewerkschaft gewählt.


M – Der Medienpodcast im Gespräch mit Veronika Mirschel, bei ver.di zuständig für Selbstständige

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