Was hat Norbert Himmler da wohl geritten, als er die Musiker Danger Dan und Igor Levit ausladen ließ? Kurz vor ihrem Gang ins Studio zur Aufzeichnung der 100. Folge von „Die Anstalt“ kam die Absage: Die Präsentation ihres neuen Liedes „Keine Angst“ wurde gecancelt. Dem Intendanten überkam wohl die Angst, der antifaschistische Song könne als Aufruf zur Gewalt missverstanden werden. Das jedenfalls lässt eine ZDF-Pressemitteilung vermuten.
Das muss schon ein Missverständnis mit Vorsatz sein, um dieses Lied als Gewaltaufruf zu verstehen. Denn der Text appelliert an die Zivilcourage. Er thematisiert seismografisch die um sich greifende Angst vieler Demokratinnen und Demokraten in diesem Land vor einer Machtübernahme der AfD und ihrer mindestens zum Teil faschistischen Führungsriege. Kein Wort von Gewalt, kein Wort von aggressiver Aktion.
Die beiden Künstler – und mit ihnen die Moderatoren von „Die Anstalt“ – sind enttäuscht und empört. Sie pochen auf die Kunstfreiheit, die gerade und vor allem der öffentlich-rechtliche Rundfunk hochhalten muss. Dabei kratzt das Lied „Keine Angst“ nicht wirklich an irgendwelche Straftatbestände des deutschen Rechtes. Kein Rassismus, keine Beleidigungen, kein Aufruf zur Begehung einer Straftat.
Da ist gefühlt jede zweite Äußerung von AfD-Politikerinnen und Politikern, bereitwillig auch vom ZDF in Nachrichten und Talkshow wiederholt und verbreitet, strafwürdiger und missverständlicher. Man kann sich also nur wundern, wie die Senderleitung auf die Idee gekommen ist, die Kunstfreiheit wegen eines angeblichen, juristischen Problems zu kippen, wo doch die Künstler selbst vom ZDF-Justiziariat eine Freigabe erhalten haben wollen. Vom Eingriff in die innere Programmfreiheit des Senders und seiner Redaktionen ganz zu schweigen.
Die Vermutung liegt nahe: Es ging gar nicht um einen vermeintlichen Rechtsverstoß – sondern um die panische Furcht vor den widerwärtigen Anfeindungen und Verleumdungen aus der AfD und ihren Freundeskreisen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zerstören wollen. Und um die Angst vor Kritik aus ultrakonservativen CDU/CSU-Lagern, die sich immer noch ein Hintertürchen für eine Zusammenarbeit mit der AfD offenhalten wollen und deshalb immer wieder gegen den angeblich „rot-grün versifften“ Rundfunk stänkern. Dann besser doch die Füße stillhalten vor Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, die für die Medienpolitik einschneidend werden könnten?
Das allerdings wäre eine verfehlte Strategie. Denn Angst ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber. Solche abenteuerlichen Vorgänge bringen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nur in Verruf – nämlich bei den Menschen, die an Meinungs- und Kunstfreiheit als grundlegende Säule der Demokratie glauben. Duckmäuserisches Verhalten wird selbst von Despoten und Faschisten am Ende nur verhöhnt. Besser also wäre es, mit allen erlaubten publizistischen Mitteln für ein angstfreies und demokratisches Land zu kämpfen und die Feinde der Demokratie zu entlarven. In diesem Sinne: Keine falsche Angst, Herr Intendant!

