Leserbrief: Reform dringend nötig

„Rumfummeln“ in M 12 / 2008

Jeden Redakteur, jede freie Journalistin kann es treffen: Ein kritischer Bericht wird per Einstweiliger Verfügung verboten. Bisher stützen sich die meisten Gerichte dabei allein auf die Angaben des Antragstellers. Hier wäre eine Reform dringend nötig: Vor dem Erlass von Verfügungen müssten Richter auch der Gegenseite Gelegenheit zur Stellungnahme geben. Ich verstehe nicht, warum die M-Kommentatorin diesen Vorschlag ablehnt, der in einer Bundestagspetition von 1.130 Unterzeichnern geäußert wurde.
Ich habe selber erlebt, wie schnell eine ungerechtfertigte Verfügung verhängt werden kann. Ein evangelikaler Verein hatte mir die Formulierung verbieten lassen, er wolle Homosexuelle „umpolen“. Das Landgericht Frankfurt hätte sich und mir viel Arbeit erspart, wenn es mich vor der Verfügung angehört oder zumindest kurz gegoogelt hätte. Dann wäre schnell – und nicht erst nach meinem erfolgreichen Widerspruch – klar geworden, dass ich Recht hatte.
Durch die Verfügung aber wurde einen Monat lang meine freie Berichterstattung eingeschränkt. Zudem kostete mich das Verfahren unglaublich viel Zeit und Nerven. Ich musste für den Widerspruch eine Anwältin suchen und ständig mit ihr korrespondieren, dju-Rechtsschutz beantragen, meine Recherche fürs Gericht dokumentieren und ergänzende Beweise sammeln, Eidesstattliche Versicherungen abgeben und dann zur Widerspruchsverhandlung nach Frankfurt fahren. Dort wurde die Verfügung schließlich in vollem Umfang aufgehoben.    ,

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Faire Honorare für Filmvermittlung

Die AG Filmvermittlung legt erstmals einen Honorarrahmen für freischaffende Filmvermittler*innen vor und macht damit auch auf die prekäre Erwerbssituation in der Branche aufmerksam. Für die Honorare zieht der Verein den Basishonorarrechner Kultur von ver.di heran.
mehr »

Keine Angst, Herr Intendant!

Was hat Norbert Himmler da wohl geritten, als er die Musiker Danger Dan und Igor Levit ausladen ließ? Kurz vor ihrem Gang ins Studio zur Aufzeichnung der 100. Folge von „Die Anstalt“ kam die Absage: Die Präsentation ihres neuen Liedes „Keine Angst“ wurde gecancelt. Dem Intendanten überkam wohl die Angst, der antifaschistische Song könne als Aufruf zur Gewalt missverstanden werden. Das jedenfalls lässt eine ZDF-Pressemitteilung vermuten.
mehr »

Neue Aufgaben im Community-Management

In der plattformdominierten Öffentlichkeit sind neue Berufsfelder entstanden – wie das Community-Management, das zwischen Redaktion und Publikum vermitteln soll. Obwohl diese Aufgabe in journalistische Ausbildungspläne integriert ist, prägen mangelnde Wertschätzung und prekäre Arbeitsbedingungen die Praxis in den Medien.
mehr »

Pressefreiheit ist keine Weltmeisterschaft

Deutschland ist in der weltweiten Rangliste der Pressefreiheit einige Plätze abgestiegen und rangiert 2026 nur noch auf Platz 14. „Na und?“, werden einige jetzt sagen, „Das ist doch immer noch nicht schlecht!“ Doch, das ist es.
mehr »