Sport, Medien und Testosteron

Foto: Jan-Timo Schaube

Meinung

Mit der Gleichberechtigung der Geschlechter ist das so eine Sache. Dass es hierzulande kaum mal eine Frau in einen Dax-Vorstand oder sonstige Chefetagen schafft, dürfte den meisten männlichen Zeitgenossen ziemlich egal sein. Anders verhält es sich, wenn bei der Live-Übertragung eines wichtigen Fußballspiels eine Sportreporterin das Mikrofon übernimmt: Dann setzt es in der Regel eine Flut abwertender bis gehässiger Kommentare im Netz. Heißt diese Reporterin dann auch noch Claudia Neumann, ist ein Shitstorm frauenfeindlicher Tweets und Postings garantiert.

So geschehen zuletzt am vergangenen Samstag, als Neumann als erste Frau der bundesdeutschen Mediengeschichte im ZDF ein Champions-League Finale (der Männer) kommentierte. Was sich da – neben positiven und anerkennenden Bemerkungen – an diffamierenden und sexistischen Verbalinjurien im Netz ergoss, spottet jeder Beschreibung. So sehr, dass das Zweite sich genötigt sah, seine langjährige Expertin gegen diesen „sexistisch unterlegten Shitstorm“ öffentlich in Schutz zu nehmen.

„Woher kommt der Hass gegen Frauen im Fußball?“ – so der Titel eines Textes auf dem Online-Portal des ZDF am Tag nach dem Finale. Eigentlich sollte es doch eine „Selbstverständlichkeit“ sein, dass „Frauen Sportsendungen moderieren, Fußballspieler*innen interviewen und Live-Übertragungen kommentieren“. Schließlich ist Neumann Absolventin eines Sportstudiums, seit einem knappen Vierteljahrhundert Redakteurin und Reporterin in der ZDF-Hauptredaktion Sport, mithin eine ausgewiesene Fachfrau. 

Was treibt Männer dazu, Posts vom Schlage „Hört sich an wie eine Kampflesbe“ oder „Neumann sollte lieber beim ZDF den Flur wischen“ abzusetzen? Von gelegentlichen Vergewaltigungsandrohungen ganz zu schweigen. Offenbar kann ein Teil des Publikums nicht akzeptieren, dass es einer Frau doch tatsächlich gelungen ist, in eine der wenigen verbliebenen Männerdomänen einzudringen(!). Nämlich jene Vertreter des maskulinen Geschlechts, die nicht ertragen können, dass ihnen nun auch noch der Verlust von Deutungshoheit in jener Disziplin dräut, die sie vermeintlich als letzte Bastion gegen den verwerflichen Gender-Wahn für sich reklamiert hatten: den Fußball.

Neumann selbst geht mit diesen Diffamierungen recht souverän um. „Hat die überhaupt ne Erlaubnis, sich außerhalb der Küche aufzuhalten? Wie ich lernte, das Leben sportlich zu nehmen“ – so der Titel des Buches, in dem sie 2020 ihre Erfahrungen in der Welt des Sports und der Medien aufarbeitete. Den Reflex, nach Spielen ins Netz zu schauen, vermeidet sie. Selbstschutz durch größtmögliche Ignoranz der Hater – nicht die schlechteste Strategie.

Ziemlich genau 50 Jahre ist es übrigens her, dass erstmals eine Frau im deutschen TV die Moderation einer Sportsendung übernahm. Auch die Journalistin Carmen Thomas sah sich als Frontfrau des „Aktuellen Sportstudios“ vom ersten Tag an heftigen Attacken – vor allem in der Boulevardpresse -ausgesetzt. „Bild am Sonntag“ hatte ihren Verriss bereits im Voraus geschrieben, ehe Thomas zum zweiten Mal auf Sendung ging. Die Moderatorin konterte, indem sie diese vorformulierte Kritik der Live-Sendung im ZDF-„Sportstudio“ vorlas: „Sie brauchen heute nicht zu kucken, weil eine große deutsche Zeitung schon weiß, wie ich heute sein werde“ blamierte sie das Springer-Blatt.

Thomas und Neumann – zwei Medien-Pionierinnen in der gelegentlich etwas ranzig wirkenden Welt testosteronlastiger Sportsfreunde. Aber das wird schon noch. An das Wahlrecht für Frauen hat man sich inzwischen ja auch gewöhnt.

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