Hafen des Friedens

Widerstand und Solidarität gegen dramatische Arbeitsbedingungen für die Medien in Kolumbien

Jene Kriegserklärung gegen alle Terrorgruppen dieser Welt hat den kolumbianischen Journalisten zu ihrem Unglück gerade noch gefehlt. Die Reporter arbeiten schon heute zwischen den bewaffneten Bürgerkriegsparteien und riskieren dabei täglich ihr Leben. Als „umkämpft“ gelten in Kolumbien heute 80 Prozent des Staatsgebietes. Die Journalisten sind somit Frontberichterstatter im eigenen Land oder wie die UNO sie kategorisiert: „Journalisten mit gefährlicher Mission“.

Schreiben oder nicht schreiben? Filmen oder schweigen? Immer seltener sind das Recht auf Information und die Objektivität die zentralen Kriterien am Ort des Geschehens: In dem umkämpften Departement von Santander beispielsweise entführten die „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (FARC) kurzerhand sieben Journalisten, um sie zu Beiträgen über Massaker und Vertreibungen seitens ihrer Erzfeinde, der rechtsgerichteten „Paramilitärs“, zu zwingen.

In einem anderen Fall im Regenwald von Caquetà ließen im Dezember wahrscheinlich ebenfalls die FARC zwei Radio-Journalisten des Senders Caracol erschießen, weil sie sich kritisch zu der entmilitarisierten „Entspannungszone“ geäußert hatten.

Die Paramilitärs sind nicht weniger brutal gegenüber „unerwünschten“ Journalisten, wie Gloria Yaneth Castrill-n von der Zeitung El Espectador berichtet: „Als meine Kollegin Jineth Bedoya Lima im vergangenen Jahr von den Paramilitärs entführt und gefoltert wurde, sagten sie, sie wollten mit ihr eine Botschaft an alle Journalisten herausschicken, die sich mit der Guerilla abgeben.“

Derartige Botschaften landen auch bei Reporter ohne Grenzen (ROG). Für die Medien- und Menschenrechtler in Berlin und ihren französischen Dachverband zählt Kolumbien neben Ländern wie Tschetschenien und Sierra Leone heute zu den gefährlichsten Arbeitsplätzen für Journalisten.

Die ermordeten Caracol-Reporter sind zwei der zahlreichen Opfer. In diesem Sommer wurden weitere vier Kollegen ermordet. Die erschütternde Bilanz von ROG: Insgesamt 34 Journalisten ließen wegen der Ausübung ihrer Arbeit in Kolumbien seit 1991 ihr Leben. Tendenz steigend.

Frei ist die Berichterstattung immer seltener, denn die Selbstzensur ist Alltag. Parteiisch ist sie hingegen umso öfter, je weniger die Journalisten dem Druck der Morddrohungen standhalten.

Auf einem Journalistenseminar in der Hauptstadt Bogotà äußerten sich Reporter aus allen Bürgerkriegsregionen des Landes Anfang August überraschend offen und selbstkritisch: Eine wachsende Zahl von Journalisten mache sich zunehmend zu „Propaganda-Instrumenten einzelner Konfliktparteien“ und damit „zu einem Teil des Problems“. Im Extremfall seien einige Kollegen „verheiratet mit der Quelle und machen sich zu Pressesprechern der Guerillaführung“, äußerten die Experten von vor Ort.

Auch Rafael Santos, der Herausgeber der landesweiten Tageszeitung El Tiempo, räumte die große Gefahr ein, „zunehmend als hilfreiche Instrumente benutzt zu werden“. Seine Befürchtung ist, „dass wir der gewalttätigen Realität in Kolumbien bald nicht mehr gewachsen sein könnten“.

Auf jener Konferenz unter dem Titel „Die Fallen des Krieges im kolumbianischen Journalismus“ mussten sich Santos und weitere Chefredakteure und Herausgeber landesweiter Medien aber auch ganz andere Töne anhören. „Wir sind keine Draufgänger!“, ruft etwa der Zeitungsreporter José Aarón Rojas aus Cali den Medienchefs zu.

Denn längst nicht alle Fallensteller des kolumbianischen Journalismus laufen im Tarnanzug und bis zu den Zähnen bewaffnet durch die Bergwelt. Oft genug sitzen sie als Chefredakteure in den klimatisierten Pressebüros der Hauptstadt: am Telefon ihren Frontkorrespondenten, auf dem Bildschirm die letzten Meldungen der Konkurrenz und im Nacken die gnadenlos tickende Uhr, kurz vor den Abendnachrichten oder dem Redaktionsschluss. „Wir brauchen noch einen Knüller!“ schallt es dann häufig durch den Hörer in den Wald.

Die Medien selbst, mitunter die eigenen Kollegen vor Ort, erhöhen so das ohnehin schon große Berufsrisiko der Reporter. Eine sachliche Berichterstattung wird zunehmend schwerer. Zwischen wiederholten „Kettensägen-Massakern“ und „verstümmelten Kinderkörpern“ kommt einigen Journalisten schließlich das Feingefühl für die Wortwahl abhanden. Denn es ist mittlerweile eine hohe Kunst, die Leser und Hörer Kolumbiens bei Bürgerkriegsthemen noch aufhorchen zu lassen. Dennoch grüßen Auflage und Quote aus der Hauptstadt.

In der Heimat des berühmten Reporters und Schriftstellers Gabriel Garc’a Màrquez formieren sich nun Widerstand und Solidarität gegen die dramatischen Arbeitsbedingungen der Medien. Die Menschenrechtsorganisation „Medien für den Frieden“ als Veranstalter des „Fallen“-Seminars markierte nicht nur einen „historischen Moment“ für den kolumbianischen Journalismus, so ihr Präsident Andrés Restrepo. Sie vernetzt mittlerweile über 500 kolumbianische und in Kolumbien tätige Journalisten für einen neuen „Journalismus des Friedens“.

Das Auswärtige Amt der Bundesrepublik unterstützt die Organisation und ihre Journalisten dabei im übrigen seit mittlerweile zwei Jahren. Und es bleibt zu hoffen, dass sie bereits über genügend Zusammenhalt verfügt, in der neuen Dimension des Krieges zu bestehen: Nach den Attentaten des 11. September in den USA sind allein drei kolumbianische Gruppen mit zusammen über 25.000 bewaffneten Terroristen erklärtes Kriegsziel im „neuen Krieg“ Amerikas. Restrepos Netzwerk und dessen Portal www.mediosparalapaz.org könnten dann zu einer neutralen Zone in Kolumbien werden: „harboring peaceful journalism“.

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