20 Jahre danach: Einfalt statt Vielfalt?

Qualitätsjournalismus in Mecklenburg-Vorpommern weggespart

Drei Regionalzeitungen informieren die 1,7 Millionen Menschen in Mecklenburg-Vorpommern. Unter der Regie von westdeutschen Verlagen wird gespart und kooperiert, was das Zeug hält – zunehmend auf Kosten der Meinungsvielfalt. Die Funkmedien können dieses Defizit nur begrenzt kompensieren.

Am 1. April dieses Jahres stand den Beschäftigten des Neubrandenburger Nordkurier (NK) der Sinn nicht nach Scherzen. An diesem Tag nahm die gemeinsame Mantelredaktion von Nordkurier und Schweriner Volkszeitung (SVZ) ihre Arbeit auf. Gerade mal vier der 27 Mantelredakteure des NK wechselten in die mv:m Mantelredaktion GmbH nach Schwerin. Erst zum 1. Oktober 2008 hatte die SVZ ihren Mantel ausgegründet und 20 ihrer Redakteure in die mv:m verfrachtet – wohl um der lästigen Tarifbindung zu entkommen. Vorläufiger Höhepunkt eines Konzentrationsprozesses, der bereits wenige Monate zuvor etwas weiter nördlich begonnen hatte. Seit Juni 2008 werden auch die Mantelseiten der Rostocker Ostsee-Zeitung und der Lübecker Nachrichten von einer gemeinsamen Mantelredaktion produziert. Eine unter dem Gesichtspunkt von Pressevielfalt desolate Entwicklung, „Wir haben praktisch in Mecklenburg-Vorpommern jetzt keine Vollredaktion mehr“, klagt Ernst Heilmann, Landesleiter ver.di Nord.
Um die Öffentlichkeit auf die bedrohliche Entwicklung aufmerksam zu machen, gründeten ver.di, DJV und DGB vor anderthalb Jahren die Initiative „Unser Land braucht seine Zeitungen. Qualität und Vielfalt sichern“. Im Auftrag der Initiative untersuchten Kommunikationswissenschaftler der Uni Hamburg, welche Auswirkungen die Spar- und Fusionspolitik der Verlage auf die Berichterstattung in den Bundesländern Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern hat. Die Besitzverhältnisse bei den Tageszeitungen beider Länder haben sich erst kürzlich verschoben. Im Februar übernahm die Verlagsgruppe Madsack die Anteile der Axel Springer AG an den Kieler Nachrichten, den Lübecker Nachrichten (LN) und der Ostsee-Zeitung (OZ).
Ein Vergleich der Seiten von LN und OZ ergab bei den meisten Landesthemen eine weitgehende Identität der Inhalte. „Man hat nur noch andere Stimmen von Bürgern zur Ergänzung eingeholt“, sagt Projektleiterin Elke Grittmann, „aber an sich war die gesamte Berichterstattung komplett gleich“. Der Trend zur „totalen Vereinheitlichung“ bis hin zur „monopolisierten Einfalt“ sei allerdings erst nach der Fusion der Mantelredaktionen beider Blätter eingetreten. Vorher, so die Analyse, hatten beide Zeitungen in ihrem Politikteil – trotz reichlicher Verwendung von Agenturmaterial – durchaus eigene, regionalspezifische Schwerpunkte gesetzt. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit – schließlich erscheinen beide Blätter in unterschiedlichen Bundesländern. Abgesehen vom Schwinden der Themenvielfalt sank auch die journalistische Qualität. „Abwechslungsreiche Darstellungsformen wie Reportagen, Features, Porträts und Interviews gingen zurück“, sagt Grittmann. Es dominiert eher trockene Kost aus Berichten und Meldungen.
Eine Tendenz zur inhaltlichen Ausdünnung, die nunmehr auch in den Verbreitungsgebieten von Schweriner Volkszeitung und Nordkurier um sich greift. Eindrucksvolle Präzedenzfälle gab es schon vor der Gründung der gemeinsamen Mantelredaktion. Als im August letzten Jahres der Landesvater von MeckPomm, Harald Ringstorff, zurücktrat, informierte der NK über dieses wichtige Ereignis mit Agenturmaterial von dpa und ddp. Zu einem eigenen Bericht reichte es nicht. Über ein in der Region heiß umstrittenes landwirtschaftliches Großprojekt – Pläne für eine industrielle Schweinezucht in Alt-Tellin – informierte die Süddeutsche Zeitung per Korrespondentenbericht auf Seite 1. Der Nordkurier begnügte sich mit einer ddp-Meldung. Ein Armutszeugnis für das Blatt, das doch gerade im Regionalen seine Stärke ausspielen müsste. Profilieren konnte sich der Nordkurier zuletzt nur durch eigenwillige Geschäftsbedingungen, die Verlagsleiter Lutz Schumacher den freien Mitarbeitern der Zeitung aufdrücken wollte. Diese enthielten unter anderem die Forderung nach einem „ausschließlichen, zeitlich und räumlich unbeschränkten Nutzungsrecht“ an den journalistischen Leistungen der Freien. Ein Knebelvertrag, den das Landgericht Rostock Ende Juli nach einer Gewerkschaftsklage als klaren Verstoß gegen das Urhebervertragsrecht bewertete und per Einstweiliger Verfügung abschmetterte (s.S.27). Schumacher gilt in der Branche als „Brutalsanierer“, seitdem er vor Jahren über Nacht die komplette Lokalredaktion der Münsterschen Zeitung (M 01–02.2007) auswechseln ließ.
Angesichts von Anzeigenkrise und Auflagenschwund dürften die Verlage auch künftig ihr Heil in Sparorgien und Outsourcing-Manövern suchen. „Unter dem Vorwand der Krise lassen die Verleger jede Verantwortung vermissen und wollen die Gunst der Stunde nutzen, um weit reichende Strukturveränderungen zulasten der Mitarbeiter durchzusetzen“, kritisiert ver.di-Landesleiter Heilmann anlässlich der jüngsten Entlassungswelle bei der SVZ. Befürchtungen der Gewerkschaften, es könne bis zu 45 Beschäftigte treffen, wurden vom Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag – er ist seit 2005 hundertprozentiger Anteilseigner der SVZ – dementiert. Allenfalls 15 bis 20 Personen seien betroffen, hieß es. Gefeuert wurde auch SVZ-Chefredakteur Thomas Schunck – ihm wird ein 14prozentiger Auflagenschwund aufgrund einer „falschen Ausrichtung“ angelastet. Bereits in der Vergangenheit hatte die Verlagsleitung ein Drittel der Belegschaft abgebaut. Jetzt, so befürchten die Gewerkschaften, geht es an die Substanz. Ein Teufelskreis, findet auch Medienforscherin Grittmann, denn die Einsparungen führten in der Regel zur Verschlechterung des Produkts. „Dann verliert man Leser, die Auflage sinkt und entsprechend auch die Anzeigenpreise.“ Am Ende „wirtschaftet man so die Zeitung herunter“.
Am Anfang der Neuordnung im Rundfunk nach dem Fall der Mauer stand Günther von Lojewskis Traum von NORA. Hinter dem Kürzel steckte das Projekt einer Nordostdeutschen Rundfunkanstalt Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Eine Dreiländeranstalt im Norden, dazu eine weitere – den MDR – für die „Mitteldeutschen“. Nach Auffassung des damaligen Intendanten des Senders Freies Berlin (SFB) hätte eine solche Lösung das Ungleichgewicht in der ARD abbauen helfen und die Finanzierungskonflikte innerhalb des Senderverbunds mindern können. Alles kam anders. Sowohl Brandenburg als auch MeckPomm fürchteten eine zu starke Berlin-Dominanz. Während Brandenburg für die Gründung seiner eigenen „schlanken“ Anstalt ORB votierte, trat Mecklenburg-Vorpommern Ende 1991 dem NDR-Staatsvertrag bei.
Immerhin: Abgesehen von der Hauptstadtregion ist das Integrationsmodell der Vierländeranstalt NDR, darauf wies unlängst der Branchendienst epd Medien zu Recht hin, „die einzige neue Konstellation, bei der auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze gesendet wird“. Als Mitgift für den neuen Partner ließ der NDR in Schwerin ein nagelneues Funkhaus bauen. Zugleich investierte er in die Modernisierung der Studios in Greifswald, Rostock und Neubrandenburg. Das Publikum dankte mit hohem Zuspruch etwa für das NDR-„Nordmagazin“, das mit einem Marktanteil von mehr als 30 Prozent Spitzenreiter unter den TV-Regionalmagazinen der ARD ist.
Auch im Hörfunk übernahm der NDR ab 1992 die Versorgung der Bevölkerung von Mecklenburg-Vorpommern. Aus dem in der Nachwendephase kurzzeitig existierenden DDR Radio MV wurde nun NDR 1Radio MV. Mitte 1993 trat mit Antenne MV der erste private Wettbewerber auf den Markt. Zwei Jahre später folgte Ostseewelle Hit-Radio MV. 2002 zog eine von der Landesrundfunkzentrale (LRZ) in Auftrag gegebene Studie „Privater Rundfunk in Mecklenburg-Vorpommern“ ein ernüchterndes Fazit. Demnach erfüllten die Privatsender „gerade noch“ die Anforderungen an Vollprogramme. Der Beitrag der Sender zur politischen Meinungsbildung wird darin als „ausbaufähig“ qualifiziert. Die journalistischen Wortbeiträge seien mengenmäßig überschaubar, der Schwerpunkt liege auf Themen aus Kriminalität und Katastrophen. Journalismus werde zudem immer mehr zu Gunsten von Gewinnspielen und gesponserten Sendungen zurückgefahren. Dazu passt eine ddp-Meldung im Hamburger Abendblatt vom 11. Oktober 2003 über eine gemeinsame Aktion von Antenne MV und einem Hotel gegen den Bevölkerungsschwund im Lande. Zitat: „Sie luden junge Paare zur ‘größten Liebesnacht aller Zeiten’ ein. Ziel: 1000 Babys.“
Auch solche PR-Aktionen konnten nicht verhindern, dass Antenne MV im Jahr 2006 erstmals vom privaten Konkurrenten Ostseewelle überflügelt wurde. Die beiden landesweiten Privatradios liefern sich einen heftigen Wettbewerb mit den diversen NDR-Wellen. Rivalen der Privaten beim Kampf um die Gunst der jungen Hörer sind vor allem die Rock- und Popwelle NDR 2 und das Jugendradio N-Joy. Letztere unterscheiden sich in Anmutung und Programmprofil kaum noch von den Kommerziellen. Absoluter Spitzenreiter in der Publikumsgunst war 2008 allerdings NDR 1 Radio MV mit einem Marktanteil von knapp 30 Prozent. Für ein paar Vielfaltstupfer im eintönigen norddeutschen Wellenbrei sorgt das alternative Lokalradio Rostock LOHRO, ein nichtkommerzielles Mitmachprogramm, das vom Enthusiasmus seiner überwiegend studentischen Macher lebt. Zur „Vielfaltreserve“ zählt auch der unter Regie der LRZ betriebene Offene Kanal in Neubrandenburg.
Mitte 2007 schloss Antenne MV seine Regionalstudios in Rostock, Stralsund und Neubrandenburg. Übrig blieb die Zentrale in Plate bei Schwerin. Die schon zuvor magere Regionalberichterstattung wurde damit naturgemäß weiter ausgedünnt. „Diese Strategie der Kostenreduktion (…), die Schließung von Außenstudios sind alle Gift für journalistische Inhalte, weil sie eben den Freiraum für größere Geschichten, für intensivere Recherche sehr eng einschränken“, urteilte Medienwissenschaftler Uwe Hasebrink damals im NDR-Magazin „Zapp“. In der alten DDR verhinderte das ideologische Diktat der SED die Meinungsvielfalt in den Medien. Im vereinigten Deutschland besorgt das mancherorts möglicherweise bald der Markt.

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