Betriebsrat bei DuMont Berlin per Tarifvertrag

Standfest, jung und dynamisch, so zeigen sich die Berliner DuMont-Medienmacher_innen. Nun haben sie die Chance, einen einheitlichen Betriebsrat zu wählen.
Foto: DuMont

Vor reichlich einem Jahr verkündeten die DuMont-Spitzen ihren Beschäftigten um das Abo-Blatt Berliner Zeitung und den Boulevardtitel Berliner Kurier einen „Neustart in der Hauptstadt“. Mit beträchtlich weniger Leuten. Jetzt schafft ein Tarifvertrag Voraussetzungen, dass wieder eine gemeinsame Interessenvertretung in den Redaktionen gewählt werden kann.

Die „Konsolidierungsstrategie“ des DuMont-Konzerns in der Hauptstadt schloss ein, die Redaktionen von Berliner Zeitung und Berliner Kurier im traditionellen Verlagshaus am Alexanderplatz zu schließen. Beide Blätter werden seither ohne Betriebsübergang an neuem Standort mit neuer Besetzung produziert. Das bedeutete nicht nur Massenentlassungen, sondern auch das Ende einer kämpferischen betrieblichen Interessenvertretung, für die der Betriebsrat des Berliner Verlags mit der Vorsitzenden Renate Gensch bis zuletzt stand.

In den aktuellen Strukturen existieren Betriebsräte nur noch in der Zeitungsdruckerei und in ausgegründeten kleineren Einheiten. Dem Konzernbetriebsrat gehören in Berlin die Interessenvertretungen der Tochterunternehmen Berliner Lesermarkt, BerlinMedien Vermarktung, BerlinOnline Stadtportal, BVZ Anzeigenzeitungen (Berliner Abendblatt) sowie Berliner Zeitungsdruck an.

Für die Macher_innen der beiden hauptstätischen DuMont-Tageszeitungen fungiert in der Alten Jacobstraße in Berlin-Kreuzberg lediglich der einköpfige Betriebsrat der DuMont Redaktionsgemeinschaft GmbH. Die Beschäftigten der Berliner Newsroom GmbH und der Berlin24 Digital GmbH sind bisher ohne Mitbestimmungsgremien.

Tarifvertrag für einheitliches Gremium

Das wird sich nun ändern. ver.di Berlin-Brandenburg, der DJV Berlin sowie der Journalistenverband Berlin-Brandenburg haben mit den drei Unternehmen einen Tarifvertrag zur Bildung einer einheitlichen Arbeitnehmervertretung in den Berliner Redaktionen gemäß § 3 Betriebsverfassungsgesetz ausgehandelt und jetzt unterzeichnet. Danach kann das gesetzliche Organisationsrecht tarifvertraglich den konkreten Unternehmensstrukturen angepasst werden. Erklärtes Ziel in Berlin ist, „eine wirksame und zweckmäßige Interessenvertretung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu erreichen, die aufgrund der besonderen Bedürfnisse des redaktionellen Alltags“ sonst erschwert würde. Der Tarifvertrag ist erstmals zum 31. Dezember 2021 kündbar.

Das sieht nach Arbeit aus: Hier entstehen Berliner Zeitung und Berliner Kurier im neuen Kreuzberger Newsroom.
Foto: DuMont

Nach Einschätzung von Andreas Köhn, ver.di-Landesfachbereichsleiter Medien Berlin-Brandenburg, „ein guter Schritt zu einer einheitlichen Interessenvertretung für alle Mitarbeiter_innen, die gemeinsam an der Redaktion der zwei Berliner Tageszeitungen des DuMont-Verlages arbeiten“.

Der neu zu wählende Betriebsrat wäre für die 97 Redakteur_innen in der Newsroom-Gesellschaft, die 19 Journalist_innen der Redaktionsgemeinschaft sowie die 35 Onliner_innen von Berlin24 Digital zuständig. Die Wahl des Betriebsrates für die Berliner DuMont-Redaktionen muss nun gemäß Betriebsverfassungsgesetz ablaufen und werde, so prognostiziert man bei ver.di, Anfang des neuen Jahres stattfinden.

Noch viel zu regeln

Damit wäre die Mitbestimmung in den hauptstädtischen DuMont-Redaktionsunternehmen gestärkt. Bei der Regelung von Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen für die geschrumpften Redaktionsteams wird der neue Betriebsrat ein reiches Betätigungsfeld vorfinden. Da eine große Lösung für eine Interessenvertretung von noch mehr Tochterunternehmen nicht durchgesetzt werden konnte, streben Beschäftigte und Gewerkschaften nun eine tarifliche Regelung zur Bildung eines gemeinsamen Betriebsrates auch für die Berliner DuMont-Verlagsgesellschaften an. Außerdem wurden bereits vor Monaten Verhandlungen für einen Haustarifvertrag der Redaktionen begonnen. Damit sollten – so die gewerkschaftliche Forderung – Mantel- und Gehaltsvereinbarungen möglichst auf Flächentarifniveau anerkannt werden. Auch der Tarifvertrag zur Altersversorgung (Presseversorgungswerk) soll gelten. Die Verhandlungen wurden allerdings Ende August von Gewerkschaftsseite unterbrochen.

In der gesicherten Zone

85 Beschäftigte aus dem Berliner Verlag erhielten im Zuge des „Neustarts“ ihre Kündigung. Immerhin 71 von denen, die nicht in den Redaktions-Newsroom nach Kreuzberg mietziehen durften oder wollten, sind in die laut Sozialtarifvertrag/Sozialplan gebildete Transfergesellschaft gewechselt. Dort erhalten sie bis zu zwölf Monate lang 80 Prozent ihres letzten Nettogehaltes sowie fast 5000 Euro für Weiterbildung und haben bis zu einem Jahr Zeit für berufliche Neuorientierung. Die Hamburger Inplace Personalmanagement GmbH organisiert die Beratungs- und Qualifizierungsangebote. Ehemalige Redakteur_innen, die zu Ende Juni gekündigt worden waren, befinden sich nach Einschätzung von Geschäftsführer Stephan Dahrendorf gerade in der Findungs- und Weiterbildungsphase. Die Transferzeit sieht er als „gesicherte Zone“ mit ganzheitlicher Betreuung, die Arbeit mit den Ehemaligen vom Alex als „sehr spannend“. Den Medienmachern – meist 45+ und bisher ein gutes Entgelt gewohnt – zu helfen, ihre Stärken und Kompetenzen für ihre berufliche Zukunft auszuspielen, war Aufgabe des anfänglichen Coachings. Sobald sich für Einzelne aussichtsreiche „Projekte“ herauskristallisierten, ginge es um Bewerbungsvorbereitung, individuelle Qualifizierung und Vermittlungsunterstützung. Synergien der Teilnehmer untereinander sind gewollt, auch Kooperation mit den zuständigen Jobvermittlungen und externen Bildungsträgern. Mut, etwas auszuprobieren, werde belohnt, doch biete ein Rückkehrrecht gleichzeitig Sicherheit.

Qualifizierung first

Die Entscheidung für die Transfergesellschaft sei ihr nicht leichtgefallen, meint eine ehemalige Kurier-Redakteurin, doch es sei „genau die richtige“ gewesen. Sie müsse noch 17 Jahre bis zur Rente arbeiten, da wolle sie einen Schnellschuss vermeiden, sagt eine andere Teilnehmerin: „Inplace macht keinen Zeitdruck, sondern ermutigt“. Man lerne hier von Jüngeren, das freue sie, lobt eine Redakteurin, die 29 Jahre bei der Berliner Zeitung im Schichtdienst „funktioniert“ hat und genau weiß, dass sie Derartiges nie mehr möchte. Seit Jahren habe es bei DuMont „Online first“ geheißen, doch niemand habe je Zeit oder Angebote zu entsprechender Qualifizierung bekommen, erinnert man sich. Nun lernen die Teilnehmer mit dem Smartphone gemeinsam Videos drehen und schneiden, könne sich im Workshop Office weiterbilden, ihr Englisch oder Buchhaltungskenntnisse aufpolieren.

Zwölf Teilnehmende aus der Transfergesellschaft, so Geschäftsführer Dahrendorf, hätten bereits eine neue Anstellung gefunden, zehn würden sich gezielt auf ihre Selbstständigkeit vorbereiteten. Dreizehn weitere sind über 60 und gingen die Stellensuche eher verhalten an.

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