Streiks bis zur Nacht der Entscheidung

Am Aschermittwoch war alles vorbei – auch der Tarifpoker für Redakteure an Tageszeitungen

„Die Beteiligten richten sich auf eine lange Nacht ein“, meldeten Beobachter gegen 21 Uhr aus dem Hotel Kempinski in Berlin zum Stand der Dinge während der achten Verhandlungsrunde im Tarifpoker für die Tageszeitungsredakteure am 24. Februar. Es war Faschingsdienstag und beim Champions Leaguespiel der Bayern gegen Real Madrid im Münchner Olympiastadion war Halbzeit. Die kleine Kommission saß mit den Verlegern im Konferenzsaal des Hotels mit dem gar nicht passenden Namen Sanssouci – das heißt nämlich ohne Sorgen.

Am Berliner Himmel strahlte die Sonne, als am Vormittag Verhandlungs- und Tarifkommission mit der einen großen Sorge anreisten: Kommt es heute zum Abschluss? Vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) wird die Aufgabe der Blockadehaltung erwartet. Wenn die provozierenden Forderungen nach dauerhaften Tarifeinschnitten bei einer marginalen Tariferhöhung nicht aufgegeben werden, wird es auch keine Einigung am Verhandlungstisch geben. Ein erneut ergebnisloser Verhandlungstermin wäre ein tarifpolitischer Offenbarungseid der Verleger. Die dju in ver.di und der DJV haben bereits in der siebten Runde einen Weg zur Einigung aufgezeigt. Die dju-Verhandler stimmten sich über Verhandlungsfortschritte mit der gleichzeitig tagenden Tarifkommission ab.

Um 21 Uhr wird gemeldet, dass es bis zur Stunde auf Seiten der Verleger kaum Bewegung gibt. Die Verleger scheinen ohne Einigungsbereitschaft angereist zu sein. Jeder Versuch, Wege zu einem Abschluss der Tarifauseinandersetzung zu finden, wird durch die unnachgiebige Verlegerhaltung zunichte gemacht. Nach einer Beratungspause wird gegen 21.30 Uhr in kleiner Runde weiterverhandelt. In München greift Oliver Kahn in der 83. Minute am Ball vorbei, es steht 1:1 für Real Madrid. Die dpa wird in ein paar Stunden vermelden: „Auf dem Spielfeld der Tarifparteien war wie im Münchener Olympiastadion am Ende auch kein Sieger zu erkennen.“

„Wir hängen fest“, so die Botschaft gegen 2 Uhr. Seit mehreren Stunden gibt es keine Fortschritte. Die Verzögerung wird hauptsächlich durch die unentschlossenen

Verlegervertreter hervorgerufen. „Über ein mögliches Ergebnis oder eine weitere Vertagung der Verhandlung unterrichten wir in den frühen Morgenstunden. Allen Mitstreitern und mitfiebernden Aktiven wünschen wir nun zunächst eine gute Nacht. Die dju-Verhandlungskommission hält die Stellung“, meldet der Internetredakteur. In Berlin fällt Schnee – so schön ist der Kürfürstendamm selten.

Dann ging es doch noch relativ zügig voran. „Jetzt bewegt sich etwas“ raunte jemand, als BDZV- Verhandlungsführer Werner Hundhausen um eine Flurecke ging.

Kurze Beratung bei den Gewerkschaften. Um 5.20 Uhr öffnete sich die Tür zum Raum Sanssouci und Frank Werneke hielt den rechten Daumen nach oben.Nach zäher Nachtverhandlung konnte eine Einigung erzielt werden, die Frank Werneke als „nicht voll befriedigend“ bezeichnete. Aber es sei gelungen, einige Verleger-Forderungen abzuwehren. Die Ausweitung der Wochenarbeitszeit, Öffnungsklauseln ohne Mitwirkung der Gewerkschaft und eine erneute Kappung der Berufsjahresstaffel wurden verhindert. Positiv sei, dass mit der Einigung über den Manteltarifvertrag wieder Tarifsicherheit hergestellt wurde, so Frank Werneke. Beim Urlaubsgeld wird in Zukunft 80 Prozent eines Monatsgehaltes gezahlt.Die Urlaubsregelungen sehen wie folgt aus: Unter 40 Jahre gibt es 30 Urlaubstage,ab dem 40. Lebensjahr 32, ab dem 50. Jahr 33 und ab dem 55. Jahr 34. Das Gehalt steigt ab dem 1. Juni dieses Jahres um 1,3 Prozent. In gleicher Weise sollen die Honorare für arbeitnehmerähnliche Freie angehoben werden. Dazu wird es eine gesonderte Vereinbarung geben. Der Gehalts- und der Honorartarifvertrag haben eine Laufzeit von 24 Monaten bis zum 31. Juli 2005. Während der Laufzeit wird eine Arbeitsgruppe Gespräche zu einer neuen Berufsgruppenstruktur aufnehmen. Die Gehaltstabelle steht im Internet: http://dju.verdi-verlage.de unter Tarifverträge. „Das wir aber überhaupt so weit gekommen sind, ist den 3.000 streikenden Kolleginnen und Kollegen zu verdanken“, so Frank Werneke (s. S. 8).

Von Nord bis Süd stärkten streikende Redakteurinnen und Redakteure den Verhandlern in Berlin den Rücken. In München wurden gleich drei Zeitungen – „tz“, „Abendzeitung“ und „Süddeutsche Zeitung“ bestreikt. In NRW herrscht karnevalsbedingt Ausnahmezustand. In vielen Redaktionen auch, wo weit über 400 Streikende ziemlich kreativ waren. In Dülmen rückte eine halbe Hundertschaft streikender Redakteurinnen und Redakteure dem Verleger der „Dülmener Zeitung“ auf die Pelle – lautstark und mit stichhaltigen Argumenten in Flugblattform bewaffnet wurde die Öffentlichkeit über die Situation der Journalisten informiert. Die Redakteure der „Dülmener Zeitung“ durften nämlich ihre Leser nicht wahrheitsgetreu und umfassend über den Arbeitskampf informieren, der Verleger hat dies untersagt. Vorsichtshalber wurde das Verlagsgebäude verriegelt, Streikende hatten dort keinen Zutritt.

Mit der MS „Gerhard Mercator“ unternahmen fast 100 Redakteurinnen und Redakteure eine Schiffsreise auf Rhein und Ruhr sowie im Duisburger Binnenhafen. Weniger der Belustigung wegen natürlich, vielmehr wurde vom Schiff aus plakativ auf den Arbeitskampf aufmerksam gemacht.

In Lüdenscheid trafen sich Journalistinnen und Journalisten aus dem Märkischen Sauerland mit ihren Kollegen aus Hamm. Gemeinsam wurde in der Lüdenscheider City die Wahrheit über den Journalistenstreik kundgetan und so manches Verleger-Märchen in Gesprächen mit den Leserinnen und Lesern als solches entlarvt. In Köln beteiligte sich mehr als ein Dutzend Redakteurinnen und Redakteure der „Kölnischen“ und der „Bonner Rundschau“ sowie des „Kölner Stadtanzeigers“ an einem eintägigen Warnstreik.

Streikende Redakteure der „Kreiszeitung Syke“, des „Diepholzer Kreisblattes“ und der „Verdener Aller-Zeitung“ besuchten die Streikversammlung der Kollegen des „Weserkuriers“ (WK) im DGB-Haus in Bremen. Hier wurde rege über die Tarifsituation, Streikbrecher und die Qualität von Tageszeitungen diskutiert. Anschließend machten sich die Redakteure der Kreiszeitungs-Verlagsgesellschaft mit WK-Kollegen auf den Weg nach Verden, um vor den Zweigstellen der „Verdener Aller-Zeitung“ und „Verdener Nachrichten“ zu demonstrieren. In der Fußgängerzone in Verden wurden Flugblätter verteilt und mit Passanten diskutiert, die – wegen des Streik-Berichts-Boykotts der Zeitungen – bisher wenig vom Tarifkampf der Zeitungsredakteure mitbekommen hatten. Auch in Hessen ging es rund: Etwa 150 Redakteure beteiligten sich an einem lautstarken Spaziergang durch die Fußgängerzone in Wiesbaden.

 

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Drei freie Tage für Redakteure zusätzlich

Die Tarifkommission der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di hat dem erneuerten Beschäftigungssicherungs-Tarifvertrag für Tageszeitungen zugestimmt. Danach erhalten Redakteurinnen und Redakteure drei zusätzliche freie Tage bis März 2022. Für Freie wurde erneut ein Ausgleichshonorar in Höhe eines durchschnittlichen Monatshonorars aus 2019 vereinbart. Spätestens im November sollen die Tarifverhandlungen über Tariferhöhungen starten.
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Kieler Nachrichten reduzieren Honorare

Die „Kieler Nachrichten“ wollen ein neues Honorarsystem für ihre freien Mitarbeiter*innen einführen. Danach sollen die Freien künftig nach einem „Baukasten-System“ entlohnt werden. Im Vergleich zu bisherigen Regelungen bedeute das für die Freien generell eine Reduzierung ihrer Honorare, schätzen die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di und der DJV Schleswig-Holstein diese kritikwürdigen Pläne ein.
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SZ bezieht Onliner in Tarifbindung ein

Die „Süddeutsche Zeitung“ wird künftig den Flächentarifvertrag im Zuge der Zusammenführung von „SZ Print“ und „SZ Digitale Medien“ (SZDM) auch auf die weit über 100 Beschäftigten der Online-Redaktion ausweiten. ver.di begrüßt die Entscheidung von Geschäftsführung und Aufsichtsrat. Das sei „das richtige Signal der Wertschätzung, wenn künftig auch die Onlinerinnen und Onliner von den tariflichen Standards profitieren sollen“, erklärte das für Medien zuständige ver.di-Bundesvorstandsmitglied Christoph Schmitz.
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Auch intern unbequem

„Panorama“ ist nicht das erste, aber das älteste Politikmagazin im deutschen Fernsehen. Und es hatte eine schwere Geburt. Was da am 4. Juni 1961 auf dem Bildschirm in Schwarz-Weiß Premiere feierte, war ein ziemlich unverdaulicher Kessel Buntes aus aktueller Politik, Auslandsreportage und Unterhaltung. Doch schon bald hatte „Panorama“ seine erste Sternstunde.
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