Für eine schwarze digitale Null

Tarifflucht durch Ausgliederung bei DuMont Schauberg in Köln und Berlin

Der Medienkonzern DuMont Schauberg (MDS) begeht weiter Tarifflucht. Die Online-Redaktionen seiner Zeitungstitel Kölner Stadt-Anzeiger und Express (ebenfalls Köln) sollen in das nicht tarifgebundene Tochterunternehmen DuMont Net ausgelagert werden. Der Berliner Verlag gliedert seine Anzeigenvermarktung in eine nicht tarifgebundene Firma aus.

Projekt „Schwarze Null“ – ein fragwürdiges Geschäftsmodell Foto: dvarg / Fotolia.com
Projekt „Schwarze Null“ –
ein fragwürdiges
Geschäftsmodell
Foto: dvarg / Fotolia.com

Die dju in ver.di Köln verurteilt die Pläne des Kölner Medienkonzerns M. DuMont Schauberg (MDS), die digitalen redaktionellen Inhalte von Kölner Stadt-Anzeiger und Express künftig nicht mehr in der Verantwortung der beiden Zeitungstitel zu produzieren. „Es zeugt von keinerlei sozialer Verantwortung, wenn ein renommierter Verlag wie MDS zum wiederholten Mal Tarifflucht begeht, noch dazu in einer laufenden Tarifrunde, in der die Verleger zuletzt die Bereitschaft gezeigt haben, über die Einbeziehung von Online-Redakteuren in den Tarifvertrag für Tageszeitungsredakteure zu verhandeln. MDS konterkariert hier die Bemühungen des eigenen Arbeitgeberverbandes“, kritisiert Heidrun Abel, Vorsitzende des ver.di Bezirk Köln. „Festangestellte und freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen nun ausbaden, dass es dem Management jahrelang nicht gelungen ist, überzeugende Geschäftsmodelle für das Online-Geschäft zu entwickeln“, so Heidrun Abel weiter in einer Pressemitteilung.
Die betroffenen Journalistinnen und Journalisten sollen sich um die Arbeitsplätze in der „Digital-Redaktion“ von DuMont Net neu bewerben. Hintergrund ist ein Projekt des Konzerns mit dem Arbeitstitel „Schwarze Null“, das dafür sorgen soll, dass das digitale Geschäft der Mediengruppe künftig schwarze Zahlen schreibt.
„Wer mit qualitativ hochwertigen Internet-Angeboten bei den Usern punkten will, der muss für die qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die den dafür erforderlichen Content liefern, auch ein Gehalt nach tariflichen Bestimmungen zahlen“, fordert Stephan Otten, Gewerkschaftssekretär der dju Köln. Das gelte auch für die zahlreichen arbeitnehmerähnlichen Beschäftigten, die so genannten Pauschalistinnen und Pauschalisten, die nicht nur in den Online-Redaktionen des Hauses inzwischen den Großteil der redaktionellen Mitarbeiter ausmachen.
Der Berliner Verlag gliedert seine Anzeigenvermarktung aus. Knapp 60 Mitarbeiter sollen ab dem 1. November organisatorisch in der neuen BVZ BM Vermarktung GmbH tätig sein. Mit dem Umbau sollen „unerschlossene lokale Potenziale“ gehoben werden, heißt es von den Geschäftsführern Stefan Hilscher und Michael Braun laut Meedia. Auch die Online-Vermarktung soll „schlagkräftiger“ werden. Geschäftsführer der neu gegründeten Gesellschaft wird der bisherige Anzeigenleiter Mathias Forkel. Man brauche neue Teams, flexiblere „projektorientierte“ Strukturen, heißt es im Verlag zur Begründung. Der Betriebsrat sieht die Ausgliederung in eine nicht tarifgebundene Firma kritisch. „Mit einem Provisionsmodell will der Verlag die lokalen Verkäufer ködern,“ sagt Betriebsratsvorsitzende Renate Gensch, „aber dort verdienen die Kollegen bei einem Fixum nur noch die Hälfte ihres bisherigen Jahresgehalts und sind dann komplett aus der Tarifbindung raus“. Warum die „Potenziale“ nicht auch ohne Auslagerung gehoben werden können, verstehen weder Beschäftigte noch Betriebsrat. Gensch: „Es geht lediglich darum, die Tarifverträge zu unterlaufen – genauso wie bei den Onlinern. Der Berliner Verlag wird nach und nach filetiert.“

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Was bringt der Pressekodex?

Eine Anwältin wird in einer Boulevardzeitung identifizierend an den Pranger gestellt – obwohl sie nichts Unrechtes getan hat. Die Folge: Bedrohungen, eine rechtsextreme Kundgebung vor ihrer Kanzlei, Polizeischutz. Der Deutsche Presserat spricht Monate später eine Rüge aus. Der Schaden ist aber angerichtet.
mehr »

Erneute ver.di-Streiks in der ARD

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) ruft am heutigen Donnerstag in den ARD-Sendern NDR und WDR zum gemeinsamen Streik auf. Auch im BR wird es Aktionen geben. Hintergrund sind die gekündigten Tarifverträge zu Gehalt und Honoraren zu Ende Januar 2026. Die Verhandlungen dazu blieben bislang ergebnislos. Mit Programmeinschränkungen wird gerechnet.
mehr »

Machen Sie es sich unbequem

Ich bin Rechtshänderin. Neulich habe ich mir morgens die Zähne mit der linken Hand geputzt. Keine gute Idee. Es fühlte sich falsch an. Ungelenk. Irgendwie so, als würde mein Gehirn die ganze Zeit protestieren. Und genau genommen tat es das auch. Unser Gehirn liebt Gewohnheiten. Es baut dafür regelrechte Autobahnen im Kopf. Und alles, was davon abweicht, fühlt sich erst einmal anstrengend an.
mehr »

Haltestelle verpasst

Der digitale Omnibus der EU droht Grundrechte zu verwässern. Er enthalte eine Reihe technischer Änderungen an digitalen Rechtsvorschriften, die ausgewählt worden seien, um „Unternehmen, öffentlichen Verwaltungen und Bürgern gleichermaßen Soforthilfe zu bieten und die Wettbewerbsfähigkeit zu fördern,“ schrieb die EU- Kommission im Dezember vergangenen Jahres.
mehr »