Geld macht doch glücklich

ver.di-Fachtagung zu Selbständigen und Mikrounternehmen in Frankfurt am Main

„Frei zu sein bedarf es wenig?“ fragte eine Fachtagung zur Zukunft der Arbeit, die ver.di und mediafon in Frankfurt am Main mit der Frage „Selbständige und Mikrounternehmen – beispielhaft für die Zukunft der Arbeit?“ verbanden und von zahlreichen Experten und gewerkschaftlich engagierten frei arbeitenden Kolleginnen und Kollegen beantworten ließen.

Neben Informationen zur quantitativen Entwicklung der Selbständigen auf dem Arbeitsmarkt generell und in der Medienbranche speziell gab es Strittiges zur sozialen Sicherung, in Arbeitsgruppen wurde zu den Arbeitsbedingungen, zum Selbstverständnis der und Marktanforderungen an Freie oder über Einkommensdisparitäten diskutiert. Ein Forschungsergebnis: Freie, die viel verdienen und sehr viel arbeiten, empfinden sich als weniger belastet als der Durchschnitt. Geld macht also doch glücklich.

Sogenannte Mikrounternehmen und Existenzgründungen galten in den letzten Jahren vielfach als Zukunftsmodell auf dem Arbeitsmarkt, insbesondere dem der als besonders flexiblen und „modern“ geltenden Medienbranche, als Ausweg aus der Arbeitslosigkeit, auch als Ausweis des sich auflösenden Normalarbeitsverhältnisses. Statistisch sieht es nun tatsächlich weder in der Branche noch auf dem Arbeitsmarkt so aus, als seien Miniunternehmen der Arbeitsplatz der Zukunft, sie sind und bleiben ein Randphänomen, aber eines, das an sich selber hohe Anforderungen stellt und hohe Anforderungen erfüllen muss.

Weiterbildung unbezahlbar

Beim Institut für Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen hat man sich mit der „Erosion des Normalarbeitsverhältnisses“ beschäftigt, das es im übrigen für die meisten Frauen nie gegeben hat. Abhängige Vollzeitbeschäftigte sind um 11 Prozent in den letzten Jahren zurückgegangen, Selbständige insgesamt um 20 Prozent gestiegen, die „größte Dynamik“ innerhalb des Selbständigensektors gibt es seit Mitte der neunziger Jahre bei Selbständigen ohne Beschäftigte – darunter 53 Prozent Frauen. Achim Vanselow vom IAT wies auf das diffuse Qualifikationsprofil wie „vermarktungsfähige Persönlichkeit“ oder „umfassendes Kompetenzbündel“ hin, Anforderungen, die bislang nicht theoretisch untermauert sind. „Lebenslanges Lernen“ ist so ein Stichwort, das besonders Selbständige betrifft und von dem wenige definieren können, was es eigentlich bedeutet. In Sinne von Weiterbildung bedeutet es für Freie, selber für ihre jeweilige Qualifizierung sorgen und bezahlen zu müssen, weshalb sich die Hälfte nie weiterbildet. Die staatliche Bildungspolitik, so Klaus Luther vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, hat entdeckt, dass auch Selbständige zu ihrer Klientel gehören und will verstärkt etwas tun, um „das Individuum instand zu setzen, seine Eigenverantwortung“ für die Fort- und Weiterbildung wahrnehmen zu können. Sprich: Weiterbildungseinrichtungen passgenauer ausstatten.

Angst vor Krankheit

Frank Rehberg vom IMU-Institut, das die Begleitforschung zum Beratungstelefon mediafon leistet, brachte neue Zahlen für die Medienwirtschaft: 25 Prozent arbeiten dort frei, das sind 180.000 Menschen, ein Drittel davon Frauen. Medienschaffende verdienen außerordentlich unterschiedlich mit ihrer Arbeit, 1997 gab es durchschnittlich ein monatliches Nettoeinkommen von 2 700 DM, 30 bis 40 Prozent haben weniger, fünf bis 10 Prozent erheblich mehr. 10,2 Prozent der Männer verdienen über 6 000 DM, das schaffen nur 3,7 Prozent der Frauen, 26 Prozent der Frauen verdienen unter 1000 DM – was die Teilnehmer zu der Frage anregte, ob nicht auch die Gewerkschaft eine Verantwortung dafür habe, zu sagen, Kollegin, du hast den falschen Beruf. Als belastend empfindet die Mehrheit das Akquirieren von Aufträgen und die diskontinuierliche Auslastung, positiv wird die souveräne Zeiteinteilung bewertet, und vor allem sehr gut ausgebildete Frauen finden sich in der Selbständigkeit adäquater beschäftigt. Zwei Drittel der Freien haben Sorgen, dass ihre Leistungsfähigkeit zurückgeht und Angst vor langen Krankheiten – was nicht dazu führt, dass sie sich um gesundheitliche Vorbeugung bemühen. 80 Prozent wollen frei bleiben, wachsender Konkurrenz und niedriger Honorare zum Trotz.

Weg vom Kästchendenken

Die soziale Schutzbedürftigkeit von Freien bleibt lückenhaft: Nur 100.000 der 180000 sind in der KSK, unklar bleibt, ob das an mangelhafter Beratung oder mangelnder Information liegt. Armin Knospe vom Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung wies auf die Probleme hin, die ein Selbständiger hat, wenn er in Kur muss und sich den Verzicht auf Aufträge nicht leisten kann, auf die Bewertung von Ausfallzeiten, Kindererziehungszeiten, die Behandlung von Erwerbsminderung. Knospe: „Die Sozialversicherung hat immer noch Akzeptanzprobleme bei Selbständigen.“ Ulli Schauen, Vorsitzender der Bundeskommission Freie in ver.di, mahnte denn auch eine umfassende Weiterentwicklung der Sozialversicherungen an, das „Kästchendenken“ werde den immer weiter verschwimmenden Grenzen zwischen festen, flexiblen und temporären Arbeitsverhältnissen nicht mehr gerecht: „Allein beim WDR gibt es zehn verschiedene Kategorien von Beschäftigungsverhältnissen.“ Gerd Nies, Vizevorsitzender von ver.di, stellte erneut die Forderung nach einem einheitlichen Sozialversicherungssystem für alle Erwerbstätigen auf, das „rumdoktern“ am bestehenden System („wer fällt wo drunter?“) müsse aufhören.

 

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