Honorare heute – und wie es wohl weitergeht

Was soll ich lange erzählen? Die Folge der Ereignisse sagt (fast) alles:

Januar 2000: Ich bin stolz! Endlich wage ich mich aus dem Hörfunk- in den Fernsehbereich. Mein erster 4:30-Minuten-Beitrag wird im SFB-Fernsehen gesendet. Sogar der ORB will mein Machwerk übernehmen!

Februar 2000: Ich warte auf den wohlverdienten Honorar-Segen, für Fernsehbeiträge immerhin etwa fünf Mal soviel wie für Hörfunk-Stücke. Doch die Monatsabrechnung der Honorar- und Lizenzabteilung, kurz HoLi, weist mein Fernsehstück nicht aus. Wohl ein Versehen?!

Ende Februar 2000: Ich bekomme einen dicken Umschlag von der HoLi. Kommen die Honorare jetzt in Scheinen? Nein, aber Ergänzungs-Honorarverträge. Darin steht:

„In Ergänzung der … Honorarbedingungen für freie Mitarbeiter des SFB umfasst die Nutzung zu Rundfunkzwecken auch die Nutzung in Datenbanken (einschl. CDI, CD-ROM), in rundfunkähnlichen Kommunikations- und in Online-Diensten. Die Nutzung zu Rundfunkzwecken umfasst auch multimediale Verwertungsrechte. Der SFB ist danach insbesondere und ausschließlich berechtigt, selbst oder durch Dritte, oder gemeinsam mit ihnen die Leistungen des Vertragspartners im In- und Ausland ganz oder teilweise ohne zeitliche Begrenzung einschließlich des Rechtes der Kabelweitersendung durch Dritte, – Satellitenhörfunk und Satellitenfernsehen, pay-Diensten, wie beispielsweise pay-Radio, pay-TV, einschließlich pay-per-channel- und/oder sonstigen Verbreitungsarten und/oder Medien – der Öffentlichkeit zugänglich zu machen…usw.“. Mir schwindelt. Soll ich das wirklich unterschreiben: „In Ergänzung … der Honorarbedingungen für freie Mitarbeiter des SFB sind mit der vereinbarten Vergütung die multimedialen Verwertungsrechte abgegolten.“

Das ist doch die reinste Dick-und-Doof-Klausel, einfach alle Rechte für immer abgeben! Es regt sich meine Gewerkschaftsehre – Ich unterschreibe nicht!!!

Anfang März 2000: MeinAnruf bei der HoLi: „Das unterschreibe ich nicht!“ – HoLi:“Dann kriegen Sie Ihr Honorar nicht.“ – Ich: „Das ist Nötigung, Erpressung, sittenwidrig!“ – HoLi: „Erst Unterschrift, dann Honorar!“

Anfang März 2000 – ein Tag später: Anruf bei der IGMedien in Berlin und Stuttgart: „Hilfe, die erpressen mich“ – Gewerkschaft: „Du hast das Recht auf Deiner Seite, die müssen Dir das Honorar überweisen, aber ob Du danach noch Aufträge bekommst?“ – Ich: „Aber das kann ich mir doch nicht bieten lassen. Wozu bin ich denn in der Gewerkschaft?“ – Gewerkschaft: „Tja, hm, schwierig!“

Mitte März 2000: Mein Sohn braucht Windeln – die Miete muss bezahlt werden – ich unterschreibe – dieses eine Mal – aber dann nie wieder…

später im Jahr 2000: Brief von der HoLi: „Lieber freier Mitarbeiter, aufgrund von Strukturanpassungsmaßnahmen im Sender müssen in nächster Zeit auch von Ihnen Opfer verlangt werden. Ab sofort müssen Sie ihr Material selber schneiden und Ihre Beiträge auch selber sprechen. Die Honorierung dafür ist mit der im Honorarrahmen festgelegten Vergütung pro Sendeminute einmalig abgegolten. Wir bitten um Ihr Verständnis.“

noch später im Jahr 2000: Brief von der HoLi: „Falls es Ihnen Ihre Redaktion noch nicht mitgeteilt hat. Zur Finanzierung unseres eigenen B1-Satelliten können wir Ihnen künftig bei Fernsehaufnahmen den Kamera-Mann und den Kamera-Assistenten nicht mehr stellen. Wir bitten Sie höflichst, diese selber zu organisieren oder deren Funktionen zu übernehmen. Zur Honorierung sichern wir Ihnen das ehrenvolle Gedenken seitens des Intendanten zu. Herzlichen Dank!“

Anfang 2001: Brief von der HoLi: „Liebe Freie, die Medienwelt ist hart. Wir müssen leider Redakteurs-Stellen einsparen. Die redaktionelle Verantwortung liegt zukünftig bei den Autoren. Eine zusätzliche Vergütung wird wie immer grundsätzlich ein Stück weit angedacht.“

1. April 2001: Brief von der HoLi: „Hurra, unser Sputnik fliegt, ist aber noch nicht voll abbezahlt, so dass weitere Maßnahmen ergriffen werden müssen. Nach der neuen Studie von ,Spar-Mobbing-Broadcasting-DüsseldorfÕ ergeben sich folgende Wertschöpfungspotenziale des öffentlich-rechtlichen Humankapitals. Ab kommenden Monat werden alle Freien zu je zwei Stunden wöchentlich für folgende Arbeiten eingeteilt: Putzen der Redaktion, Botengänge, Außenwerbung, Pförtnerdienste, Bedienungen aller Art (Cafeteria bis Rundfunkratssitzungen), Fuhrparkreinigung, Toilettendienst. Die handwerklich vorgebildeten Freien melden sich umgehend beim Hausmeister. Wir erwarten ein stets gepflegtes und freundliches Äußeres.“

und wieder später in naher Zukunft: Anruf bei ver.di: „Ist das noch o.k.?“ – ver.di: „Nö, aber, tja, hm, schwierig!“

 

 

 

nach oben

weiterlesen

Der KiKa müsste neue Formate entwickeln

Am 7. März wird die „Sendung mit der Maus“ fünfzig Jahre alt. Armin Maiwald ist einer der „Väter“ des Klassikers im Kinderfernsehen, der Kindern mit Lach- und Sachgeschichten seit 1971 im „Ersten“ die Welt erklärt. Der Maus-Miterfinder ist für die Sachgeschichten zuständig. Sie werden, wie er zum Jubiläum eröffnete, vor der Ausstrahlung keinem einzigen Kind gezeigt. Doch will Maiwald mehr Aufmerksamkeit für ein Fernsehen, das sich wirklich um die Bedürfnisse der Kinder kümmert.
mehr »

Beschwerde-Rekord beim Deutschen Presserat

Der Deutsche Presserat hatte im vergangenen Jahr ordentlich zu tun: 2020 sind so viele Beschwerden eingegangen wie noch nie. Das lag nicht zuletzt an Massenbeschwerden zu einzelnen Artikeln, die in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wurden. Auch die Zahl der Rügen ist deutlich gestiegen. Insgesamt 53 Mal verhängte die Freiwillige Selbstkontrolle der Presse ihre schärfste Sanktion.
mehr »

Gibbet Fisch, oder gibbet kein Fisch?

Der Spruch stammt von meinem Musiker-Kollegen, mit dem ich als Autor in den 90iger Jahren, also in den guten analogen Zeiten, auf Lesereise war. Ein paar Bier, ein Abendessen und das Eintrittsgeld waren immer drin, und selbst wenn am Ende der Lesung der Hut rumging, kam ein nettes Sümmchen zusammen. Zeiten, von denen man heute nur noch träumen kann.
mehr »

Hanau: Betroffenen mehr Raum geben

Zum Jahrestag des rassisch motivierten Anschlags in Hanau hatten Interkultureller Mediendialog und dju in ver.di Hessen eingeladen, über Diskursverschiebungen in der Berichterstattung zu diskutieren. Es gebe zwar mehr Sensibilität, aber „in bestimmten Redaktionen ist der Groschen noch nicht gefallen, weil es sie nicht betrifft“, konstatierte Hadija Haruna-Oelker vom Hessischen Rundfunk.  Veränderungen habe es vor allem durch den Druck von Angehörigeninitiativen der neun Opfer gegeben, so Gregor Haschnik von der „Frankfurter Rundschau“.
mehr »