Nichts wie weg

Resturlaub, Überstunden, Ausgleich für Sonntagsdienste – aber wie, aber wann?

Neulich in der Kantine: Kollege M. strahlt mich braungebrannt aus blauen Augen an. „Na, und wann machst du mal Ferien?“ – „Gut, daß du mich erinnerst: Ich muß mir meinen Resturlaub vom letzten Jahr stunden lassen, sonst lassen sie ihn glatt verfallen. War’s denn schön?“ – „Super, zwei Wochen Karibik, jetzt hab ich endlich den Urlaub 97 abgebaut.“ Schluck, ich gehöre also gar nicht zu den Arbeitsamsten hier!

Gehen wir doch trotzdem gleich mal ins Personalbüro: 21 Tage Resturlaub aus 98, dazu 32 freie Tage für Sonntagsdienste. Bitte stunden! „Sie wissen doch, daß wir das nicht mehr dürfen“, Frau S. mustert mich mit strengem Blick durch ihre Hornbrille. „Ja, aber, wenn es doch nicht geht, eine Kollegin krank, da kann beim besten Willen niemand mehr weg, wir sind sowieso immer zuwenig …“ Achselzucken. Ich drehe ab, zur Chefredaktion. Ein kurzes, wie immer verständnisvolles Gespräch: „Schreiben Sie mir Ihre alten Urlaubsansprüche auf, am besten auch die Ihrer Kollegen, und ich kläre das mit dem Personalbüro. Warum gehen Sie denn nicht in Urlaub?“

Nur noch sozial verarmte Singles?

Auf dem Weg zurück in die Redaktion begegnet mir Kollegin P. von der Wissenschaft. „Na, wie läuft’s?“ – „Ich wollte eigentlich zum Astrophysik-Kongreß nach Köln. Wäre spannend gewesen, mußte ich aber absagen, den Aufmacher schreibt jetzt ein Freier.“ – „Warum das denn?“ – „Weil Kollege K. für die nächsten Wochen ausfällt, Bandscheibe. Da kannst du dir ja vorstellen, daß wir nicht mehr vom Schreibtisch wegkommen und wieder mal Nachtschichten einlegen.“ – „Kriegt ihr keinen Ersatz?“ – „Unser Ressortleiter hat es versucht. Aber sie sagen: der Honoraretat ist überschritten, keine Chance.“

Vorbei an der Sportredaktion. Die Kollegen dort arbeiten sowieso jedes Wochenende. Ihre freien Tage zählen sie schon gar nicht mehr, sagte mir neulich der nette L. Haben wir eigentlich nur noch sozial verarmte Singles in der Redaktion?

Wann habe ich den letzten Aufmacher selbst geschrieben?

Ich schleiche mißmutig in mein Büro, verkrieche mich hinter meinem Bildschirm. Wann habe ich den letzten Aufmacher geschrieben? Das Planen, Redigieren und Layouten läßt dem Durchschnittsredakteur selbst bei einem Zehn-Stunden-Tag keine Zeit mehr für solchen Luxus. Da kommt mein Ressortleiter zur Tür herein. Der hat mir gerade noch gefehlt, dann setzen wir doch gleich noch eins drauf: „Sag mal“, ich versuche, so süß wie möglich zu lächeln, denn wir sind ein unheimlich hierarchiefreies Team, „hast du eigentlich mit der Chefredaktion mal über unsere Überstunden gesprochen?“ – Diese Frage habe ich ihm vor einem halben Jahr zuletzt gestellt, ist also bestimmt keine Zudringlichkeit. – „Ach, ähm, nein, bin ich noch nicht dazugekommen. Du weißt ja, ich hab immer soviel um die Ohren. Jetzt haben sie mir auch noch die Verantwortung für die Sonderseiten aufs Auge gedrückt.“ – „Und warum läßt du das mit dir machen, wo du doch eh schon jeden Sonntag arbeitest?“ – „Na, einer muß es ja machen. Und uninteressant ist es ja nicht.“

Immerhin heuchelt er Interesse am Thema: „Wieviele Überstunden waren es bei dir noch mal?“ – „Das kann ich dir sagen: 280 im letzten Jahr, macht sieben Wochen.“ – „Schreib mir das doch noch mal auf. Aber, mal ehrlich: Wir machen ja alle so viele Sonntagsdienste, wann sollen wir denn auch noch die Überstunden ausgleichen?“ Ein schlagendes Argument. Ich kenne ihn, ich gebe auf.

Hat mich jetzt eine Stunde gekostet, dieses Gequatsche. Schluß mit Diskussionen. Jetzt wird fertigredigiert und dann geht’s an den Urlaubsplan. Was wollte ich schon immer einmal tun? Sprachkurs in Barcelona, auf dem Kamel durch die Wüste, Meditieren in Burma, und all die Geschichten schreiben, zu denen ich während der Arbeitszeit nie komme? Her mit dem Rotstift …

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