Reset bei Computer-Bild

Springer-Redakteure erzwangen mit Warnstreiks einen Sozialplan

Das hat es in der Verlagsgeschichte von Springer so noch nicht gegeben. Redakteure und Redakteurinnen streiken gegen ihre Geschäftsleitung. Die knapp 90 Beschäftigten der Computer-Bild-Gruppe kämpfen für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze, wehren sich dagegen, dass ihre tarifgebundenen Arbeitsplätze in eine tariflose Tochtergesellschaft übergehen sollen. Und sie erreichen einen respektablen Kompromiss: eine Betriebsvereinbarung, die sich als solidarischer Erfolg verbuchen lässt.

Streik der Beschääftigten bei Computer-Bild Foto: Agnes Schreieder
Streik der Beschäftigten bei Computer-Bild
Foto: Agnes Schreieder

Gegründet wurde Deutschlands immer noch führende Computerzeitschrift Computer-Bild 1996. Um die Jahrtausendwende lag die Auflage knapp über einer Million (1.056.567 Exemplare im IV. Quartal 2000). Zwar verringerte sich die verkaufte Auflage von Computer-Bild in den letzten elf Jahren um etwa die Hälfte (506.420 in IV/2011), der Marktführer schreibt aber trotz Zeitschriften-Konkurrenz und Internet immer noch schwarze Zahlen.
Zur Computer-Bild-Gruppe bei Springer zählen noch Computer Bild Spiele und Audio Video Foto Bild. Bisher waren die Redaktionen der Print-Ausgaben der Gruppe direkt bei der Axel-Springer AG angesiedelt. Die Online-Redaktionen aber arbeiten in der nicht tarifgebundenen Tochtergesellschaft Computer-Bild-Digital GmbH, hausintern kurz „DiGi“ genannt. Schon in der Vergangenheit sorgte diese redaktionelle Zwei-Klassengesellschaft für Unmut im Hause. Bei der „DiGi“, so Springer-Mitarbeiter, „gärt es schon lange.“ Von „unzumutbaren Arbeitsbedingungen“ und „unwürdiger Bezahlung“ ist die Rede.
Zur Erinnerung: Auf der jüngsten Hauptversammlung des Springer-Konzerns verkündete Vorstandschef Mathias Döpfner den Aktionären Rekordzahlen. Der Umsatz legte im Jahresvergleich um zehn Prozent auf knapp 3,2 Milliarden Euro zu, der operative Gewinn kletterte um 16 Prozent auf 593 Millionen Euro, der Reingewinn liegt mit 289,4 Millionen Euro knapp sechs Prozent höher als 2010. Doch statt die DiGi-Mitarbeiter in das umsatzstarke und tarifgebundene Mutterhaus zurückzuholen, sah Döpfner die Gunst der Stunde gekommen, „rechtzeitig die Weichen für die Zukunft“ zu stellen. Denn auch die immer noch profitable Computer-Bild-Gruppe leide „seit vielen Jahren unter einem stark rückläufigen Vertriebs- und Anzeigenmarkt“. Seine logische Konsequenz: Tarifflucht als Geburtstagsgeschenk an die Mitarbeiter im Springer-Jubel- und Jubiläumsjahr. Die Kolleginnen und Kollegen der Computer-Bild sollen in die Digital GmbH übernommen werden.
Womit das Springer-Management nicht gerechnet hatte, war die Reaktion in den Redaktionen. Getreu der Döpfner-Devise, man müsse „sich als Verlag entscheiden, ob man gute oder gehorsame Journalisten will“, entschied sich die Computer-Belegschaft für das Gute, für mehrtägige Warnstreiks. Ein neues „Wir-sind-sauer-auf-Springer“-Gefühl trieb sie zur Überraschung der Geschäftsleitung geschlossen vor die Tore des Hamburger Verlagshauses. Sie folgten einem Aufruf der Gewerkschaften und forderten, wenn die Rücknahme der beabsichtigten Maßnahmen nicht erfolgt, zumindest eine bessere Betriebsvereinbarung über einen Sozialplan. ver.di-Fachbereichsleiter Martin Dieckmann am ersten Streiktag: „Gegen jede pragmatische Einigung zieht der Vorstand hier einen Grundsatzkonflikt auf. Der Vorstand muss aufhören, sich den berechtigten Forderungen der Beschäftigten zu verweigern.“
Schon am ersten Streiktag zeigten sich Redakteure vom konkurrierenden Heise Zeitschriften Verlag mit den Hamburger Kollegen solidarisch, sprachen von „Missmanagement“ und schrieben in einem offenen Brief: „Journalistische Qualität ist nicht zu Dumpinglöhnen zu haben und auch die Computerpresse kann ihre wichtige Funktion zur Aufklärung der Verbraucher über neue, sich rasant entwickelnde Produkte nicht erfüllen, wenn sie unter prekären Verhältnissen und mit personell zu dünn besetzten Redaktionen arbeiten soll.“ Die Heise-Mitarbeiter wissen durchaus, wovon sie sprechen, denn in ihrem Haus arbeiten Print- und Online-Redakteure seit eh und je zu gleichen Konditionen und zu Tariflöhnen.
Der Protest der Branche, der Gewerkschaften und vor allem der Streik der Betroffenen zeigte Wirkung, stärkte Gewerkschaften und Betriebsrat bei den Verhandlungen den Rücken. Zwar wurde der Plan der Springer AG nicht zurückgenommen, aber am 11. Mai konnte eine Betriebsvereinbarung unterzeichnet werden. Vereinbart wurde für die Mitarbeiter, die nicht zur Tochtergesellschaft Computer-Bild-Digital GmbH wechseln, zusätzlich zu den Leistungen aus dem Rationalisierungsschutz eine Sonderzahlung von vier Monatsgehältern und ein verlängerter Kündigungsschutz von drei Monaten. Und für die alten und neuen Mitarbeiter der DiGi wurde der Ausschluss von betriebsbedingten Kündigungen bis zum 31.3.2013 vereinbart. Obendrein gibt es einen unbefristeten Dienstleistungsvertrag zwischen DiGi und Springer AG, in dem die redaktionelle Erstellung der drei bisherigen Titel sowie entsprechender, gleichwertiger Print- und Online-Objekte vereinbart ist. Erstmals mögliche Kündigung: der 31. Dezember 2015. Im Klartext bedeutet dies eine Arbeitsplatzsicherung, die nicht durch Gründung anderer Objekte unterlaufen werden kann.

 

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