Sekt und Selters

Peter Bruker, Redakteur beim "Schwarzwälder Boten"Foto: Thomas Fritsch
Peter Bruker, Redakteur beim „Schwarzwälder Boten“
Foto: Thomas Fritsch

Am Abend des 29. Juni dürften in den Chefetagen der Zeitungsverlage die Sektkorken geknallt haben. Der Abschluss der Gehaltstarifrunde 2016 ist für die Verleger ja auch ein Grund zum Feiern. Und das in gleich mehrfacher Hinsicht. Zum einen ist es ihnen gelungen, einen Abschluss durchzuverhandeln, bei dem unter dem Strich eine dicke Null vor dem Komma steht. Zum anderen haben sie es geschafft, die Kampfbereitschaft bei den Redakteur_innen auf Dauer zu schwächen, wenn nicht gar zu marginalisieren.

Denn Hand aufs Herz: Wer ist künftig noch bereit, für derart lausige Tarifabschlüsse auf die Straße zu gehen? Man kann es den Kolleg_innen nicht mal verdenken, wenn sie sich jetzt von ihren Gewerkschaftsfunktionär_innen verraten fühlen und bei künftigen Arbeitskämpfen an ihren Schreibtischen sitzen bleiben, statt mit rauszugehen.
Und wie haben diese Funktionär_innen von dju und DJV noch am Tag zuvor bei der Kundgebung in Ulm großspurig getönt. Kajo Döhring (DJV) und Ulrich Janßen (dju) gaben sich kämpferisch, sprachen davon, dass 4,5 Prozent beziehungsweise 5 Prozent ein Muss seien und forderten die Basis auf, alles für dieses Ziel zu geben. Die Basis gab alles, und zumindest im Süden war die Streikbereitschaft groß.

Doch dann tags darauf dieser miserable Abschluss, der nun auch noch als „akzeptabel“ schöngeredet wird. Gar nichts ist hier akzeptabel. Das Streikvolk wurde von Gewerkschaftsfunktionär_innen, die als Tiger sprangen und als Bettvorleger landeten, hinters Licht geführt. Der hier angerichtete Schaden ist immens. Es müssen dringend Veränderungen her, wenn wir in Zukunft zumindest noch den Hauch einer Chance haben wollen, einen Arbeitskampf erfolgreich zu Ende zu führen.

Als erstes braucht es von Anfang an erreichbare Ziele auf der Grundlage einer gründlichen Streikplanung. Phantasiezahlen nützen niemandem und sorgen am Ende nur für Enttäuschungen. Und dazu zählt auch, dass Hauptamtliche verstärkt vor Ort in den Betrieben präsent sein müssen, beispielsweise bei Betriebsversammlungen.
Zum zweiten ist eine bessere Kommunikation zwischen Streikvolk und Verhandlungsführung von Nöten. Wir Streikende sind schließlich keine Statisten, sondern Partner im Streik.
Was zudem dringend nötig ist, ist die Bereitschaft zur Konfrontation mit den Arbeitgebern. Warum wurde jetzt so mutlos agiert? In vielen Gesprächen während des Streiks haben mir Kolleg_innen versichert, dass sie dies von den Funktionär_innen erwarten und sich dafür auch selbst einbringen würden. Von einem Bröckeln der Streikfront habe ich bei allen Streikversammlungen in dieser Tarifrunde nichts gespürt. Im Gegenteil. Ich hatte den Eindruck, dass wir uns jetzt gerade erst so richtig warmlaufen.

Und es muss jetzt eine offene und ehrliche Diskussion geführt werden. Alles, was bei diesem Tarifkonflikt schiefgelaufen ist, muss angesprochen werden. Reden wir ohne Maulkorb. Diskutieren und streiten wir darüber, wie wir uns künftig erfolgreicher aufstellen können. Und reden wir beispielsweise auch mal darüber, ob man den Flächentarifvertrag auf Dauer als heilige Kuh ansieht, oder ob man nicht im Süden versucht, einen Pilotabschluss zu erzielen. Vielleicht schaffen wir es ja so, endlich mal nach Jahrzehnten des Reallohnverlustes wieder einen Tarifabschluss hinzukriegen, der den Namen „akzeptabel“ wirklich verdient. Und dass wir uns nicht wieder wie jetzt nur mit Selters zufrieden geben müssen, während bei den Verlegern die Sektkorken knallen.


Peter Bruker (58) ist Redakteur beim „Schwarzwälder Boten“, Oberndorf, und für das Ressort Kultur verantwortlich. Er ist seit Oktober 1981 Mitglied der Gewerkschaft.

 

M Online lädt zur Diskussion über das Tarifergebnis für Redakteur_innen an Tageszeitungen ein:

Diskussionsforum zum Tarifabschluss

 

nach oben

weiterlesen

Teil des Welt-Bilds – kein Ausrutscher

Nachdem der Pulverdampf um den gefeuerten ehemaligen „Bild“-Chef Julian Reichelt sich langsam verzieht, gerät zunehmend Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner ins Visier der Medienkritik. Denn Döpfner ist nicht nur Boss des zweitgrößten Medienkonzerns Deutschlands, sondern auch Präsident des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger BDZV.
mehr »

Tarifrunde bei den Privatradios gestartet

Für die rund 1.000 Beschäftigten in Privatradios, die im Tarifverband Privater Rundfunk (TPR) zusammengeschlossen sind, haben die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) und der Deutsche Journalistenverband (DJV) am 12. Oktober 2021 Tarifverhandlungen gestartet. ver.di fordert für die redaktionellen, technischen und kaufmännischen Beschäftigten einen Festbetrag in Höhe von 175 Euro, für Volontär*innen von 100 Euro und für Auszubildende von 50 Euro für eine Laufzeit über die kommenden zwölf Monate. Die Arbeitgebervertreter haben ihrerseits kein konkretes Angebot gemacht.
mehr »

RBB-Freie in Aktion: „Bloß nicht geizen“

„#Wirsindnichtda“ heißt die Aktion der RBB-Freien in der Woche vor der Bundestagswahl, zu der sich bereits über 360 Kolleg*innen eingetragen haben. Zum Auftakt gab es eine Demonstration vor dem RBB-Fernsehzentrum in der Masurenallee wie schon am 1. Mai zur Aktion „#FreiimMai“. Nach wie vor geht es vor allem um Beschäftigungs- und Honorarsicherung für die vielen freien Mitarbeiter*innen, ohne die ein gutes Programm beim RBB nicht möglich ist.
mehr »

Medienpolitik quo vadis?

Wer trägt die Verantwortung dafür, dass in Deutschland jedes Jahr „rund 100.000 ungeborene Kinder getötet“ werden? Geht es nach dem kruden Weltbild der AfD, so finden sich die Killer indirekt unter anderem in den Medien, die es versäumen, ausreichenden „Respekt vor dem Leben und ein positives Bild von Ehe und Elternschaft“ zu vermitteln. „Freier Funk für freie Bürger“ bedeutet nach dieser Logik: Kahlschlag beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk hin zu einem „schlanken Heimatfunk“ mit „ca. einem Zehntel des bisherigen Umfangs“, etwa durch Abschaffung von „Zwangsbeiträgen“ und Werbung. Am nächsten kommt dieser Position noch die FDP, die den Rundfunkbeitrag…
mehr »