Berlinale Tipp: Die Kunst der Filmkritik

Pauline Kael Bild: 29Pictures

Im Panorama der Berlinale 2019 präsentiert Rob Garvers seinen ersten Dokumentarfilm „What she said: The Art of Pauline Kael“. Er erzählt von einer der einflussreichsten Filmkritiker*innen des 20. Jahrhunderts: Pauline Kael (1919 – 2001). Mit ihren Rezensionen erneuerte sie den Blick auf die Filmkunst. Und sie trug mit ihren Kritiken ab Mitte der 1960er Jahre entscheidend zum Erfolg der Filme aus der „New Hollywood“-Ära bei.

Kael schrieb mit witziger, mitunter bissiger Zunge. Damit verließ sie den Pfad der bis dahin gängigen Praxis in der Filmrezeption, der „objektiven“ Annäherung an den Film. Für sie war entscheidend, was der Film bei ihr emotional auslöste. Sie dachte dabei immer an die Zuschauer im Kinosaal. Funktionierte ein Film nicht, gleich ob Autoren- oder Genrefilm, schrieb sie ihn in Grund und Boden. Ihre Verrisse trafen Größen wie Robert Wise, Regisseur des Musicals „The Sound of Music“ und Claude Lanzmann, Autor des neunstündigen Dokumentarfilms  „Shoa“. Die beiden  gehörten zu den vielen Filmemachern, die Kael regelrecht hassten. Jerry Lewis brachte sein Unbehagen und doch Respekt gegenüber Kael in einer Talk-Show auf den Punkt: „Sie hat noch nie etwas Gutes über mich gesagt, aber sie ist wahrscheinlich die qualifizierteste Kritikerin der Welt.“

Mochte Kael dagegen einen Film, schrieb sie ihn geradezu in den Himmel. Kritiken im „New Yorker“ trugen entscheidend zum Erfolg der Filme aus der Ära „New Hollywood“ bei, Auslöser war ihre Besprechung von Arthur Penns „Bonny und Clyde“. Sie feierte das Autoren-Kino von Martin Scorsese und Brian De Palma und umarmte regelrecht „Der letzte Tango in Paris“ von Bernardo Bertolucci. Vermutlich wäre ihr Lob anders ausgefallen, hätte sie gewusst, dass Bertolucci und Marlon Brando die Hauptdarstellerin Maria Schneider bewusst über die anale Vergewaltigungsszene in Unwissenheit ließen. Denn Kael wusste um die schwierigen Bedingungen für Frauen in der Filmbranche sowie im Journalismus und sprach sich öffentlich schon früh dagegen aus.

„What she said“ widmet sich Kaels Leben von der Kindheit bis zur Erkrankung an Parkinson und folgendem Tod. Der Dokumentarfilm ist allerdings nicht nur das Porträt einer kämpferischen Persönlichkeit, er bietet außerdem einen tieferen Einblick in die sich wandelnde US-Filmkultur ab Mitte der 1960er Jahre. Rob Garver arbeitet mit Kaels Home-Movie Material aus den 1950ern, TV-Interviews mit der Kritikerin und Kommentaren ihrer Tochter Gina James. Szenen aus den von Kael besprochenen Filmen korrespondieren mit dem Wortlaut ihrer Kritiken. Und nicht zu vergessen sind die zahlreichen Zeitzeugen, die Kaels Persönlichkeit und ihr Wirken schildern. Dazu gehören Quentin Tarantino, David O. Russell, Camille Paglia, Paul Schrader und viele Andere.

Nach der Vorstellung im Kinosaal kann man natürlich darüber debattieren, ob die Kritik – folgt man dem Filmtitel – eine Kunst oder ein Handwerk ist. Wie auch immer, Rob Garver schafft es, von den Höhen und Tiefen in Pauline Kaels Karriere fesselnd zu erzählen.

What she said: The Art of Pauline Kael” von Rob Garver, USA 2018

Filmvorstellungen:
Mi 13.02. 20:00, CineStar 7
Do 14.02. 14:30, CineStar 7
Fr 15.02. 17:00, CineStar 7
So 17.02. 10:00, Zoo Palast 2

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Gehaltserhöhung bei dpa gefordert

Für die Nachrichtenagentur dpa, ihre Landesbüros und die dpa-Tochterunternehmen im zentralen Newsroom in Berlin haben die Tarifverhandlungen am 15. Januar begonnen. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di fordert in den zusammen mit dem DJV aufgenommen Verhandlungen eine einheitliche Erhöhung aller Gehälter um einen Festbetrag von 350 Euro im Monat.
mehr »

Indymedia-Ermittlungen komplett rechtswidrig

Das Landgericht Karlsruhe hat die Hausdurchsuchungen gegen die „Freiburger Fünf“ abermals für rechtswidrig befunden. Es habe keinen „hinreichenden Verdacht“ für die Vorwürfe gegeben. Die eingeleiteten Maßnahmen der Karlsruher Staatsanwaltschaft gegen fünf Personen zum Komplex »Indymedia linksunten« aus Freiburg seien die  »nicht verhältnismäßig« gewesen.
mehr »

Misstrauen abbauen und selbst machen

Seit November vergangenen Jahres läuft ein neuer Journalismus-Pilot in Zwenkau bei Leipzig. In zehn weiteren sächsischen Landkreisen will das Projekt „Bürger machen Journalismus“ Menschen aus ländlichen Regionen dafür gewinnen, sich journalistisch mit Themen aus ihrem Umfeld zu beschäftigen. Das Projekt der Universität Leipzig will Medienmisstrauen begegnen, indem es Bürger*innen ermöglicht, selbst in die Rolle eines Journalisten zu schlüpfen.
mehr »

Krawallschleudern in die Schranken weisen 

In der Kontroverse um Äußerungen des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther fordert ver.di, presseethische Standards zu verteidigen und Digitalplattformen in die Medienregulierung einzubeziehen.  
mehr »