Akteur und Beobachter zeigt bewegten Alltag

Szene aus einem von Studenten gegründeten Kinderladen in Kiel 1970.
Foto: Holger Rüdel

„Frauenarbeit“, ein antiautoritärer Kinderladen und die Studentenbewegung: Die Ausstellung „Zeitblende“ mit Bildern des Fotografen Holger Rüdel zeigt den Alltag in der alten Bundesrepublik. Einen Schwerpunkt bilden Lebensstil und Protestaktionen linker Gegenkultur sowie Demonstrationen von Arbeiter*innen in jüngerer Zeit. Die Ausstellung ist noch bis zum 23. Oktober auf der Galerie der ver.di-Bundesverwaltung zu sehen.

Kinder sitzen um einen Tisch, vor ihnen ein Teller mit Essen. Sie halten sich brav an den Händen, vermutlich sprechen sie ein Gebet, sagen einen Reim auf oder ein Gedicht, bevor sie essen dürfen. Im Hintergrund steht eine Frau im weißen Kittel. Die Spielsachen der Kinder liegen ordentlich im Regal. Das Foto zeigt den Alltag in einem evangelischen Kindergarten im Jahr 1970 in Kiel.

Ganz anders sieht es auf den anderen Fotos aus, die zur selben Zeit, ebenfalls in Kiel, in einem antiautoritären Kinderladen entstanden sind: Kinder toben hier nackt über die Gänge, sitzen ohne Kleidung am Tisch, die Wände sind beschmiert, das Spielzeug liegt auf dem Boden verteilt.

Die Fotos entstammen einer Bildserie des Fotografen Holger Rüdel, der hier zwei ganz unterschiedliche Arten der Kindererziehung dokumentiert und einander gegenüberstellt: Ein Blick zurück auf das Leben in der alten Bundesrepublik – und auf eine linke Gegenkultur, die den bestehenden Verhältnissen eigene Lebensentwürfe entgegensetzte.

„Zeitblende“ ist der Titel der Ausstellung, die derzeit auf der Galerie der ver.di-Bundesverwaltung in Berlin zu sehen ist. Der Blick zurück ist hier allgegenwärtig. Die gezeigten Fotografien stammen aus dem Archiv von Holger Rüdel. Der 68-Jährige hat über 30 Jahre lang das Stadtmuseum in Schleswig geleitet, heute ist er als Fotograf und freischaffender Kurator tätig. Viele der in der Ausstellung gezeigten Bilder sind während Rüdels Studienzeit entstanden.

Wie sehr sich das auf den Bildern gezeigte Leben in Westdeutschland von den heutigen Umständen unterscheidet, zeigt allein der Titel einer Bildreportage, für die Holger Rüdel im Jahr 1972 Arbeiterinnen in der Zigarettenfabrik Reemtsma in Hamburg fotografierte: „Frauenarbeit“. Auf seiner Website beschreibt Rüdel seine Eindrücke in der Fabrik: „Was wir als fotografierende Beobachter in den Werkshallen sahen, war eine zweigeteilte Belegschaft: einerseits Arbeiterinnen an den Maschinen, alle uniform in weiße Kittel gekleidet. Andererseits Männer in grauen Kitteln und mit Krawatten, die sich meistens im Hintergrund hielten. (…) Diese Hierarchie zwischen Männern und Frauen, zwischen den Kräften in der Produktion und den Technikern, war unübersehbar.“

In der Ausstellung ebenfalls zu sehen sind Fotos, die Rüdel im Jahr darauf machte: Im Rahmen eines Medienprojekts besuchte er die Brennpunkte des Nordirlandkonflikts. Seine Bilder zeigen die Straßen in Derry/Londonderry mit auf Hauswänden gesprühte Parolen der IRA, einen jungen Mann, der der katholischen Minderheit in Belfast angehört, und Szenen einer Demonstration von Angehörigen der Partei Sinn Féin.

Immer wieder fotografierte Rüdel linken Protest und die linke Gegenkultur, etwa eine Demonstration nach dem Attentat auf Rudi Dutschke im Jahr 1968 in Kiel, Proteste gegen eine Verschärfung des Ausländerrechts im Jahr 1972 in Dortmund und Aktionen und Kundgebungen von linken Schüler*innen- und Student*innen.

Er sei bei den Demonstrationen oft „hin- und hergerissen“ gewesen, sagt Rüdel im Gespräch mit M. „Mal war ich Akteur, mal Beobachter.“ Denn er sympathisierte durchaus mit vielen Ideen der Studentenbewegung, sah sich in seiner Rolle als Fotograf aber immer auch als Beobachter von außen. „Ich habe nichts verherrlicht, und jetzt im Nachhinein erkenne ich auch eine ironische Distanz in meinen Bildern“, so Rüdel.

Sowohl Akteur als auch Beobachter war Rüdel nach eigener Aussage auch bei den Protesten, deren fotografische Dokumentation einen besonderen Platz in der Ausstellung einnimmt: Bei den Demonstrationen für die Beschäftigten der Helios-Kliniken in Schleswig-Holstein im Jahr 2012. Rüdels Fotos zeigen ver.di-Mitglieder bei einer Kundgebung in Schleswig und die Teilnehmer*innen einer ver.di-Solidaritätsdemonstration für die Helios-Beschäftigen in Kiel. Er sei als ver.di-Mitglied dabei gewesen, sagt Rüdel. Doch er habe sich „zwischendurch abgesetzt“, um die Ereignisse mit der Kamera zu dokumentieren. Trotz seiner empfundenen Solidarität habe das mit dem „Blick von außen“ gut funktioniert, findet er.

Die Ausstellung ist Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr zu sehen.

 Zur Website von Holger Rüdel

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