„Arbeit 4.0“ erscheint als Naturgewalt

„Wir sind viele. Wir sind eins.“ So das Maimotto der Gewerkschaften in diesem Jahr. 2015 war es genauso optimistisch: „Die Zukunft der Arbeit gestalten wir!“ Doch im Medien-Mainstream ist davon wenig zu spüren. Digitalisierung und Globalisierung der Arbeitswelt erscheinen als Naturgewalt, der man ausgeliefert ist. Wie dieser Eindruck entsteht, analysiert eine Studie der Otto Brenner Stiftung, die zum „Tag der Arbeit“ vorgelegt wird.

„Die Art und Weise, wie die Zukunft der Arbeit öffentlich beobachtet und beschrieben wird, muss nach unserer Auffassung auch öffentlich problematisiert werden“, umreißt OBS-Geschäftsführer Jupp Legrand die Zielsetzung der Medienstudie, die von einem interdisziplinären Autorenteam erstellt wurde. Kommunikationswissenschaftler Hans-Jürgen Arlt, Journalist Martin Kempe und Sozialwissenschaftler Sven Osterberg analysierten 360 Beiträge aus sieben Tages- und vier Wochenzeitungen, die in den Jahren 2014 und 2015 erschienen. Mittels computergestützter Textanalyse ermittelten sie sechs Diskursfelder, die dann noch einmal auf Narrative, d.h. Erzählmotive und thematische Leerstellen untersucht wurden.

Bereits nach der Identifikation der Diskursfelder wird klar, dass eine Verschmelzung von Technik und ökonomischer Effizienz unhinterfragt vorausgesetzt wird, d.h. die untersuchten Printmedien tendieren dazu, digitale Entwicklung unter dem Primat der Wirtschaftlichkeit zu sehen. Die Politik soll folglich im Interesse der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft die nötigen Rahmenbedingungen für die technische Revolution durch die „Industrie 4.0“ schaffen, etwa durch „Bildung 4.0“. „Gute Arbeit“ in dieser Umbruchphase zu stärken, wird in den journalistischen Beiträgen von der Politik nicht erwartet. Insgesamt verbleibe die Berichterstattung „im Rahmen der fest etablierten Sichtweisen“. Sie wiederhole das, “was die anerkannten Akteure in Wirtschaft und Politik sagen.“

Digitale Technik im Dienste der Effizienzsteigerung

Analysiert wird die Berichterstattung zu fünf Diskursen. Im Themenfeld „Mensch und Maschine“ dominiere die Technikfaszination. So schreibt der Spiegel: “Im Jahr 2029 werden Computer alles können, was auch Menschen können – nur besser “ (Spiegel 28.2.2015: 22). Wer die Computerprogramme aus welchem Interesse mache, problematisieren nur wenige wie etwa die tageszeitung: „Der US-amerikanische Rüstungskonzern Lockheed bietet dieselbe KI-Technologie zur Raketenabwehr und zur Diagnose von Blutvergiftung an.“ (taz 18.9.2015: 30). Hier zeigt sich auch die dominierende Metapher, wenn es um die Bedeutung der Digitalisierung geht:„Fluch und Segen“.

Auch „Technik und unternehmerische Arbeitsorganisation“ wird nicht diskursiv thematisiert, sondern es geht einseitig darum, wie industrielle Produktion durch neue Techniken, insbesondere der Datennutzung effizienter wird. Die Arbeit muss dementsprechend organisiert werden: „Es geht darum, mit neuen Methoden, mithilfe von Big Data, alte Ziele zu erreichen: Kosten vermeiden, Erträge maximieren, Ergebnisse optimieren“, so der Spiegel (13.11.2015: 61). Selten wird die Alternative, Technik für die Gestaltung „guter Arbeit“ einzusetzen, thematisiert: „Sie sitze in vier Aufsichtsräten, sagt die Ökonomin Dambisa Moyo, und überall diskutiere man über digitale Technologien nur in dem Zusammenhang, wie man damit die Effizienz steigern könne. Wie sich die Welt damit gestalten ließe, sei praktisch nie Thema“ (SZ 4.12.2015: 12).

Wachsende soziale Kluft: Wenige Gewinner, viele Verlierer

Im Diskursfeld „Mensch und unternehmerische Arbeitsorganisation“ stehen sich zwei Narrative gegenüber: Zum einen geht es um Kontrolle und Druck auf Arbeitnehmende durch Konzerne wie Amazon, die Mitarbeitende z. B. mit GPS-Sendern überwachen. Ausführlich wird über den Arbeitskonflikt mit Ver.di berichtet. Amazon-Chef Jeff Bezos dient als eine Symbolfigur für die dunklen Seiten digitalisierter Arbeit, etwa in der Welt am Sonntag: „Sicher ist, dass Bezos seinem Ruf als Business-Rambo nach wie vor gerecht wird – und zwar mehr denn je.“ (WamS 17.8.2014:27). Neben dem Erzählmotiv der genommenen Freiheit erscheint das der gewonnenen Freiheit: „Für viele ist die digitale Arbeit die ‚neue Freiheit‘. Da gibt es Kreative, die in Berlin-Mitte mit ihrem Milchkaffee über dem (sic!) MacBook gebeugt an Projekten arbeiten.“ (Gastbeitrag Gesche Jobst, HB 18.12.2014:22). Stärker als die Erleichterungen durch die Entgrenzung der Arbeitszeit werden die damit verbundenen Probleme thematisiert, wie die ständige Erreichbarkeit und ihre gesundheitlichen Folgen Depression und Burn-out.

Beim Thema „Technik und Lebensbedingungen“ geht es vor allem um „Arbeit für immer weniger Menschen“. Auf der einen Seite werden Angstszenarien bedient, dass die Hälfte aller Jobs in Deutschland durch den technischen Wandel bedroht ist (Welt vom 26.7.2014:9), auf der anderen Seite heißt es beruhigend: „Trotzdem ist sich die Wirtschaft sicher, dass die Digitalisierung kein Job-Killer ist“ (Welt 4.12.2014: 10) – unter der Voraussetzung, dass Deutschland weltweit an der Spitze der digitalen Entwicklung steht. Das Autorenteam kritisiert diese nationale Perspektive: „Andere Länder kommen fast nur als Konkurrenten ins Blickfeld. …Eine verantwortungsvolle Haltung, die um die Notwendigkeiten von Weltinnenpolitik wissen müsste, spätestens seit so viele Flüchtende sich auf den Weg gemacht haben, sähe anders aus.“

Gewinner und Verlierer der Digitalisierung fokussieren das Diskursfeld „Mensch – Arbeits- und Lebenswelt“ mit der größten Vielfalt an Themen und Positionen. Fast durchgehend wird in der Gesellschaft eine wachsende soziale Spaltung gesehen. So schreibt das Handelsblatt, dass „sich zwischen der globalen Tech-Elite und dem Rest eine immer größere Einkommenskluft auftut“ (HB 18.2.2014: 14) und :„In der neuen digitalen Welt bekommen die Gewinner alles. Sie ist eine Ökonomie der Superstars.“ (Zeit 10.7.2014: 19). Die Proletarisierung der Verlierer wird im Zusammenhang mit der Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses problematisiert: „Wird es in Zukunft zu einer ‚normalen‘ Erwerbsbiografie gehören, wenn wir uns mit einer Vielzahl von selbstständigen Tätigkeiten über Wasser halten – morgens ein Projekt über eine Crowdworking-Plattform, nachmittags eine Fahrdienstschicht für ‚Uber‘ und am Wochenende vermieten wir unsere Wohnung über ‚Airb’n’b‘?“ (Gastbeitrag Gesche Jobst, HB 18.12.2014: 22).

Deutlich formulierte Ziele eher Mangelware

Bei der Thematisierung der Gewerkschaften entdeckt das Autorenteam ein „seit den 1980er Jahren erprobtes Deutungsmuster: das, wogegen Gewerkschaften sind, kann nur Fortschritt sein“ – etwa in einem Beitrag der Süddeutschen: „Wetzel (IG Metall d. Red.) positioniert sich und seine Gewerkschaft auch nicht als Gegner des Fortschritts, wie sie es in den Siebziger- oder Achtzigerjahren getan hat, als es um Rationalisierung und Automatisierung ging. Nein, er ist fest entschlossen, die Entwicklung als Chance zu sehen“ (SZ 23.7.2015: 15). Gewerkschaften hätten wenig Chancen, „es im Lichte der Öffentlichkeit richtig zu machen; sie gelten entweder als zu negativ und aggressiv oder als zu positiv und brav – wenn sie denn erwähnt und gefragt werden.“ Ein Beispiel für letzteres: „Harmonie 4.0. IG Metall und Arbeitgeber schreiten Seit’ an Seit’ in die Zukunft der Industrie “ (FR 23.7.2015: 14).

Als gewerkschaftliche Reaktion auf die Probleme digitalisierter Arbeit präsentieren die Medien vor allem die Internetplattformen für Crowdworker von IG Metall und ver.di. Ein garantiertes Grundeinkommen werde vereinzelt als politische Antwort auf die Folgen der Digitalisierung angeführt. Ansonsten warte die digitale Revolution „noch auf ihre Humanisierung“ (taz 12.4.2014: 11). Das Autorenteam kritisiert, dass heute – anders als in den 1970er Jahren bei der Diskussion um die „Humanisierung der Arbeit“ – „deutlich formulierte, arbeitswissenschaftlich fundierte und auch allgemeinpolitisch vertretene Zielsetzungen für die Gestaltung der Arbeit der Zukunft trotz gewerkschaftlicher Initiativen für gute Arbeit eher Mangelware sind.“

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