Arm trotz Arbeit – Mitreden in der Denkfabrik

DLR Denkfabrik 2022 Fotos und Montage: Deutschlandradio

Warum der an sich „phantastische Beruf“ eines Musikpädagogen ein Imageproblem hat? Weil nicht festangestellte Musikschullehrer*innen im Jahresschnitt von 13.000 Euro leben und Nebenjobs annehmen müssen. Dass ein Arbeitseinkommen die Existenz nicht sichert, betrifft nicht nur Kurierfahrer, Altenpflegerinnen, Erntehelfer oder Putzfrauen. Arm trotz Arbeit – das Deutschlandradio beleuchtet dieses Thema in seiner „Denkfabrik 2022“. Mit steigender Brisanz.

„Wann ist man arm?“ fragt ein „Kakadu“-Podcast auf Deutschlandfunk Kultur. Und eine Kinderstimme erklärt: „Arm sein ist so ein Überbergriff für Leute, die nicht so viel verdienen wie andere.“ Das Thema begegnet den Hörer*innen von Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova seit Monaten auf so gut wie allen Sendeplätzen und bei Social Media. Und die Entscheidung darüber fiel nicht im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg, sondern bereits im Früherbst 2021. Als gerade die neuerliche Corona-Welle losrollte, war kaum im öffentlichen Diskurs, dass etwa zwei Millionen Menschen in der reichen Bundesrepublik auf Lebensmittel von den Tafeln angewiesen sind. Und doch entschieden im September vorigen Jahres etwa 37.000 Hörer*innen von Deutschlandradio unter vier Vorschlägen, womit sich die nächste „Denkfabrik“ des öffentlich-rechtlichen Senders befassen sollte. Die Wahl fiel auf: „Von der Hand in den Mund. Wenn Arbeit kaum zum Leben reicht“. Prekäre Arbeit und Erwerbsarmut, mithin die moderne „Working Class“, rückten somit für ein ganzes Jahr in den thematischen Mittelpunkt kontinuierlicher Rundfunk-Berichterstattung. Und – nicht planbar – eine bisher ungekannte Inflation mit bangen Blicken auf Öl und Gas, Strom- und Supermarktpreise. „Die Denkfabrik will so zur gesellschaftlichen Integration beitragen“, versicherten die Macher*innen zum Start und verwiesen auf diesen expliziten Auftrag im Deutschlandradio-Staatsvertrag.

Fotos und Montage: Deutschlandradio

Zuhören, reden, streiten

Zum Konzept der Denkfabriken gehört, dass ein wichtiges gesellschaftliches Thema in verschiedenen Formaten und Genres – Reportage, Podcast, Interview, Call-In Sendungen oder Miniatur-Hörspielen – und auf unterschiedlichen Programmplätzen, auch unter Einbeziehung von Landeskorrespondent*innen variiert behandelt wird. Das Publikum soll ebenfalls zu Wort kommen: Zuhören, reden, streiten auf Veranstaltungen und in Dialogformaten – so das redaktionelle Versprechen. Es lohnt ein Rückblick auf der Zielgeraden.

Dr. Eva Sabine Kuntz, Leiterin der Hauptabteilung Intendanz bei Deutschlandradio Foto: Deutschlandradio/ Bettina Straub

„Die Denkfabrik zieht sich als Projekt durch das gesamte Deutschlandradio. Alle Abteilungen, Programme und redaktionellen Bereiche denken bei ihren Planungen die Themen der Denkfabrik mit“, erläutert Dr. Eva Sabine Kuntz, Leiterin der Hauptabteilung Intendanz, gegenüber M. Quantitative Vorgaben „kann und soll es dabei nicht geben, grundsätzlich sind unsere Redaktionen frei und unabhängig bei ihrer redaktionellen Planung. Zudem stehen uns für die Denkfabrik keine zusätzlichen Mittel oder Ressourcen zur Verfügung.“ Niemand produziere ausschließlich für die Denkfabrik. Eine gesonderte Statistik werde nicht geführt.

Noch bevor es im Januar richtig losging, hatte Soziologieprofessorin Nicole Mayer-Ahuja Im „Magazin“ des Deutschlandradio den Blick auf drei Phänomene gelenkt. Erstens auf die Verschärfung des Machtgefälles zwischen Kapital und Arbeit „nach jahrzehntelanger gezielter ‚Entsicherung‘ von Arbeit“; zweitens darauf, dass Arbeitsdruck, Prekarisierung und Unterhöhlung professioneller Standards immer mehr Arbeitende erfassen, und drittens, dass gerade Arbeit in besonders prekären Bereichen und Branchen – Pflege, Handel, Erziehung, Nahrungsmittelproduktion – sich als „systemrelevant“ erwiesen habe. Mit ihrer Schlussfolgerung rührte sie an den bundesdeutschen „Fundamentalmythos“ und prognostizierte: „eine demokratische Gesellschaft verträgt dieses Ausmaß von Ungerechtigkeit nicht“.

An der Werkbank

Auf solcherart Analysen, auf die Tatsache, dass rund 20 Prozent der Beschäftigten hierzulande als Geringverdiener gelten müssen, können Radiomacher*innen wohl aufbauen, sie verweisen auf Themenfelder und gesellschaftliche Konflikte. Eva Sabine Kuntz, die die Denkfabrik koordiniert, erläutert: „Sobald das Jahresthema feststeht, beginnt die Planung in den einzelnen Bereichen und Redaktionen: Erste Schwerpunktsendungen für den Start in ein neues Denkfabrik-Jahr werden geplant, Artikel für unser Monatsmagazin vorbereitet, externe Kommunikation abgestimmt, Veranstaltungen geplant, Kooperationspartner gesichtet…“ Die einzelnen Fäden würden „in einer monatlich tagenden Planungssitzung zusammengeführt“, die mit Vertreter*innen aller genannten Bereiche und Programme besetzt ist. „An dieser ‚Denkfabrik-Werkbank‘ stimmen wir uns kontinuierlich ab, diskutieren inhaltliche und organisatorische Fragen, stimmen die externe Kommunikation zu Schwerpunkten und Veranstaltungen oder auch den monatlich verschickten Newsletter ab.“ Man spreche in den Sitzungen „regelmäßig darüber, was gut läuft und wo noch Luft nach oben ist“, berichte auch der Geschäftsleitung und dem Hörfunkrat. Tägliches Programm daraus zu machen, bleibt freilich Aufgabe vieler. Die Suche nach Protagonisten, die mit ihrer (Erwerbs)Biografie dafür stehen, dass trotz Ausbildung und Engagement Arbeitserträge nicht zum Leben reichen, gehörte unbedingt dazu. Und fündig wurde man beileibe nicht nur im absoluten Niedriglohnsektor.

Schmales Budget

„Ich suche sonntags in den Supermarktprospekten und mache dann unseren Speiseplan – nicht danach, was wir gerne essen möchten, sondern danach, was gerade im Angebot ist. Das Budget einzuhalten, ist eigentlich eine 24/7-Beschäftigung.“ Sasa Zatata, Erwerbsminderungsrentnerin und Mutter in „Kurz und Heute“, Deutschlandfunk Nova

Zeigen, was in diesem Land los ist

Redaktionen aller Sender holten auf ihren Fachgebieten Menschen vors Mikrophon, die über ihre persönlichen Erfahrungen berichten. Wie die Berlinerin Halise Olucu-Ekinler, die gemeinsam mit einem Reporter von ihrer Festanstellung im BER-Flughafencafé zum Zweitjob in der Kreuzberger „Kuchenmanufaktur“ hastete. Oder Sven Köhler aus Pößneck, der nach 25 Jahren im Tiefbau „jeden Knochen“ fühlt und nun für Mindestlohn im Supermarkt arbeitet, um alleinerziehend für sich und den noch zu Hause lebenden jüngsten Sohn zu sorgen. „Eigentlich verdient jeder mehr als ich direkt nach der Ausbildung“, so der Regensburger Jungkoch Anton mit Blick auf Schulkameraden und seine 2200 Euro brutto monatlich. Doch bereitet er sich gerade auf die Junioren-Koch-WM vor, berichtet er bei Deutschlandfunk Nova #lovemyjob. Im Sport, wo Athlet*innen um Medaillen und Rekorde ringen, haben viele ihrer Berufstrainer*innen mit niedrigen Gehältern, unbezahlten Überstunden und schlechten Arbeitsbedingungen zu kämpfen, zeigt „Sport am Samstag“ auf Deutschlandfunk.

„You have a new Task” heißt eine Dokumentation, die sich Lieferdiensten und ihren Arbeitsbedingungen zuwendet. Allein mit der App, die sie auf die Straße schickt, sehen sich ihre Aktivisten dennoch als die „neue Arbeiterklasse“, an der ausgetestet werde, wie weit Bedingungen verschlechtert werden könnten. Die Sendung „Feature“ stellt einige von ihnen im Podcastprojekt „Voice Versa“ auf Englisch vor. Auch die Medienbranche wird beleuchtet: Journalismus zwischen Ideal und Selbstausbeutung steht in @mediasres beim Deutschlandfunk auf dem Prüfstand: Der „Traumberuf mit Armutsrisiko“ setze enorm unter Druck, besonders für Freie ohne genug Geld bei wenig Anerkennung. ver.di-Tarifexperte Matthias von Fintel bezeichnet das als „demokratiekritisch“.

Fotos und Montage: Deutschlandradio

Viele tragen zur Diagnose von Defiziten bei – von der Schriftstellerin über die Kita-Leiterin, Polizisten, den Security-Mann bis zur Kunsthochschulabsolventin. Eine Serie „Die neuen Diener“ stellt Selbstausbeutung von Kreativen neben die Situation von Care-Arbeiter*innen oder Zustellenden. Oliver David, der aus armen Verhältnissen kommt, seit der Kindheit „Wutgefühle von Ohnmacht“ durchlebte und später psychisch krank wurde, hat das in seinem Buch „Keine Aufstiegsgeschichte“ verarbeitet, zu dem er im „Studio 9“-Interview befragt wurde.

Soziale Medien im Blick

Ab Mitte April meldeten sich Menschen in Sozialen Medien verstärkt selbst zu Wort. Unter dem Hashtag #IchBinArmutsbetroffen berichten sie aus ihrem Leben und gehen später sogar auf die Straße. Initiatorin Anni W. wird im Rahmen der Sendung „Kompressor“ im Deutschlandfunk Kultur befragt. Die alleinerziehende Mutter reagierte auf „Ratschläge“ von „Focus Online“ und eröffnete mit dem Tweed: „Hi, ich bin Anni, 39, und habe die Schnauze voll! Ich lebe von Hartz IV und es reicht ganz einfach nicht! Nein, ich kann keine weiteren Kosten senken; nein, ich kann nicht auf das ‚spritsparende‘ Auto verzichten, nein, ich gebe kein Geld unnötig aus.“

Alleinerziehend

„Alleinerziehend mit Säugling auf Jobsuche, das ist ein Kraftakt. Vor allem, wenn es kaum Kita-Plätze gibt und wenn Überstunden immer noch gängige Firmenkultur sind. Und wenn dann noch einen Pandemie oberndrauf kommt…“ Sarah Buschmann in „Kommentar“, Deutschlandfunk Kultur

LINKE-Vorsitzende Janine Wissler trug im Juni einige der Hashtag-Schilderungen in einer Aktuellen Stunde im Bundestag vor. Eine Betroffene kritisiert, dass zum Thema Armut noch viel zu oft in Vorurteilen gedacht werde und Menschen, die arm sind, obwohl sie arbeiten, ihre Angehörigen pflegen, schwer krank oder alleinerziehend sind, im gesellschaftlichen Diskurs untergingen: „Ich bin sehr glücklich, dass sich so viele der Diskussion angeschlossen haben, Gesicht zeigen, den Mut aufgebracht, die Scham überwunden haben und endlich zeigen, was in diesem Land los ist.“

Wie man mit neuen Unterstützungssystemen helfen könnte, zeigt u.a. Volkswirt Dieter Dohmen im „Interview“ im Deutschlandfunk. Zudem müsse die Stigmatisierung von Leistungsbeziehenden aufhören. Zu schnell würden Menschen abgestempelt, sie betrieben Missbrauch. Schätzungen zufolge würden etwa aktuell 40 bis 60 Prozent der BAföG-berechtigten Studierenden die Förderung gar nicht beantragen. Ähnlich hoch seien die Zahlen bei der Grundsicherung. Daher sei automatisch fließendes Bürgergeld „keine schlechte Idee“, so der Wissenschaftler.

Alles Tun ist auch Berufung?

Die Denkfabrik widmet sich auch der Frage, welche Rolle Arbeit grundsätzlich im Leben spielt. Zum Sinn und Selbstwert des arbeitenden Menschen äußerte sich in der Deutschlandfunk-Reihe „Kulturfragen“ der Philosophieprofessor Michael Quante, der u.a. eine „Fließbandisierung der sozialen Berufe“ diagnostiziert. Grundsätzliche Fragen von Lebensgestaltung und persönlicher Balance in Zeiten von Leistungsdruck, zwischen Burn-on und Burn-out, stehen in einer Debatte unter Hörerbeteiligung mit der Theologin Margot Käßmann, der Arbeitspsychologin Marieke Born und dem „Lebenskünstler“ Michael Klammt bei Deutschlandfunk „Lebenszeit“. Den Luther-Satz „Alles Tun ist auch Berufung“, weil sich Menschen so in die Gesellschaft einbringen, bekräftigt Käßmann, die sich gleichzeitig freut, seit ihrem vorzeitigen Ausscheiden aus dem Arbeitsleben von „Druck befreit“ zu sein.

Speziell unter jüngeren Menschen erkennt Psychologin Born Wünsche nach weniger Arbeit und mehr Freizeit. Obgleich etwa in der Pflege wegen der angespannten Situation und den Verdienstmöglichkeiten „gar nicht viel Wahlfreiheit“ bestehe, erkennt sie Indizien, dass die „Gesellschaft anfängt umzudenken“. Existenzsicherung vorausgesetzt, sei erlaubt zu fragen: „Kann man nicht auch mit einer 80-Prozent-Stelle Karriere machen?“ Hörer*innen  bemerken, dass es ein „Luxusthema“ sei, über den richtigen Rhythmus zwischen Arbeit und Ruhe zu debattieren, solange die „kleinen Berufe das Land zusammenhalten“; auch einfache oder körperlich schwere Tätigkeiten könnten „durchaus erfüllend sein“. Die Forderung nach „ganz anderen (Arbeitszeit)Modellen, anderen Strukturen“ bleibt für Käßmann zeitgemäß.

Mehr wert

„Wenn jemand eine Ausbildung oder gar einen Meisterbrief hat, dann ist die Person meiner Meinung nach mehr wert als den Mindestlohn.“ Merwan, 29, Friseur in Heidelberg, in #lovemyjob auf Deutschlandfunk Nova

Im „Politischen Feuilleton“ auf Deutschlandfunk Kultur kommt Houssam Hamade bei Überlegungen zur Selbstverwirklichung im Job zu dem Schluss, dass „mangelnde gesellschaftliche Wertschätzung und vor allem fehlende Ressourcen“ für viele Menschen die beruflichen „Träume klein halten“.

Knallharte Gewinnlogik des Marktes

Analysen, was dran ist an der Einkommens- und Gerechtigkeits-Schere, die immer weiter auseinanderklafft, werden vor allem von Wissenschaft und Politik erwartet. Die kaum überwundene Corona-Krise sowie der Krieg in der Ukraine und seine Auswirkungen hätten das „Potenzial, die Situation noch einmal zu verstärken“, diagnostiziert im Juni etwa Sozialwissenschaftler René Böhme von der Uni Bremen. „Wir werden sehr viel mehr Arme bekommen, als wir bisher gedacht haben“, warnt Diakonie-Vorständin Maria Loheide in der gleichen Sendung auf  Deutschlandfunk Kultur. Immer mehr Menschen hätten „keinen Puffer mehr“, seien verzweifelt und wütend. Sie erwarte „nachhaltige“ Entlastungsangebote von der Politik.

„Klassismus“, die Stigmatisierung von Erwerbslosen, Hartz-IV-Empfänger*innen oder Menschen im Niedriglohnbereich wird im „Deep Talk“ auf Deutschlandfunk Nova mit der Sozialwissenschaftlerin Francis Seeck beleuchtet. Diese Diskriminierungsform wirke bisher eher unter dem gesellschaftlichen Radar, sei nicht einmal im Antidiskriminierungsgesetz erfasst. Doch schon Kinder bekämen sie im Bildungsbereich zu spüren.

Sein und Streit

„Die Angehörigen der neuen dienenden Klasse wandern über Ländergrenze hinweg. Sie haben mehrere Jobs in verschiedenen Branchen. Sie verlassen über Monate ihre Familien und heuern dort an, wo sie gebraucht werden – von keinem Patriarchen gezwungen, aber getrieben von der Sorge um die eigene Existenz.“ Christian Schüle, Kulturwissenschaftler in der Philosophiesendung „Sein und Streit“, Deutschlandfunk Kultur

Auch zur Rolle von „Leistungsträgern“, der Erhöhung der Hartz-IV-Sätze, der miserablen Entlohnung von Strafgefangenen oder zu Leiharbeit werden Experten befragt. Bei „Minijobs als Armutsfalle“ kritisiert etwa Tanja Chawla, Hamburger DGB-Chefin, die fehlende Absicherung solcher Beschäftigten, die durch die vorgesehene Aufstockung auf 520 Euro nicht verbessert werde. „Prekär ist Beschäftigung auch, wenn sie subjektiv als unsicher empfunden wird“, erklärt die Dortmunder Soziologieprofessorin Mona Motakef, die sich mit mangelnder Anerkennung, Teilhabe und Zugehörigkeit als Stressfaktoren auseinandersetzt.

Im Interview von „Studio 9“ sieht Arbeitssoziologin Mayer-Ahuja die mit dem Arbeitnehmer-Überlassungsgesetz von 1972 ermöglichte Leiharbeit „hinter den Standards zurück“. Vor 50 Jahren zum Ausgleich kurzfristiger Personalengpässe geschaffen, sei die Erwerbsform immer mehr zu einem Dauerarbeitsverhältnis mutiert, das als Flexibilitätspuffer für Unternehmen wirke, jedoch Arbeitnehmer „immer auf dem Schleudersitz“ belasse und Stammbelegschaften unter Druck setze. Deshalb rufe Leiharbeit zu Recht immer mehr die Gewerkschaften auf den Plan.

Ob eine Hebamme oder ein Kfz-Schlosser mehr leiste, fragt der Wirtschaftsjournalist Stephan Kaufmann in einem Kommentar und kommt zu dem Schluss, dass die heutige „Leistungsgesellschaft“ nicht Leistung huldige, sondern dem wirtschaftlichen Erfolg und knallharter Gewinnlogik. Eine „Leistungsgerechtigkeit des Einkommens“ gebe es gar nicht. Sie sei „ein Konstrukt von Menschen wie Finanzminister Lindner, die Einkommensunterschiede rechtfertigen nach dem Muster: Jemand, der viel verdient, muss produktiver gewesen sein – andernfalls hätte er ja weniger verdient. Auch so kann man sich die Gerechtigkeit des Marktes herbeifantasieren.“

Berufsanfängerin

„Es gibt eine große Grauzone für Berufsanfängerinnen, wo man vielleicht mal Sachkosten, aber keine Gage bekommt, doch eigentlich schon genauso viel leistet, wie erfahrene Sängerinnen.“ Alina Hupperts, Musikhochschul-Absolventin, in „Musikszene“, Deutschlandfunk

Wie sich prekäre Verhältnisse in der aktuellen Kunstproduktion etablieren, untersucht eine fast einstündige Sendung “Neue Musik“ auf  Deutschlandfunk Kultur. „Kulturschaffende müssen zunehmend flexibel mit einer dauerhaft unsicheren Situation umgehen. Permanente Präsenz sowie ökonomischer Erfolg verdrängen ästhetische Kriterien als Gradmesser für künstlerische Relevanz“, so die Quintessenz. Kunst werde immer „zweckdienstlicher“. Für Ausübende hätten „neue ökonomische Modelle“ – etwa Projektanträge – inzwischen mindestens so viel Bedeutung wie die kreative Arbeit selbst.

Geld verdienen, aber nicht mehr genug

Durch den russischen Angriff auf die Ukraine und die wirtschaftlichen Folgen spitzt sich die Situation „Von der Hand in den Mund“ weiter zu. Auch die Macher nehmen das rückblickend so wahr: „Bei unserem aktuellen Thema, aber auch schon im vergangenen Jahr mit ‚Auf der Suche nach dem Wir‘ oder 2021 mit ‚Eine Welt 2.0 – Dekolonisiert Euch!‘ haben wir festgestellt, dass die Themen im Laufe des Jahres durch äußere Umstände eine zusätzliche Relevanz bekommen haben“, so Kuntz. „Unsere internen Abläufe oder Planungen haben wir deshalb aber nicht geändert.“

Zum Leben zu wenig

„Vom Schreiben leben können in Deutschland vielleicht zwei Dutzend Schriftsteller. Ich meine, im engeren literarischen Bereich, nicht Unterhaltungsliteratur oder Krimis.“ Lucy Fricke, Autorin, in „Literatur“, Deutschlandfunk Kultur

Die Energiekrise und die zunehmende Inflation treffen zuerst die Schwächsten in der Gesellschaft, greifen aber weiter um sich. „Entlastung für die Bürger gesucht“ hieß es auf Deutschlandfunk Kultur in einem Streitgespräch mit Experten und Journalistenkolleg*innen im Juni, bei dem auch eine Übergewinnsteuer Thema war. Im zweiten Halbjahr wächst die Zahl von Beiträgen, die sich mit steigenden Preisen, Inflation und Steuern befassen. Akut erkennt etwa Manfred Jabs, Chef der Bremerhavener Tafel, dass mittlerweile nicht mehr nur die ganz Armen zur Lebensmittelausgabe kommen, „sondern auch Leute, die eigentlich in festen Berufen sind, die Geld verdienen, aber nicht mehr genug“.

Wie entsteht Inflation? Warum steigen die Preise? beantwortet ein Erklärstück am 29. September, als die Teuerungsrate bereits zehn Prozent erreicht hat. Um Entlastungspakete der Bundesregierung geht es drei Wochen später: „Nach dem Doppel-Wumms: Diskussion über Details der Strom- und Gaspreisbremse“. Speziell dem Thema Bürgergeld widmet sich ein Gespräch mit der „Zeit“-Redakteurin Anna Mayr („Die Elenden“), die Verbesserungen gegenüber Hartz IV erkennt, jedoch keine ausreichende Hilfe für Langzeitarbeitslose ausmacht, sie „aus dem System zu kriegen“. Service etwa liefert ein Gespräch mit Ines Moers, Geschäftsführerin der Bundes-Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatungen, zur Frage der hohen Energiekosten. Sie macht „deutliche Anspannung“, aber regional auch große Unterschiede aus und rät von Kreditaufnahmen ab. Auf Deutschlandfunk Nova werden Apps besprochen, die beim Einkaufen Geld sparen helfen sollen.

Die ambitionierten Ziele der Bundesbauministerin, mehr bezahlbaren Wohnraum vor allem für Menschen mit wenig Geld zu schaffen, war Thema bei Deutschlandfunk „Der Tag“ am 12. Oktober. Hat die Regierung angesichts der verschärften Situation die richtigen Lösungen? Und: Wie fühlt sich das an, von Armut betroffen zu sein, mitten in der Krisenzeit und vor dem Winter? „Repolitisiert“ sieht sich David Hinder, Callcenter-Agent im Homeoffice, aktiv bei #IchBinArmutsbetroffen.

Work in Progress

Eine „Denkfabrik“ unter den aktuellen Bedingungen kann nichts anderes sein als Work in Progress. Vieles spricht für die Prognose des Soziologieprofessors Böhme auf Deutschlandfunk Kultur, dass sich Armut in Deutschland absehbar nicht verringert, sondern weiter verfestigt: „Und es wird die Aufgabe sein, dass die Spaltung der Gesellschaft verhindert wird, dass die Zahl der Menschen nicht weiterwächst, die nicht mehr allein herauskommen.“

Den Finger auf die Wunde zu legen, dazu hat Deutschlandradio mit seiner Denkfabrik zweifellos beigetragen, auch wenn Koordinatorin Eva Sabine Kuntz es zwei Monate vor Jahresende für ein Resümee „noch zu früh“ hält. Doch sei das Thema aus sehr unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet worden. „Im Mittelpunkt stand das Reden mit Betroffenen, nicht das Reden über sie, es sind viele sehr persönliche Portraits und Interviews mit ganz unterschiedlichen Menschen, entstanden“. Selbstkritisch merkt sie an: „Wir konnten in diesem Jahr – und auch in den beiden vergangenen Jahren – leider mit der Denkfabrik zu selten mit Veranstaltungen vor Ort sein“, Corona habe einen dicken Strich durch entsprechende Planungen gemacht.

Grafik: Deutschlandradio

Das soll sich künftig wieder ändern. Immerhin nahm auch der monatlich gestaltete „Newsletter“ das Thema gezielt in den Blick, sorgte für Information und Nutzerbindung. Bei der kürzlich erfolgten Abstimmung über das Denkfabrik-Thema 2023 haben sich mehr als 38.000 Nutzer*innen beteiligt, auf Platz 1 gelangte „Die wehrhafte Demokratie“. Im Rückblick zeige sich, so Kuntz, „dass unsere Hörerinnen und Nutzer bei den Abstimmungen der vergangenen Schwerpunktthemen ein sehr gutes Gespür für relevante Themen bewiesen haben. Man könnte sie fast visionär nennen…“

 

 

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