Beruf Radiomoderator: Tim Koschwitz Wie in einem Raumschiff

Beruf Radiomoderator: Tim Koschwitz
Foto: RBB

Die Monitore flackern. Der Computer nimmt den Anmeldecode erst nach Sekunden an. Ein leichtes Krächzen aus den Lautsprechern. Alle Regler stehen auf null. Kein Wunder, dass ihn jetzt keiner hören kann und er auch keinen Kontakt zu den Außenstationen hat. Der Countdown läuft. Knallrot brennen ihm die Sekundenzähler der Digitalanzeige ins Gesicht. Start in wenigen Augenblicken. Der ganze Körper geht in Anspannung, die Hände sind in Position, der Geist hellwach. Dann schnellen die ersten Regler blitzschnell nach oben. Volle Energie, volle drei Stunden in die Weiten des Äthers hinein.

Tim Koschwitz moderiert von 7 – 10 Uhr die Frühsendung beim RBB-Stadtsender 88,8. Für den 35jährigen ist das längst Routine, andererseits ist es immer wieder auch ein Erlebnis der besonderen Art. „Es ist ein wenig wie die Kommandozentrale beim Raumschiff Enterprise. Da sind 20 Regler, aus zweien kommt die Musik, auf einem Regler ist ein Kollege in der Verkehrszentrale, die Nachrichtenkollegin kann ich an- und ausschalten. Der Telefonregler verbindet mich direkt mit den Hörern. Im Prinzip ist es wie Klavierspielen. Wenn man nicht mehr auf seine Finger schauen muss, dann ist es eine gute Sendung“, verrät Radiomann Koschwitz. Und weiter: „Das sieht wie eine riesig große blinkende Excel-Tabelle aus. Die arbeite ich von oben nach unten ab. Ein grünes Lichtsignal zeigt mir, was jetzt dran ist, wiederkehrende Elemente, Jingles für Wetter, Verkehr, Platzhalter für Reporter oder gebaute Beiträge.“ Es kann immer wieder auch Schreckmomente geben: „Sekunden, wo im Radio nichts passiert, sind für den Verantwortlichen Minuten! Was kommt denn jetzt? Ah, Verkehr!“

Gelernt hat er sein Handwerk beim bayrischen Lokalsender Radio Primavera, danach kam er zur Jugendwelle Fritz und sendet nun für die eher gesetztere Generation 40plus. Er kann komplizierte Sachverhalte in drei Sätzen sagen, weil er im Radio die Aufmerksamkeitsspanne halten muss. Sonst schalten die Hörer-*innen weg. Dann muss er mit dem richtigen Druck sprechen, nicht zu schnell und zu aufgeregt, aber auch nicht gelangweilt langsam. „Was ist ein Ear-Catcher? Hund beißt Mann ist keine Meldung! Mann beißt Hund ist eine Meldung! Es ist das Außergewöhnliche“, verrät Moderator Koschwitz die Kriterien der täglichen Auswahl vor der Sendung, die er zusammen mit den Redakteur*innen und dem Chef vom Dienst trifft.

Kein Zwerg Allwissend

„Mein Name hängt ja mit dran. Also habe ich auch ein Mit-Entscheidungsrecht. Ich moderiere nichts, was ich total kacke finde. Aber ich bin ja auch nicht Zwerg Allwissend“, lobt der Mann vor dem Mikro die Teamarbeit im Sender. Und er ist froh über den Kontakt zu den Hörer*innen. Denn wenn man sein Wissen allein über Agenturmeldungen und Zeitungsartikel bezieht, verliere man irgendwann den Kontakt zur Basis. Und das ist nicht nur rein menschlich, sondern auch journalistisch schlecht: „In der beliebten Rubrik Bau-Zombie kümmern wir uns um verlassene und verfallende Gebäude im Sendegebiet. Da helfen die Hörer sehr viel mit ihren Tipps.“

Zum Radio kam er schon als kleiner Junge durch seinen Vater Thomas Koschwitz, der auch Radiomoderator ist. Im Keller in Marburg an der Lahn bereiteten Vater und Sohn gemeinsam die Sendungen vor, zogen die besten Platten aus dem Regal, wählten die coolsten Lieder aus: Phil Collins, Genesis, Rod Stewart, alles was von der Insel kam. Später folgte eine Ausbildung zum Rundfunkredakteur.

Tim Koschwitz ist zweifacher Familienvater, das dritte Kind ist unterwegs. Die Lügenpresse-Hysterie, die Debatte über die Notwendigkeit von Journalismus, die bedrohlichen Spardebatten und -beschlüsse beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk! Macht sich da der Radiomoderator keine Sorge um seine berufliche Zukunft? Nein, sagt Koschwitz, als freier Moderator fürchte er nicht um seine Existenz. „Was soll denn schon passieren?“ Er weiß, dass er nicht möglichst viele Klicks generieren, dass er beim RBB wie in der ARD keinen Sensationsjournalismus produzieren muss. Der Hörer ist für ihn Kunde, der für seinen monatlichen Rundfunkbeitrag seriöse und sauber recherchierte Meldungen, Berichte und Reportagen hören will. Dafür gebe es auch in seiner Redaktion genügend Controlling auf mehreren Ebenen, damit sein Radio-Raumschiff nicht abstürzt in den unendlichen Weiten der digitalen Fake News und Falschbehauptungen.

 

 

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