Buchtipp: Konstruktiv ins Streitgespräch

„Der Spickzettel gegen Intoleranz!“ verheißt der Rücktitel. „Guter Rat, Orientierungshilfe und amüsante Unterhaltung für alle Bereiche des täglichen Lebens“, twittert der Verlag. Werbung muss sein, sollte aber schon bei der Sache bleiben: Nämlich bei Franzi von Kempis‘ Buch „Anleitung zum Widerspruch“. Es will mit Fakten gegen Intoleranz vorgehen und „Klare Antworten auf populistische Parolen, Vorurteile und Verschwörungstheorien“ geben. Das steht vorn auf dem Titel. Und das wird eingelöst.

Die Autorin, bekannt auch von ihren Netzauftritten als „besorgte Bürgerin“, hat Fakten und Argumente zusammengestellt, um Menschen entgegenzutreten, die den Klimawandel leugnen, antisemitische Parolen verbreiten, gegen Geflüchtete hetzen, behaupten, dass Frauen längst gleichberechtigt seien, die Kondensstreifen für giftige „Chemtrails“ halten oder gegen eine vermeintliche „Impf-Lüge“ wettern. Von Kempis möchte der schweigenden Mehrheit in unserem Lande Kenntnisse und Anleitung vermitteln, wie gegen Populisten, Internethetzer, Stammtischwortführer oder andere Exponenten einer „lauten Minderheit“ mit Wissen sinnvoll Paroli geboten werden kann.

Ein Lehrbuch hat sie nicht geschrieben, doch Themen und Abschnitte klar gegliedert und Gesagtes wiederholt kurz zusammengefasst. Sie hat sich um einfache Sprache bemüht, auch wenn sie Erkenntnisse von Wissenschaftlern referiert. Wer alle fast 300 Seiten liest – am Ende fehlt auch ein Register nicht – droht mitunter doch in der zusammengetragenen Stofffülle zu versinken. Die Abbildung muslimischer Verschleierungsformen oder eine Auflistung, wieviel Geld Asylsuchenden hierzulande tatsächlich zusteht, lassen aufmerken, „amüsante Unterhaltung“ liefern auch sie gewiss nicht.

Der eigentliche Wert des Bandes liegt für Journalist*innen in der Erinnerung an den Wert gründlicher Recherche. Und für alle Leser*innen in praktischen Tipps, wie in Debatten auf rhetorische Kniffe, auf Strohmann-Argumentationen, Bumerang-Effekte und „False-balance“-Darstellungen reagiert werden kann. Manchmal helfe auch gutes Storytelling oder eine persönliche Anekdote, erläutert von Kempis, um komplizierte Sachverhalte klarer und das Gegenüber für eine andere Sicht aufgeschlossener zu machen. Doch: „Überzeugte Verschwörungstheoretiker erreicht man mit Fakten schlicht nicht.“ In der Auseinandersetzung um antidemokratische, antisemitische oder rassistische Inhalte, auch im Umgang mit toxischem Online-Feedback und Hassparolen im Netz gelte es vielmehr, eindeutig Stopp zu sagen. Ansonsten empfiehlt die Autorin eine wohlwollende Erwartungshaltung selbst im kontrovers geführten Gespräch, in dem Gegenargumente als Lernchance, nicht bloß als Angriff auf eigene Positionen wahrgenommen werden sollten.

All das wäre ein Spickzettel? Es ist eine faktenüberreiche Handlungsanleitung. Allerdings, und das hätte man vom Spicki lernen können, nützt die beste Gedankenstütze wenig, wenn sie im Bedarfsfall kaum zu lesen ist. Wer gelbliches Papier und einen magersüchtigen Schriftschnitt wählt und zusätzlich ganze Absätze grau unterlegt, der hat zumindest in Sachen Buchgestaltung Nachhilfe nötig.

Franzi von Kempis: Anleitung zum Widerspruch. Klare Antworten auf populistische Parolen, Vorurteile und Verschwörungstheorien. Mosaik Verlag, München 2019, 288 Seiten, 15 Euro

 

 

 

 

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