Die Fairness im Film wird Politikum

Verleihung des Fair Film Award auf dem Empfang der „Vereinigung der Berufsverbände Film und Fernsehen- Die Filmschaffenden“
Foto: Stefan Maria Rother

Zum siebten Mal wurde im Rahmen des traditionellen Berlinale-Empfangs der „Vereinigung der Berufsverbände Film und Fernsehen- Die Filmschaffenden“ die fairste Produktion 2016 mit dem FairFilm®Award ausgezeichnet. Vor der Verleihung diskutierten Vertreter aus Politik, Verbänden und Wissenschaft über faire Bedingungen beim Film. Eine „Pflichtdiskussion“, wie sich Moderator Thomas Leif reichlich unglücklich ausdrückte. Denn dieses Thema bewegt die Branche mehr denn je.

„Wir machen den Fair Film zum Politikum“, kündigte die Schauspielerin Helena Steiger an, die durch den Abend führte. Und so ging es auf dem alljährlichen Empfang der Berufsverbände der Filmschaffenden im Rahmen der Berlinale auch dieses Mal nicht nur ums Feiern. Den ‚politischen‘ Teil des Abends leitete Jörg Langer mit einer kurzen Präsentation der Studie „Die Situation der Film- und Fernsehschaffenden 2015“ ein, die er im Auftrag der Berufsverbände durchgeführt hat. Eine Situation, an der ihn am meisten das Ungleichverhältnis in der Position von Frauen und Männern, die Behandlung, die Frauen in den Crews erfahren, schockiert habe. Die Frage, ob die Filmbranche eine Armutsbranche sei, könne er nicht bejahen, doch offenbare die Studie vor allem die Gefahr flächendeckender Altersarmut unter den Filmschaffenden. Das Problem sei, dass diese Erkenntnis von den Beschäftigten der Filmbranche selbst verdrängt würde. Zwar hätten Produzenten, Rundfunk, Förderer und auch der Staat in seiner regulierenden Funktion eine Verantwortung, der sie gerecht werden müssten, doch sehe er keine pauschalen Verantwortlichkeiten. Was sich zuerst bewegen müsse, das seien die Filmschaffenden selbst. Sie müssten ‚nein‘ sagen, ‚nein‘ zu geringen Gagen, ‚nein‘ zu schlechten Bedingungen.

Die Frage der Verantwortung und der Verantwortlichkeiten für diese „generelle Misere“ richtete Moderator Thomas Leif auch an die Teilnehmer_innen der anschließenden Paneldiskussion, übertitelt mit „Ein Leben am Set, im Alter keine Rente – wie kommen wir zu mehr Fairness im Film?“. Auf dem Podium in der baden-württembergischen Landesvertretung standen ver.di-Tarifsekretär Matthias von Fintel, der Produzent und Vorstandsvorsitzende der Produzentenallianz Alexander Thies, der Staatssekretär für Medien und Bevollmächtigter Thüringens beim Bund, Malte Krückels, die Sozialwissenschaftlerin Dr. Christiane Schnell vom Institut für Sozialforschung (IFS) und der medien- und queerpolitische Sprecher der Linken Bundestagsfraktion, Harald Petzold.

Allen Gästen fiel es merklich schwer, diese ja auch übermäßig pointiert formulierte Frage im Sinne des Moderators zu beantworten. Der eine Sündenbock konnte jedenfalls von niemandem ausgemacht werden. Alexander Thies von der Produzentenallianz plädierte dafür, die Probleme zu identifizieren und auf kooperativem Wege anzugehen, statt nach den Verantwortlichen zu suchen, von denen es sowieso nicht nur den Einen gebe. Immerhin, ein wesentlicher Teil des Problems wurde einmütig erkannt: Die mangelnde Organisation der Filmschaffenden. So sieht Malte Krückels das Kernproblem nicht in der Deregulierung, unter der die Branche leide, sondern in der mangelnden Solidarität. Ohne Frage sei auch staatliche Regulierung nötig, vor allem im Bereich der Altersvorsorge, doch insgesamt müsse man leider feststellen, dass die Filmschaffenden einfach zu schlecht organisiert seien und deshalb zu wenig durchsetzen könnten. Eine Ansicht, die von allen geteilt wurde, sogar auch von Thies, dem Vertreter der Produzentenallianz. Er forderte die Filmschaffenden auf, mit dem „allgemeinen Meckern“ aufzuhören und sich zu organisieren, um die Rahmenbedingungen, die verhandelt wurden, auch tatsächlich durchzusetzen. Rahmenbedingungen wie etwa die Limburger Lösung mit der Pensionskasse Rundfunk, welche den Anspruch auf Pensionskassenzuschüsse durch die Arbeitgeber für Freie und befristet Beschäftigte in Fernsehfilmproduktionen für ARD und ZDF regelt, oder das Filmfördergesetz (FFG), wo das Thema der Einhaltung von Sozialstandards als Kriterium für die Vergabe von Förderungen in den politischen Diskurs eingebracht wurde, wie Matthias von Fintel hervorhob. Dies seien erste Schritte. Neben dem Lobbying auf politischer Ebene versuche die Gewerkschaft vor allem, eine Verbesserung der Beschäftigungsbedingungen durch Tarifverträge zu erreichen. Möglich sei das mit dem Mittel der Tarifautonomie, doch auch hier, das alte Lied, geht nichts ohne Macht. Eine Macht, die nur erlangt werden könne, wenn die Filmschaffenden sich organisieren.

Ähnlich einig wie bei der Diagnose dieses Kernproblems waren sich die Podiumsgäste auch bei der Frage nach der Filmförderung. Diese müsse auf jeden Fall erhöht werden. Denn, so Christiane Schnell, die Unterfinanzierung durch schwache Fördermöglichkeiten sei eine Ursache dafür, dass die Kreativität nur allzu oft vor die wirtschaftlichen Bedingungen gestellt werde. Ob von der Förderung eher wenige große oder mehrere kleine Produktionen profitieren sollen, sei denn auch eine nachrangige Frage, so von Fintel. Für die Gewerkschaft sei entscheidend, dass mehr Geld aus durch Rundfunkabgabe finanzierten Sendern und den Filmförderungen ins System komme, und dann vor allem die Arbeits- und Entlohnungsbedingungen stimmen. Das Instrument der Filmförderung müsse zudem dazu genutzt werden, das „ungeliebte Kind“, den Nachweis der Tarifbindung, endlich zum Leben zu erwecken. Die Regelungen um Sozialverträglichkeit müssten verbindlich gemacht werden und dürften keine Absichtserklärung bleiben, stimmte auch Petzold zu.

In dem vom Moderator erbetenen Fazit wiesen alle Diskussionsteilnehmer_innen erneut auf die Bedeutung einer besseren Organisation der Filmschaffenden hin. „Die Gemeinsamkeit führt zur Stärke, bessere Arbeits- und Lebensbedingungen erreichen zu können“, formulierte es von Fintel. Und Krückels: „Die Betroffenen müssen sich zusammentun.“ Es brauche Solidarität und Organisation, um als Gruppe politischen Einfluss ausüben zu können.

Der FairFilm®Award für die fairste Produktion 2016 wurde dann an den Polizeiruf 110 „Nachtdienst“ der „die film gmbh“ verliehen. Ermittelt werden Nominierte und Gewinner über eine Online-Umfrage auf dem Portal von Crew United. Dort können registrierte Mitglieder ihre Projekte im Jahr 2016 nach einem Schulnotensystem bewerten sowie seit diesem Jahr auch kurz die wichtigsten Gründe für ihre Bewertung abgeben. Ein guter Schritt in die richtige Richtung, fand die Schauspielerin Belinde Ruth Stieve, die die Paneldiskussion und Verleihung aus dem Publikum verfolgte. Immerhin wüsste man dank dieser Umfrage nicht nur, wer besonders fair produziert hat, sondern auch wer eben nicht. So war etwa die Produktion „Werk ohne Autor“ vom „Das Leben der Anderen“-Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck mit einer Note von 4,04 auf dem drittletzten Platz und die Produktion „Gladbeck“ von Ziegler-Film sogar noch dahinter auf dem vorletzten Platz gelandet. Von dieser Transparenz über die Bedingungen in Filmproduktionen brauche es mehr, stellte sie fest.

So konnte man von der Veranstaltung dann vielleicht zwar nicht die Antworten mitnehmen, die einige sich erhofft hatten, dafür aber Handlungsempfehlungen. Was daraus wird, bleibt abzuwarten.

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