Digitale Arbeitswelt verlangt radikale soziale Reformen

Anke Domscheit-Berg (re.) diskutierte in Hamburg mit ver.di-Frauen über den digitalen Wandel der Arbeitswelt. Foto: @keartus

Dass 3D-Drucker fahrbare Autos und bewohnbare Häuser produzieren können, ist keine Science Fiction mehr. Das gedruckte Bürogebäude steht in Dubai und Shuttlebus „Olli“ soll 2017 in Karlsruhe eingesetzt werden. Noch keine Normalität. Dennoch, wenn Roboter mit künstlicher Intelligenz immer einfachere Produktionsverfahren ermöglichen, werde sich das radikal auf Arbeitsplätze und Berufe auswirken, sagte IT-Expertin Anke Domscheit-Berg während eines Vortrages bei den ver.di-Frauen in Hamburg.

Der Landesbezirksfrauenrat ver.di Hamburg hatte Anke Domscheit-Berg am 7. Dezember 2016 zum Thema „Frauenblick: Digitalisierung der Arbeitswelt“ eingeladen. Die Aktivistin ist eine der 27 Initiator_innen der Europäischen Digitalcharta, die Ende November 2016 veröffentlicht wurde. Dass Digitalisierung „eine elementare Bildungsherausforderung“ sei und „einen zentralen Stellenwert in den Lehrplänen öffentlicher Bildungseinrichtungen“ besitze, heißt es unter anderem in dem Papier. Es wird gefordert, dass „jeder Mensch das Recht auf eine gleichberechtigte Teilhabe in der digitalen Sphäre“ habe und formuliert: „Arbeit bleibt eine wichtige Grundlage des Lebensunterhalts und der Selbstverwirklichung. Im digitalen Zeitalter ist effektiver Arbeitsschutz zu gewährleisten. Der digitale Strukturwandel ist nach sozialen Grundsätzen zu gestalten.“

In Hamburg berichtete Domscheit-Berg: „Für das Gebäude in Dubai sind nur 50 Prozent der Kosten für ein vergleichbares Haus angefallen. Es ist nur ein Bauarbeiter nötig gewesen und 16 Arbeiter, die die Teile aus dem Drucker zusammengesetzt und den Innenausbau bewältigt haben.“ In der Autoindustrie werde kalkuliert, dass künftig „bis zu 90 Prozent weniger Montageschritte erforderlich sind und erheblich weniger Teile benötigt werden. Die Zukunft ist das personalisierte Auto.“

Auch das, so die IT-Expertin, soll die Zukunft sein: Roboter werden künftig Pizza austragen, Pakete liefern, Container entladen. Sie werden breit in der Pflegeassistenz eingesetzt, kellnern und Fastfood produzieren. Intelligente Software und Roboter werden aber nicht nur einfache oder Facharbeiter-Jobs ersetzen. Künstliche Intelligenz kann heute bereits Bilder malen, Musikstücke komponieren, Drehbücher schreiben. Und sogar singen. So die virtuelle Figur Miku Hatsune. Sie ist 1,42 Meter groß, 16 Jahre alt, trägt lange türkisfarbene Haare und eine synthetische Pop-Ikone. Von ihr gibt es über 100.000 Musikstücke und nahezu 200.000 Videos auf YouTube. Zehntausende Menschen gehen in ihre Konzerte.

Was heißt das für die Gewerkschaften? Gefährdet sind vor allem Berufe im Dienstleistungsbereich und damit Frauenarbeitsplätze: Büro und im Verkauf, Gastronomie, sagt Domscheit-Berg. Vor allem in Ländern, in denen die Industrie nicht so hoch entwickelt ist, würden mehr Arbeitsplätze vernichtet werden als in den USA oder den OECD-Staaten. Es sei noch völlig unklar, was mit den Millionen Arbeitslosen passiert und welche Aufgaben auf die Länder zu kommen, die überproportional betroffen sind. Auch gäbe es erhebliche Lücken im Arbeitsrecht, weil sich das Verhältnis Arbeitgeber-Arbeitnehmer neu definiere. Schon jetzt gäbe es weltweit 20 Millionen Crowdworker.

Domscheit-Berg fordert radikale soziale Reformen, unter anderem ein bedingungsloses Grundeinkommen. Es wird bereits seit einigen Jahren in ver.di diskutiert und findet leidenschaftliche Gegner_innen wie Befürworter_innen.

Sicher ist: Es ist Zeit zum Handeln. Erforderlich sind ein branchenübergreifendes Denken und Vorgehen, ein internationales Verständnis von Arbeitsbeziehungen und eine verstärkte Solidarität unter den Milieus und Geschlechtern.

 

 

nach oben

weiterlesen

Menschen sind keine Wellen

Medien tragen durch ihre Berichterstattung dazu bei, Meinungen zu formen und bewusst oder unbewusst gewisse Bilder zu erzeugen, zu verbreiten oder gar zu zementieren. Umso wichtiger ist der sensible Umgang mit Sprache in den Medien.
mehr »

Imagepflege statt Jammern

„Und wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann gründ’ ich einen Arbeitskreis.“ Was in der Politik oft nur eine billige Ausflucht ist, kann im Berufsleben durchaus nützlich sein: sich zusammenzutun, um gemeinsam eine Krise zu meistern. Das Fotografennetzwerk „Nordaufnahme“ ist ein Beispiel dafür.
mehr »

Digitale Empathie statt Klickolympiade

Nach journalistischen „Leuchttürmen“, die im Getöse der Nachrichten und der Informationsüberflutung Orientierung geben, überprüfbare Fakten liefern und „Vernunft in die Debatten bringen“, verlangte Medienjournalistin Brigitte Baetz auf dem 29. Journalistentag der Medienschaffenden in ver.di am 23. Januar in Berlin. Journalismus sei dazu aufgefordert, „politische Handlungsbedarfe klar aufzuzeigen“, könne jedoch „kein Politikersatz“ sein, betonte Vize-Chef Frank Werneke vor den 250 Teilnehmer_innen, die unter dem Motto „Shit & Candy die neue Währung im Journalismus?“ in Berlin debattierten.
mehr »

Alte Klischees in neuen Zusammenhängen

Ehe für alle, Gender-Mainstreaming, Quote, Antirassismus, Patriarchatskritik – das alles wird mit „Feminismus“ verbunden. Einiges ist mittlerweile gesetzlich verankert, vieles wird aber – zunehmend aggressiver – bekämpft. Welche Rolle Medien im (Anti-)feminismus-Diskurs spielen, zeigte sich jüngst auf der Tagung „Feminismus und Öffentlichkeit“ am Frankfurter Cornelia-Goethe-Centrum CGC.
mehr »