Ein Haus für Selbstständige

Gerlinde Vogl, Projektleiterin, im Haus der Selbstständigen in Leipzig
Foto: Florian Manhardt

Angebot zur Vernetzung und Bildung in Leipzig

Lange war das Projekt vorbereitet, im Mai bewilligt und Anfang September an den Start gebracht worden: Das „Haus der Selbstständigen“ (HdS) in Leipzig – ein Vernetzungs-, Stärkungs- und Bildungsangebot unter einem Dach. Am 27. November machte das HdS erstmals die breite Öffentlichkeit auf sich aufmerksam – mit zwei virtuellen Auftakt-Veranstaltungen, in denen sich das Projekt nicht nur vorstellte, sondern auch gleich mit brandaktuellen wissenschaftlichen Ergebnissen aufwartete.

„Wir wollen gleich bei unserem ersten großen Auftritt ein Ausrufezeichen setzen“, hatte Projektleiterin Gerlinde Vogl das Tagesziel des siebenköpfigen HdS-Teams formuliert. Das ist gelungen: Mehr als 1.000 Menschen klickten sich auf die Webseite des HdS, jeweils rund 150 Interessent*innen aus ganz Deutschland hatten sich für die Veranstaltungen am Vor- und Nachmittag angemeldet. Das Echo sowohl aus der Community als auch aus Wirtschaft, Politik und Medien zeigte, dass mit dem Programm der richtige Nerv getroffen wurde. Viele Solo-Selbstständige, Initiativen und Netzwerke hatten schon im Vorfeld der Tagung ihre Freude über das neue Vernetzungsangebot und ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem HdS signalisiert.

Die virtuelle Veranstaltung startete mit Grußworten, Statements und einer Vorstellung des Projekts mit seinen drei Säulen Beratung und Schlichtung, Erstellung eines Wissenspools und Entwicklung innovativer Lehr- und Lernkonzepte. Vesna Glavaski thematisierte in ihrem Vortrag das zentrale Thema soziale Sicherung. Die Arbeitssoziologin und neue ver.di-Gewerkschaftssekretärin im HdS stellte fest: „Ein gutes Drittel der Solo-Selbstständigen verfügt über ungenügende bis gar keine Altersvorsorge, weil die prekären Einkommen es nicht erlauben.“ Hier gäbe es dringenden politischen Handlungsbedarf. Bestätigt wurde ihre Aussage von zahlreichen Statements Solo-Selbstständiger, die per Video-Präsentation eingespielt wurden: Ihre zentralen Themen sind neben der aktuellen Notsituation grundsätzliche Fragen von Arbeitslosen-, Kranken- und Rentenversicherung.

Interview mit Vesna Glavaski von ver.di, verantwortlich für Kommunikation und Vernetzung, im Haus der Selbstständigen in Leipzig
Foto: Florian Manhardt

Über dem Nachmittagsprogramm stand die Frage, wie die bisherigen Corona-Hilfen bei Solo-Selbstständigen ankamen und ob sie wirklich hilfreich waren. Aktuelle Zwischenergebnisse des Forschungsprojektes „Solidarität mit Solo-Selbst-ständigen“ stellten Lena Schürmann (HU Berlin) und Katharina Scheidgen (Universität Lüneburg) vor. Sie hatten im Juli und August 24 qualitative Interviews mit Solo-Selbständigen verschiedener Branchen (online-Handel, Handwerk, Coaching und Kunst/Kultur) geführt. Die Auswertungen verdeutlichen die wirtschaftliche Unsicherheit vieler Solo-Selbstständiger, deren unterschiedliche Betroffenheit durch die Pandemie und Bewältigungsstrategien. Die Soziologinnen resümierten: „Solo-Selbstständige sind sehr spezifisch verwundbar, denn sie haben nur ihre eigene Arbeitskraft als zentrales Betriebsmittel und sind hochgradig abhängig von deren Verwertung am Markt.“

Alexander Kritikos, Forschungsdirektor der Querschnittsgruppe „Entrepreneurship“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, unterstrich in seinem Beitrag: „Die Corona-Krise ist auch eine Krise der Selbstständigen. Es hat viele Branchen getroffen – aber diese Solos (vor allem weibliche) stärker als abhängig Beschäftigte.“ Auch im Interesse des Wirtschaftsstandorts Deutschland sollten die Selbstständigen in wirtschafts- sowie sozialpolitischen Entscheidungen stärker berücksichtigt werden, forderte Kritikos. Ein Übergang zu einer einzigen zielgerichteten Hilfe für alle Solos sei besser als der bisherige Flickenteppich. Langfristig brauche es eine tragfähige Perspektive, damit die Kluft zwischen Arbeitnehmer*innen und Solo-Selbstständigen nicht noch größer werde.

Der Vortrag von Dr. Isabell Stamm und Arne Maibaum (TU Berlin) widmete sich der gesellschaftlichen Verhandlung der Soforthilfe. Auf Basis von Interviews mit Vertreter*innen aus Medien (8) und Politik (12) in Berlin und Bayern ordneten die Soziologen die Corona-Soforthilfe-Programme als solidarische Handlung ein und deckten Begründungsmuster für das Verhalten von Staat und Gesellschaft auf. Die Nachfrage einer Teilnehmerin brachte das Unverständnis vieler Betroffener auf den Punkt: Warum wird das Kurz-arbeitergeld als Selbstverständlichkeit verstanden, die Corona-Hilfe für Solos aber als „Akt der Solidarität“? Hans Pongratz (LMU München, HdS-Teilprojektleiter Arbeitssoziologie) forscht und publiziert seit vielen Jahren über Solo-Selbstständige. Für ihn sind sie „die Pionier*innen der Erwerbsarbeit, denn sie treffen auch unter schwierigen Bedingungen fortwährend eigene Entscheidungen, betreiben ihr eigenes Zeitmanagement, ihre Geschäftsführung und Selbstorganisation.“ Dennoch ist das Einkommen der knapp 2,3 Millionen Solo-Selbstständigen in Deutschland höchst unterschiedlich: Das einkommensschwächste Fünftel von ihnen verdient gerade einmal 4,35 Euro/Stunde, das stärkste Fünftel das Zehnfache.

Im Abschluss-Panel ging es um den großen Begriff Solidarität und die Wirksamkeit der bisherigen Corona-Soforthilfe-Programme für Solo-Selbstständige. Thilo Fehmel von der Leipziger Hochschule für Wirtschaft, Technik und Kultur: „Wir müssen neu verhandeln, wer in unsere sozialen Sicherungssysteme integriert werden soll. Und dabei sollte berücksichtigt werden, ob Solos so tätig sind, weil sie es so wollen oder ob sie es defacto gar nicht sind, wie zum Beispiel Lehrkräfte.“

Die Wunschliste an das HdS ist lang: Es solle als „Leuchtturm“ weit über die Region hinaus strahlen, als „Tankstelle für Ideen“ funktionieren, Solo-Selbstständigkeit wissenschaftlich untersuchen und Erkenntnisse bereitstellen, Basisgruppen stärken, den Wandel der Arbeitswelt beleuchten, Modelle für die institutionalisierte soziale Sicherung für Solos entwickeln, kurzum: unentbehrlich sein…

Projektleiterin Gerlinde Vogl lässt sich weder von den Vorschusslorbeeren noch der Anforderungsliste schrecken: „Höhenangst haben wir nicht. Wir machen uns einfach an die Arbeit. Der heutige Tag war ein gelungener Auftakt unseres Dialogs mit den Solo-Selbstständigen und den Akteur*innen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Wir werden den begonnenen regen Austausch fortsetzen und auf dieser Grundlage unsere Handlungsfelder mit Leben erfüllen.“

Carola Vogt, Projektmanagerin, im Haus der Selbstständigen in Leipzig
Foto: Florian Manhardt

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Das „Haus der Selbstständigen“ (HdS) ist ein Projekt der INPUT Consulting gGmbH – einem ver.di-nahen Thinktank.

Das Projekt wird außerdem im Rahmen des Förder­programms „Zukunftszentren“ des Europäischen Sozialfonds (ESF) sowie vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) unterstützt.

Es wird gemeinsam realisiert von ver.di, der Ludwig-Maximi­lians-Universität München (Institut für Soziologie) und der Universität Kassel (Fachgebiet Wirtschaftsinformatik und Systementwicklung) .

 https://hausderselbst­staendigen.info

 

 

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