Entzaubern – nicht ignorieren

Berichterstattung über die neuen Nazis – eine Herausforderung

Die Zahl rechtsextremer Straftaten ist in Deutschland angestiegen – allein um 20 Prozent in den ersten acht Monaten dieses Jahres. Während Rechtsextremismus aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken ist, spielt er nun auch im politischen Leben eine größere Rolle – nachdem seit den letzten Landtagswahlen im September die Rechten in fünf Berliner Bezirksparlamenten und im Parlament von Mecklenburg-Vorpommern sitzen. Spätestens jetzt müssen sich Journalisten, insbesondere Lokalberichterstatter, ernsthaft damit befassen, wie sie diese Tatsache in ihre Berichterstattung integrieren wollen. Doch wie begegnet man den neuen Nazis?

Berlin an einem Oktoberabend im Restaurant „Cum Laude“, nahe der Humboldt-Universität. Etwa 40 Journalisten sind auf Einladung von ver.di gekommen. Das Thema des Abends: „Journalistischer Umgang mit Rechtsextremismus“. Den meisten Gästen steht Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. Und die äußert sich zum Beispiel in der Sorge, dass wer über Nazis berichtet, ihnen eine Plattform bietet und sie damit indirekt unterstützt. Der Buchautor und Journalist der Wochenzeitung Die Zeit, Toralf Staud, hilft, Bedenken auszuräumen. „Guter Journalismus wird Rechtsextremisten nie eine Plattform geben, die ihnen nützt“, erklärt Staud. „Die NPD ist in vielen Gegenden Ostdeutschlands längst soweit, dass sie Plattformen nicht mehr braucht, sondern sie selbst schafft. Sie haben eigene Medien, sie haben das Internet, sie haben eine Verankerung bis in die Mitte der Bevölkerung hinein. Wenn Journalisten nicht über die NPD berichten, dann nützen sie ihr sogar.“
Wichtig sei eine ruhige, aufklärerische Berichterstattung, die genau schildert und analysiert. Nur in der direkten Konfrontation – so Stauds These – können Nazis und Parteien wie die NPD entzaubert werden. Doch dieses Entzaubern scheint leichter gesagt, als getan. Denn hinter der Ratlosigkeit von Journalisten beim Umgang mit Rechten verbergen sich Defizite. Sabine Heins, bei ver.di Sprecherin des Arbeitskreises gegen Rechtsextremismus, hat beobachtet, „dass bei den Journalisten ‘ne ganze Menge fehlt. Wie stellt sich das Phänomen eigentlich dar und wo sind die Knackpunkte? Mittlerweile sind die ganz tief in der Gesellschaft und können mit ganz platten Parolen immer mehr Leute an sich binden, während die Journalisten aufgrund mangelnden Hintergrundwissens da nicht die richtigen Fragen stellen oder die wahren Aussagen heraus arbeiten können.“

Feld für Lokaljournalisten

Von einer neuen Herausforderung spricht denn auch Christine Richter, bei der Berliner Zeitung zuständig für die Landesberichterstattung. Bislang schrieb meist der Polizeireporter über die Aktivitäten von Nazis, wenn es um Demonstrationen ging oder um Überfälle der Rechten während des Wahlkampfs im Spätsommer dieses Jahres. Doch wenn jetzt zum Beispiel im gutbürgerlichen Berliner Bezirk Treptow / Köpenick die NPD mit ihrem Bundesvorsitzenden Udo Voigt eingezogen ist, ist davon auszugehen, dass der auch Politik machen will und das wird sich auf der Lokalseite niederschlagen müssen. Ein neues Feld für die Kollegen, bei denen Christine Richter anfangs eine gewisse Unsicherheit beobachtet hat. „Sie hatten Angst, dass sie auf das gutbürgerliche Erscheinen der NPD, das sie ja in Treptow / Köpenick pflegt, reinfallen und dann in einem normalen Bericht, der ja nicht kommentierend sein soll, gar nicht so darstellen können, wie gefährlich die sind.“
Hier ist Handwerk gefragt, ist sich Richter klar. Journalisten müssen zeigen, wie die NPD zu ihren Positionen kommt, fordert auch Toralf Staud, der in seinem Buch „Moderne Nazis“ den Aufstieg der Rechten beschrieben hat. Doch in den Medien weiß man viel zu wenig über deren Strategien, das Programm und das Weltbild, das dem zugrunde liegt – so seine Beobachtung. So kommt man zum Beispiel in der Auseinandersetzung mit Nazis mit dem Bezug auf die Geschichte allein nicht mehr weiter. Längst hat die NPD ihr Verhältnis zu Hitler der heutigen Zeit angepasst und spricht von einem „modernen Nationalsozialismus“, auf den sie hinsteuert. Zwar bezieht sie sich immer noch positiv auf Hitler und das Dritte Reich und NPD-Spitzenkandidat Udo Pastörs wurde damit auch im Fernsehen am Wahlabend in Schwerin konfrontiert. Doch Pastörs konnte einfach ausweichen, und das zeigt die falsche Fragestellung, meint Staud. Wirkungsvoller wäre es gewesen, nach aktuellen Aussagen zu fragen. Zum Beispiel hat die NPD in Mecklenburg Vorpommern ihr Wahlprogramm überschrieben mit: „Programm für Mecklenburg und Pommern“ – eine eindeutig revisionistische Aussage. Doch dieses Hintergrundwissen muss ein Journalist erst einmal haben.
Zum Handwerk gehört aber auch, immer so konkret wie möglich zu fragen und nachzuhaken: Was meinen Nazis, wenn sie von „deutsch“ oder von Volk reden oder Hartz IV angreifen? Außerdem müsse beschrieben werden, was vor Ort genau passiert, wenn so genannte Kameradschaften in einer Gemeinde aktiv sind. Darum seien die Lokalmedien für die konkrete Auseinandersetzung mit Rechtsextremis­mus noch wichtiger als überregionale Blätter, so Staud. „Weil die NPD eine lokale Strategie hat. Sie versucht sich an der Basis der Gesellschaft zu verankern, die Provinz zu faschisieren. Ich mache mir keine Illusionen, Die Zeit wird in Ostdeutschland von ziemlich wenigen Leuten gelesen. Wenn die Bevölkerung noch Medien wahrnimmt, dann die lokalen Radiosender und Zeitungen.“ Und dort eine realitätsbezogene präzise Berichterstattung hinzubekommen, ist die aktuelle große Aufgabe für alle Journalisten, und besonders für jene, die sehr nah am Alltag der Menschen dran sind.

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