Fit fürs Digitale

Foto: ifp/Steffen Leiprecht

Unaufhaltsam digitalisiert sich die Arbeitswelt. Neue Tätigkeitsfelder wie das Crowdworking oder der 360 Grad-Dreh, neue Berufsformen wie der Social Media Redakteur oder die „Hashtaghüterin” entstehen in der Medienbranche. Gearbeitet wird zunehmend crossmedial. Hohe Anforderungen an die Aus- und Weiterbildung sind die Folge.

Beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) werden Neueinführungen und Reformen der zurzeit 328 anerkannten dualen Ausbildungsberufe koordiniert. Die „Mediengestalter_in Bild und Ton” wurde 1996 eingeführt, zusammen mit der „Film- und Video­editor_in”. Damals waren sie die ersten Ausbildungsordnungen für die Produktion elektronischer Medien. 2006 gab es eine Anpassung des „Mediengestalters Bild/Ton” an die Veränderungen in der digitalen Arbeitswelt, jetzt steht die nächste Überprüfung der Ausbildung bevor.

Beteiligt an solchen Neuordnungen sind Arbeitgeber und Gewerkschaften. Das ist nicht immer einfach, wie das Beispiel der „Film- und Videoeditor_in” zeigt. 2006 hatte man sich nicht einigen können, ob und wie der Beruf aktualisiert werden soll. Und so verzeichnet das BIBB bis heute keine Reform der Ausbildung. Dafür wurde 2006 aus dem „Verlagskaufmann” der „Medienkaufmann Digital/Print” – bis heute unverändert. (Kaufmann steht im weiteren Textverlauf immer auch für Kauffrau. d.Red.). Karl-Heinz Kaschel-Arnold vom ver.di-Fachbereich Medien, Kunst und Industrie, der damals für die IG Medien über diese neue Ausbildungsordnung verhandelte, hatte die Ausbildungsordnung schon bei der Einführung als „B-Movie” kritisiert: „Wir hätten uns noch mehr Aufmerksamkeit für Digitales gewünscht.” Auch der 2006 eingeführte „Kaufmann für Marketingkommunikation”, der den Werbekaufmann ablöste, ist bisher nicht neugestaltet worden. Dafür soll jetzt zusätzlich der „Kaufmann für E-Commerce” eingeführt werden. Die „Mediengestalter_in Print und Digital” – zu den Vorgängern gehört die Setzer_in – entstand 1998. „Hier haben wir völliges Neuland betreten”, berichtete Kaschel-Arnold. Schon 2002 gab es die erste Reform der Ausbildung, 2013 die zweite, 2016 die dritte Veränderung.

Kameramann
Foto: fotospeople

Die Fotograf_innen-Ausbildung erfuhr 2009 eine Anpassung ans digitale Zeitalter, der im Jahr 2000 reformierte Beruf „Drucker_in” mauserte sich 2011 zum „Medientechnologen Druck”. Der Beruf der „Fachkraft für Veranstaltungstechnik”, 1998 neu eingeführt, wurde schon 2002, nach nur vier Jahren, zum ersten Mal aktualisiert. In diesem Sommer trat die nächste Erneuerung in Kraft.

In der PR/Öffentlichkeitsarbeit hat die Digitalisierung es erfordert, neue Schwerpunkte zu setzen: „Crossmediale Marketingkommunikation” oder „Social Media Manager_in” und „Digital Stratege” heißen bei der Deutschen Akademie für Public Relations angebotene Aus- und Weiterbildungen. Sowohl hier an der PR-Akademie als auch an Hochschulen und Weiterbildungsinstitutionen entstehen durch die Digitalisierung neue Lernformate: Online-Studiengänge, die „Virtuelle Akademie für gemeinnützigen Journalismus” des Redaktionskollektivs „Correctiv”, Webinare der JournalistenAkademie der Friedrich-Ebert-Stiftung oder MOOCs, „Massive Open Online Courses”, deren Fortentwicklung als cMOOC – c steht für connectivism – die Lernenden miteinander verbindet.

An den Hochschulen prägt die Digitalisierung die medienbezogenen Studienordnungen. In Dortmund ist aus dem Zweitfach Datenanalyse/Statistik für künftige Wissenschaftsjournalisten 2014/15 ein Schwerpunkt Datenjournalismus geworden, den Student_innen aller journalistischen Studiengänge besuchen können. An der Fachhochschule Darmstadt-Dieburg gibt es im Master-Studiengang „Online-Journalismus” das Fach Datenjournalismus. Die Uni Eichstätt lässt ihre Studierenden an einer App zum Mobile Reporting tüfteln. An der Fachhochschule Magdeburg-Stendal ist gerade ein hochmodernes Fernsehstudio zur Ausbildung in den Journalismus-Studiengängen eingeweiht worden.

Medienethik – ein wichtiges Thema

„New Media Journalism” nennt sich das Studium an der Leipzig School of Media: Journalistische Content-Aufbereitung‚ Crossmediale Content-Produktion und Crossmediales Redaktionsmanagement stehen ebenso auf dem Programm wie Social Media oder digitale Geschäftsmodelle. Die Leipziger Volokurse haben Themen wie User Understanding oder Community Management integriert.

Lernen in der Bibliothek
Foto: Fotolia/Gerhard Seybert

Stephan Weichert, Leiter des Studiengangs „Digital Journalism” an der Hamburg Media School, sieht als Konsequenz der Technik- und Algorithmenabhängigkeit des digitalen Journalismus in der Medienethik ein bleibendes Thema der Ausbildung: „Der Journalismus steht, wie viele andere Kommunikationsberufe auch, vor einem ethischen Epochenwechsel, weil manche fundamentalen Grundsätze in der Digitalisierung neu ausgelotet und verhandelt werden müssen.”

Gut ein Dutzend der Journalistenschulen haben sich in diesem Jahr eine gemeinsame Qualitäts-Charta gegeben, zu finden unter dem Logo „QJ” auf der jeweiligen Internet-Seite. Aber so ziemlich alle Schulen werben mit ihrer cross- oder multimedialen Ausbildung. „Digitalen Journalismus leben” will man an der Electronic Media School in Potsdam-Babelsberg. An der Henri-Nannen-Schule können die Absolvent_innen mindestens drei der folgenden Ausbildungsbereiche als Spezialisierung auswählen: Print, Audio, Video, Online und Social Media. Die Deutsche Journalistenschule in München zählt in ihrem Lehrplan von der Online-­Recherche und dem Datenjournalismus über Mobile Reporting, Podcast, CMS und Webvideos bis hin zur App alle Felder des digitalen Journalismus auf.

Neuer Volontärstarifvertrag

Die Axel-Springer-Akademie befindet ganz bescheiden, sie sei „Deutschlands fortschrittlichste Journalistenschule” mit ihrem Schwerpunkt Cross Media: „Die Journalistenschüler arbeiten an mobilen, multimedial ausgestatteten Arbeitsplätzen und genießen ein umfangreiches Training in Print-, Mobil- und Onlinejournalismus. Neben ihrem Laptop und der Digitalkamera gehört das Smartphone genauso zu ihrer Ausrüstung wie die Handycam und das Mikrofon.”

Auch bei den Journalist_innen in den Redaktionen tut sich in Sachen Ausbildung was, immerhin 26 Jahre nach dem ersten Ausbildungstarifvertrag für Volontär_innen an Tageszeitungen. Die Zeitschriften zogen damals im gleichen Jahr nach. Gut möglich, dass sie sich nach dem aktuellen Abschluss zwischen der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union dju in ver.di, dem Deutschen Journalistenverband (DJV) und dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) ebenfalls zur Erneuerung entschließen.

Noch nicht alles crossmedial

Volontärskurs
Foto: ifp/Monika Griebeler

Aus dem im ersten Volo-Tarifvertrag 1990 erwähnten „gegebenenfalls vorhandenen rechnergesteuerten Redaktionssystem” wurde Alltag für Journalist_innen, so gut wie jede Tageszeitung hat auch einen Internet-Auftritt, für den oft „online first” gilt, von Kommentarspalten und Social-Media-Präsenzen ganz zu schweigen. In den neuen Vertrag und den ihm beigefügten Musterausbildungsplan sind deshalb Begriffe wie Workflow, Social Media, Datenschutz, Content Management System, Newsroom und Newsdesk eingezogen. Natürlich haben fortschrittliche Medienhäuser zumindest Online, teils auch Crossmedialität, bisher schon in die Ausbildung einbezogen, wo es geschäftliche Verflechtungen mit dem lokalen Radio oder dem Lokalfernsehen gibt. Aber das scheint nicht flächendeckend der Fall zu sein. Von den im Auftrag der Initiative Qualität im ersten Halbjahr 2016 befragten 390 Volontär_innen (www.initiative-qualitaet.de) hatten bis dato nur rund 44 Prozent eine mehrmediale Ausbildung oder Online-Station absolviert. Auf der Liste der Verbesserungsvorschläge tauchte der Wunsch nach mehr Online-Erfahrung und mehr Crossmedialität häufig auf. Auch Social Media, Content Management Systems, Webseitenpflege, Layoutprogramme und Facebook sollen in der Ausbildung wichtiger werden.

Die Volos lernten zwar Online in den Kursen, hieß es von Ausbilder_innen beim IQ-Forum im September in Bonn, sie könnten ihre Kenntnisse aber in den Redaktionen oft nicht umsetzen. Volontär_innen könnten Erneuerer sein mit ihren digitalen Ideen, doch die „Digital Natives” stießen in den Redaktionen häufig auf „festgefahrene Strukturen und Gegenwind”. Ausbilder_innen müssten multimedial ausgebildet werden, damit sie die Ideen der Volos aus den Kursen in der Redaktion umsetzen könnten. Oder, wie es die frühere Leiterin der Hamburger Akademie für Publizistik, Annette Hillebrand, in Bonn formulierte: „Wir haben leider die Erfahrung, dass die Betriebe sich für die Inhalte der Kurse überhaupt nicht interessieren.” Kurs gehabt, abgehakt.

Wer sich nach einer voll digital ausgerichteten Journalistenschule oder einem multimedial aufgerüsteten Studiengang in einer kleinen oder nicht so aufbruchbereiten Redaktion wiederfindet, könnte einen Praxisschock erleiden – ähnlich wie es bei den zurückkehrenden Volos beobachtet wird. Kommentar eines Ausbilders in Bonn: „Das müssen die jetzt aushalten!”

 

 

 

 

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