Für alle Ausspielwege

Herausforderungen bei Spiegel Online und beim Bayerischen Rundfunk

Auf dem 30. Journalistentag von ver.di sprach Christina Elmer am Januar 2017 über ihre Arbeit in der datenjournalistischen Redaktion von Spiegel Online (SpOn). Die werde von einem Kernteam bestehend aus 2,2 Vollzeitstellen plus Volontär plus festen Freiem plus einer Projektstelle in einem Förderprojekt geleistet. Unterstützung komme zusätzlich von zwei Kollegen aus der Spiegel-Dokumentation, der Fact-Checking-Abteilung. Was die Disziplinen betreffe, so seien drei Physiker und zwei Stadtplaner mit an Bord, der Rest seien Journalist_innen. Interdisziplinarität, ein kennzeichnendes Merkmal datenjournalistischer Teams.

Die SpOn-Datenjournalismus-Redaktion, so Elmer, arbeite sowohl auf der Lang- als auch auf der Kurz­strecke. Neben großen Projekten wie der Correctiv-­Kooperation „Euros für Ärzte” sei für eine Nach­rich­ten-Website wie Spiegel Online vor allem die Unter­stützung der täglichen Berichterstattung mit datenjournalistischen Methoden von Bedeutung. Ob Bre­­xit-Referendum oder US-Wahl, Ziel sei auch, das Thema Datenjournalismus im Newsroom zu verbreitern und etwa datenbasierte Formate im Workflow zu etablieren, die von allen Redakteur_innen in der täglichen Berichterstattung verwendet werden können, ohne dass dafür noch die spezielle Unterstützung durch das Datenjournalismus-Team nötig wäre. Ob ein Projekt für die SpOn-Datenjournalist_innen interessant ist, werde zunächst einmal nach ganz ­klassischen journalistischen Relevanzkriterien entschieden: „Wie viele Menschen sind betroffen, ist das was Neues, ist das was Überraschendes? Dann schauen wir uns auch an, was können wir als Mehrwert liefern?” Darüber hinaus sei von Bedeutung, erklärte Elmer, ob ein Projekt die Redaktion auch auf der Ebene der technologischen Innovation voranbringe. Der Einsatz von neuen Formaten wie Small Multiples oder neuen Tools, die die Arbeit künftig erleichtern könnten, sei immer auch ein Grund, sich für eine Recherche zu entscheiden. Technologisches Wissen, von dem allerdings im besten Falls auch die Leserschaft profitieren solle, Stichwort Data Literacy: „Also wie können wir unseren Lesern direkt ein bisschen mehr im Umgang mit Daten vermitteln, damit sie das, was wir zeigen, besser einschätzen und einordnen können.”

Bei der Umsetzung von Datenprojekten sehe sich SpOn als Nachrichtenmedium mit tagesaktuellem Rhythmus und hoher Reichweite ganz besonderen Herausforderungen ausgesetzt. Interaktive Tools müss­ten sehr leistungsfähig sein und gerade in den ersten Stunden nach dem Launch einer hohen Nutzerfrequenz standhalten. In diesem Zusammenhang gebe es in der Redaktion aber auch immer die Frage, ob sich ein Projekt vielleicht verkaufen, also besser auf den kostenpflichtigen Angeboten wie Spiegel Plus vermarkten lasse. Bisher habe das allerdings erst einmal wirklich gut funktioniert, das war für die Recherche zu den Karteileichen beim Zensus 2011, die SpOn zusammen mit dem freien Journalisten Björn Schwentker gemacht hat. Die meisten Datenthemen, gibt Elmer zu bedenken, würden nun mal von der Reichweite leben, davon, dass sie in sozialen Medien geteilt und verbreitet werden, und dass sie, an der Lebenswirklichkeit der Menschen andocken. Eine Paywall sei hier kontraproduktiv.

Die Offenlegung von Quellen und Methoden sieht Christina Elmer als Chance, um das Vertrauen in die Medien zu stärken. Gleichzeitig warnte sie aber auch davor, wie leicht Daten­material und die Ergebnisse von Datenrecherchen instrumentalisiert werden könnten, wenn man nicht verantwortungsvoll mit ihnen umgehe. So sei etwa das Thema Ausländerkriminalstatistik denkbar ungeeignet für eine datenjournalistische Aufbereitung, da Ergebnisse mehr Fragen aufwerfen als beantworten würden. Die Frage, ob Ausländer krimineller seien als Deutsche, könne anhand dieser Statistik demnach gar nicht beantwortet werden, da die reine Häufung von Delikten bei einer bestimmten Gruppe zum Beispiel nichts über die Art der Straftatbestände aussage und Vergleiche deshalb wenig aussagekräftig seien.

Speziell beim Bayerischen Rundfunk

Die Frage nach der Monetarisierung von datenjournalistischen Projekten spielt im öffentlich-rechtlichen Rundfunk kaum eine Rolle. Der Bayerische Rundfunk (BR) war in diesem Bereich der erste Sender, der ein eigenes Datenjournalismus-Team aufgebaut hat. Ein Team, das von Ulrike Köppen geleitet wird, die auf dem Journalistentag im Anschluss an Christina Elmer über datenjournalistische Arbeit speziell beim Rundfunk gesprochen hat. Neben vielen Gemeinsam­keiten, wie etwa dem interdisziplinären Team, das beim BR Programmierer_innen, Designer_innen, Soziolog_innen, natürlich Journalist_innen und auch einen Bioinformatiker umfasse, sei man beim Rundfunk mit der ganz speziellen Herausforderung konfrontiert, eine Geschichte für unterschiedliche Ausspielwege aufbereiten zu müssen, für das Netz, das Radio und das Fernsehen. Die Frage danach, wie eine Geschichte erzählt werden könne, nehme daher einen viel größeren Raum ein als in anderen Datenjournalismus-­Redaktionen. Wie könne etwa eine interaktive Visualisierung für das Netz im Fernsehen umgesetzt werden? Am anspruchsvollsten, sehr speziell, so Köppen, sei von allen Ausspielwegen jedoch das Radio. Die Schwierigkeit bestehe darin, den Hörer_innen eine Geschichte auf derart spannende Weise zu vermitteln, dass sie sich auch zwei Stunden später, wenn sie nicht mehr im Auto, sondern vor dem Computer säßen, noch daran erinnern und den interaktiven Teil der Story im Netz anschauen würden. Datengeschichten im Radio umsetzen, ein Thema, bei dem es noch viel Luft nach oben gebe, gibt Köppen zu.

Wie die crossmediale Umsetzung einer Daten-Story in der Praxis funktioniere, erläuterte Köppen anhand des BR-Projekts „Schnee von morgen”. Dafür haben die Datenjournalist_innen Klima- und Tourismusdaten zu 101 Gemeinden im Voralpenraum gesammelt und versucht, Trends und Entwicklungen auszumachen. Es habe sich während der Datenanalyse herausgestellt, dass die über die Jahre sinkenden Schneehöhen je nach Region unterschiedliche Auswirkungen auf den Tourismus haben. Im Allgäu etwa seien die Übernachtungszahlen kaum rückläufig gewesen, im Münchner Einzugsgebiet aber schon. Um die Hintergründe aufzudecken, sei ein Reporterteam in die beiden Regionen gefahren und habe nach den unterschiedlichen Tourismuskonzepten gefragt. Herausgekommen sei dabei eine Geschichte für alle drei Ausspielwege. Neben dem interaktiven Tool, das detaillierte Klima- und Tourismusdaten zu 101 Gemeinden im Voralpenraum biete, seien aus der Recherche außerdem eine Webdoku, eine halbstündige Dokumentation für das Fernsehen und eine Mobilumsetzung entstanden. Darüber hinaus habe das BR-Datenjournalismus-Team die Rechercheergebnisse sowie das komplette Tool für andere lokale Redaktionen freigegeben, damit diese die Geschichte für ihre jeweilige Region erzählen können.

 

 

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