Geflüchtete auf dem Weg zum Volontariat

Staatsministerin Aydan Özoğuz, Beauftragte der Bundesregierung für Integration, Migration und Flüchtlinge bei den Neuen deutschen Medienmachern Foto: Mosjkan Ehrari

Für 25 Nachwuchsjournalist_innen mit Migrationshintergrund und 25 geflüchtete Journalist_innen geht dieser Tage das Traineeprogramm 2016/2017 der Neuen Deutschen Medienmacher (NdM) zu Ende. Workshops, Redaktionsbesuche und die Unterstützung durch Mentor_innen sollen den jungen Medienschaffenden die Türen in die Redaktionen öffnen. Gefeiert wurde im Bundeskanzleramt – auch, dass drei von ihnen bereits die Zusage für ein Volontariat erhalten haben.

Das NdM-Traineeprogramm für Journalist_innen mit junger und älterer Einwanderungsgeschichte ist in dieser Form ein Novum. Zwar setzt sich der Verein bereits seit 2009 für mehr Vielfalt in den Medien ein. Und seit nunmehr fünf Jahren werden Journalist_innen mit Migrationshintergrund beim Berufseinstieg unterstützt. Jedoch stellten die seit 2015 zunehmenden Flüchtlingszahlen auch höhere Anforderungen an die Redaktionen, vor allem an eine differenzierte Berichterstattung über Flucht und Asyl. Das auf der NdM-Bundeskonferenz 2015 geborene Traineeprogramm für Geflüchtete sollte einen Beitrag dazu leisten. So wurden für 2016/2017 zusätzlich zu den 25 Nachwuchsjournalist_innen mit Migrationshintergrund erstmals auch 25 geflüchtete Journalistinnen und Journalisten als Trainees gefördert. 50 anstatt 25, eine große Herausforderung, wie die Projektleiterinnen Rebecca Roth und Ebru Tasdemir während des Abschlussempfangs zugaben.

Ganz besonders ans Herz gewachsen

Offiziell endet das NdM-Traineeprogramm erst am 15. Juli, aber gefeiert wurde schon jetzt. Eröffnet wurde die Veranstaltung im Bankettsaal des Bundeskanzleramts von Staatsministerin Aydan Özoğuz, Beauftragte der Bundesregierung für Integration, Migration und Flüchtlinge. Sie ist es auch, die mit ihrem Etat die Hauptfinanzierung des Programms stemmt. Nicht nur deshalb ist ihr aber das Traineeprogramm der NdM „ganz besonders ans Herz gewachsen“, wie sie mehrmals betonte. Sie selbst habe sich, bevor sie in die Politik gegangen sei, als Projektbetreuerin bei der Körber-Stiftung häufig gefragt, warum es in deutschen Redaktionen eigentlich so wenig Journalist_innen mit Einwanderungsgeschichte gebe. Damals, in den 90er Jahren, habe sie den Eindruck gehabt, dass Themen häufig einseitig und aus der stets gleichen Perspektive angegangen würden. Dabei sei Vielfalt besonders in den Medien von großer Wichtigkeit. Schließlich sei es deren Aufgabe, die Grundlage für die Herausbildung der öffentlichen Meinung zu liefern. Sie bestimmten deshalb maßgeblich den gesellschaftlichen Diskurs mit, eine Rolle die eigentlich per se eine differenzierte und vielfältige Zusammensetzung der Redaktionen erfordere. Ein Abbild der Gesellschaft eben. In diesem Zusammenhang stellte die Staatsministerin aber auch die Arbeit der Journalist_innen während der Flüchtlingskrise seit Sommer 2015 positiv heraus: „Es gab das Bedürfnis, genauer zu berichten. Also mitzulaufen auf der Balkanroute, in Flüchtlingsunterkünfte zu gehen, dort zu übernachten.“ Das sei für sie eine andere Art von Journalismus gewesen, aber eine Art von Journalismus, die eigentlich selbstverständlich sein müsse. Trotz weiterhin vereinzelt anzutreffender undifferenzierter und klischeebehafteter Berichte habe sich in der deutschen Medienlandschaft tatsächlich etwas verändert. Doch um solche Veränderungen weiter zu fördern, brauche es engagierte Menschen und Gruppen. Wie die Neuen Deutschen Medienmacher, denen Özoğuz abschließend noch einmal ihren Dank aussprach, dafür, wie sie das Land und die Stimmung darin verändert hätten.

Gemeinsam gefeiert – das Traineeprogramm der Neuen deutschen Medienmacher im Bundeskanzleramt
Foto: Mosjkan Ehrari

Zwei Preisträger und drei zukünftige Volontär_innen

Diesen Dank leitete NdM-Geschäftsführerin Konstantina Vassiliou-Enz, die auch durch den Abend führte, umgehend an Rebecca Roth und Ebru Tasdemir weiter, „diejenigen, die seit 15 Monaten hart und glücklich daran arbeiten, dass dieses Programm umgesetzt wird“. Neu sei für die beiden erfahrenen Projektleiterinnen zum Einen das riesige Interesse an dem Projekt gewesen, sei es von Medien, potenziellen Kooperationspartnern oder Universitäten. Eine weitere Herausforderung habe zum Anderen das Zusammenbringen von zwei verschiedensprachigen Gruppen in gemeinsamen Seminaren und Workshops dargestellt. Für die exilierten Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten habe man stets darauf achten müssen, die Angebote um die englische Sprache zu ergänzen. Dass die beiden Frauen diese Herausforderungen gut gemeistert haben, zeigen auch die schon jetzt zu verzeichnenden Erfolge des Programms. So hat etwa der seit 2013 in Deutschland lebende, syrische Journalist Tarek Khello den Axel-Springer-Preis für junge Journalisten gewonnen, während der 2014 aus dem Libanon nach Deutschland eingereiste syrische Journalist und Lehrer Khalid Alaboud mit dem Vielfaltspreis des RBB ausgezeichnet wurde. Darüber hinaus konnten sich drei der Trainees bereits die Zusage für ein Volontariat sichern.

Nicht nur kulturelle, sondern auch soziale Vielfalt

Eine von ihnen ist Thuy-An Nguyen, die ab Juli Volontärin bei der Funke-Mediengruppe sein wird. Die 28-Jährige, deren Familie aus Vietnam kommt, berichtete auf dem NdM-Abschlussempfang gemeinsam mit ihrer Mentorin Aslı Sevindim vom WDR über ihre Erfahrungen als Trainee. Zu dem Volontariat sei sie über die NdM gekommen – auch wenn es am Anfang nicht ganz so rosig für sie aussah: Mit ihrer ersten Mentorin habe es weniger gut geklappt, weshalb sie umso glücklicher gewesen sei, mit Aslı Sevindim eine zweite Mentorin gefunden zu haben, die sie nicht nur mental, sondern vor allem auch ganz praktisch, etwa durch das Redigieren von Texten oder bei Bewerbungen, unterstützte. Volontariat sei für sie ein absoluter Glücksfall, erklärte Nguyen. Gerne hätte sie sich auch auf einer der deutschen Journalistenschulen beworben. Das sei für sie, die aus einer Arbeiterfamilie komme, aber finanziell nicht zu stemmen gewesen.

Ein Problem, das wohl nicht nur Nachwuchsjournalist_innen mit Einwanderungsgeschichte kennen. Und ein Grund, warum es mehr Förderprogramme wie das der Neuen Deutschen Medienmacher braucht.


Unterstützt und finanziell gefördert wurde das NdM-Traineeprogramm unter anderem vom Bayerischen Rundfunk (BR), dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb), dem Südwestrundfunk (SWR), dem Deutschlandradio, der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di sowie den Medienstiftungen taz Panter Stiftung, Rudolf Augstein Stiftung und FAZIT-Stiftung.

 

nach oben

weiterlesen

Buchtipp: Social Media fördern Brandstifter

Die knallorange Warnfarbe des Buchcovers signalisiert, dass es um etwas Bedrohliches geht: die Demokratie ist in Gefahr, weil Soziale Medien Rechtsextremismus befördern. Konfliktforscher Maik Fielitz und Sozialwissenschaftler Holger Marcks analysieren, wie Rechtsextreme die Funktionsmechanismen digitaler Plattformen nutzen, um ihre faschistischen Bedrohungsmythen zu verbreiten. Sie loten Möglichkeiten zur Rettung des demokratischen Diskurses aus, etwa durch Regulierung der Techunternehmen.
mehr »

Nach 10 Jahren HbbTV: Da geht noch mehr

Seit dem Start des Hybridfernsehens HbbTV vor zehn Jahren bauen große Sendergruppen wie kleine Regionalanbieter solche Angebote kontinuierlich aus, mit umfassenden Diensten für den Nutzer und in der Hoffnung auf neue Reichweiten und zielgerichtete Werbung. Der Wettstreit zwischen Fernseh- und Online-Werbung soll endlich begraben werden. Während sich Öffentlich-Rechtliche mit sogenannten „Addressable Ads“ schwertun, sagt der kommerzielle Markt: Da ist noch mehr drin.
mehr »

Neue Verhaltensregeln für Medien und Polizei

Der Deutsche Presserat hat der Innenministerkonferenz einen Vorschlag über zeitgemäße gemeinsame Verhaltensgrundsätze für Polizei und Medien vorgelegt. Es sei höchste Zeit, dass Journalistinnen und Journalisten bei Demonstrationen und Großveranstaltungen besser geschützt werden und ungehindert arbeiten können, erklärte Sascha Borowski, Sprecher des Deutschen Presserats, zur aktuellen Vorlage.
mehr »

Schon entdeckt? femMit

„Gleichberechtigung wartet nicht, bis sich die Pandemie ausgetobt hat“, sagt Romina Stawowy. Ziel der Medienfrau ist es, weibliche Vorbilder sichtbar zu machen. Weil das auf einer von ihr geplanten Konferenz in diesem Jahr nicht ging, startete sie das Magazin femMit. Die Schwerpunkte in der ersten Ausgabe: die Folgen der Corona-Krise für Frauen und Hass im Netz. Großen Wert legt die Redakteurin auf persönliche Geschichten und Porträts.
mehr »