Gegen Stromlinienförmigkeit

Herbstforum der Initiative Qualität gab Impulse zur Journalistenausbildung

Crossmedial sieht die gute, moderne Ausbildung im Journalismus aus – darin waren sich alle einig. Universitätsgebunden – da war die Einigkeit schon geringer. Als crossmediales verlängertes Volontariat – das stieß eher auf Abwehr, denn Ausbildung sei eine Frage guter Organisation und nicht ein Mittel für Verlage, kompetenten Leuten länger wenig zu bezahlen.

„Qualität der Qualifikation – Impulse zur Journalistenausbildung“ hieß das Thema des siebten Herbstforums der Initiative Qualität Mitte Oktober in Berlin. Die dju in ver.di ist Mitglied dieser Initiative, deren Herbstforum zur Ausbildung auf großes Interesse stieß, bei den Praktikern und den Ausbildern in Verlagen, Sendern und Journalistenschulen ebenso wie bei den Hochschullehrern.
Gastgeber Willi Steul, Intendant des Deutschlandradios, betonte, dass Journalismus kein Begabungsberuf, sondern Handwerk sei. Was sich in der Journalistenausbildung ändern müsse, erklärte Michael Steinbrecher, Professor an der TU Dortmund und Projektleiter des Ausbildungs- und Bürgerfernsehens „nrwision“. Er beklagte, dass in einer Zeit der Verunsicherung, in der der Journalismus selbst in Frage gestellt sei, viele nur versuchten, an den Symptomen zu kurieren und sich nicht mit den Ursachen für diesen „Clash of Journalistic Civilization“ beschäftigten. Während in den Verlagen noch über die Digitalisierung der Arbeitsplätze diskutiert werde, beschäftige Google mehr als 18.000 Entwickler.
Das Dortmunder Modell stehe für eine Verbindung von Theorie und Praxis, für ein ins Studium integriertes Volontariat – ein Modell, das der ehemalige Dortmunder Professor Ulrich Pätzold für richtungsweisend erklärte, als er forderte, dass der Weg unbedingt eine duale Ausbildung in Verlagen und Sendern und an der Hochschule sein müsse.
Fachkompetenz, Vermittlungskompetenz, Sachkompetenz und soziale Orientierung hatte Siegfried Weischenberg 1990 zu den Ausbildungszielen im Journalismus erklärt. Steinbrecher ergänzte diese Punkte um weitere neue Ziele: Persönlichkeitskompetenz, Zeitmanagement und Teamtauglichkeit, Unternehmens-, Technik und Publikumskompetenz. Dies dürfe aber nicht zu Ungunsten des Fach- und Sachwissens ausschlagen, denn „wir dürfen nicht nur technisch versierte Vermittler ausbilden, sondern nach wie vor Journalisten.“ Steinbrecher wandte sich gegen Journalismusstudiengänge als Hochschulmode, es gebe haufenweise Studiengänge, wo Journalismus nur draufstehe, von der Studierende aber eine berufliche Perspektive erwarten. Außerdem seien Journalismus und PR in der Ausbildung nicht „zwei Seiten derselben Medaille“, sondern grundsätzlich unterschiedliche Aufgaben. „Der Druck auf Journalisten durch Gefälligkeiten ist schon groß genug. Dem müssen wir nicht in vorauseilendem Gehorsam durch Ausbildungsvermischung entgegenkommen.“
Mit einem möglichen „Reformstau auf dem Königsweg“, dem Volontariat, beschäftigte sich die erste Diskussionsrunde. Maximiliane Rüggeberg, vielen aus der Branche durch ihre schonungslose Kritik an Einstellungsbedingungen bekannt und heute Volontärin beim Nordbayerischen Kurier, sprach sich gegen die vom Verlegerverband geforderte Verlängerung des Volontariats auf drei Jahre aus: „Ohne Konzept bringen auch drei Jahre nichts.“ Auch Christian Lindner, Chefredakteur der Rhein-Zeitung in Koblenz, wandte sich gegen ein dreijähriges Volontariat und plädierte für eine bessere Organisation. Nach einer Grundausbildung sollten Volontäre einem Mentor in einem Ressort zugeordnet werden, der sie „prägen“ und ihnen Mut machen soll. Außerdem will er mehr Weiterbildung und weniger Einbindung in den Dienstplan für Volontäre durchsetzen. Michael Geffken von der Leipzig School of Media berichtete von einem begleitenden Konzept mit sieben mal drei Tagen Volo-Kurs. Das fanden die Verlage zwar grundsätzlich „toll“, hätten aber die Reisekosten gescheut. Dass es in vielen Verlagen gar kein Ausbildungskonzept gebe („Kraut und Rüben“), kritisierte Annette Hillebrand von der Akademie für Publizistik in Hamburg, eine „Verhäckselung der Ausbildung“ lehnte sie ab.
Um die Vielzahl der Medienstudiengänge ging es noch mal in der zweiten Diskussionsrunde. Die Bremer Professorin Beatrice Dernbach  und die freie Journalistin Jana Lavrov rühmten den Vorteil durch Vielfalt und die freie Auswahl durch die Studierenden. Der Eichstätter Professor Klaus Meier berichtete vom „Bologna-Schock“ für den eingeführten Journalistikstudiengang. Jörg Sadrozinski, Leiter der Deutschen Journalistenschule in München, beklagte: „Durch die Bologna-Konzentration ist eine ganze Menge verloren gegangen.“ Die Sachkompetenz käme heute zu kurz. Wenn es wirklich Marktgerechtigkeit für diese ganzen Ausbildungsinstitutionen gäbe – ohne Förderung – würde „die Hälfte pleite gehen“. „Manche Ausbildungen sind das Papier nicht wert, auf dem ihre Zertifikate stehen.“
Für Stephan Weichert, Professor an der privaten Makromedia-Hochschule und an der Hamburg Media School, müssen sich Hochschulen in Forschung und Ausbildung an den Innovationen im Journalismus orientieren. Aus- und Weiterbildung im Journalismus müsse eine Lobby bekommen, resümierte Ulrike Kaiser die Diskussion. „Wir sollten diese Lobby schaffen.“ Ausbildung müsse Platz für „kreativ Verrückte“ (Tom Buhrow) bieten. „Mit gelackter Stromlinienförmigkeit ist das Überleben des Journalismus nicht zu gestalten.“

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