Neue Studie: Hass im Netz nimmt zu

"Lauter Hass – leiser Rückzug: Neue bundesweite Studie zeigt, wie Hass im Netz den demokratischen Diskurs bedroht“ Foto: Das NETTZ | Stefanie Loos

„Der Hass ist laut, der Rückzug hingegen ist leise. Damit gefährdet Hass im Netz die Meinungsvielfalt im öffentlichen Raum. Er bedroht unseren demokratischen Diskurs.“ So die Ergebnisse einer aktuellen Studie des Kompetenznetzwerks gegen Hass im Netz, die im Wahljahr 2024 besonders aufrütteln. Denn es sind insbesondere Rechtsextreme, „die auf Social-Media-Plattformen massiv mobilisieren sowie Hass und Desinformation teils gezielt als Instrument der Einschüchterung verbreiten.“

Die neue quantitative Studie zu Hass im Netz wurde von den Organisationen Das NETTZ, der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur GMK, HateAid und den Neuen deutschen Medienmacher*innen (NdM) als Teil des Kompetenznetzwerks herausgegeben und in Berlin präsentiert. Große Hoffnung setzen die zivilgesellschaftlichen Organisationen auf den europäischen Digital Service Act (DSA) zur Regulierung der Social-Media-Plattformen. In Deutschland tritt das Gesetz am 17. Februar in Kraft. Entscheidend sei die Arbeit der Aufsichtsbehörden, sagte Gesellschaftsministerin Lisa Paus. Hass im Netz sei eine Bedrohung für Demokratie. Auf Tiktok versuchten Extremist*innen, neue Zielgruppen zu erreichen. Hassbotschaften dürften nicht weiter durch Plattform-Algorithmen belohnt werden. Man brauche effektive Meldesysteme, damit Betroffene sich wehren können, umriss Paus das Problem- und Handlungsfeld, das durch die Studienergebnisse unterfüttert wird.

Definition von Hass

Pressekonferenz zum Thema „Lauter Hass – leiser Rückzug: Neue bundesweite Studie zeigt, wie Hass im Netz den demokratischen Diskurs bedroht“ mit Lisa Paus (links), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Haus der Bundespressekonferenz.
mit: Elena Kountidou (rechts), Geschäftsführerin Neue deutschen Medienmacher*innen. Foto: Das NETTZ | Stefanie Loos

Erstmals seit der ersten bundesweiten Studie zu Hass im Netz 2019 liegen nun neue repräsentative Daten zu Wahrnehmung, Betroffenheit und Folgen vor. Die Agentur pollytix strategic research ermittelte die Daten im Oktober und November 2023 durch eine bundesweite Online-Befragung von mehr als 3.000 Internetnutzer*innen ab 16 Jahren. Den Fragebögen liegt ein erweiterter Hassbegriff zugrunde. Außer Hatespeech beinhaltet er auch Bilder, etwa in Form rassistischer oder sexistischer Memes, das Stalken in sozialen Netzwerken oder anhand von Überwachungssoftware sowie das Veröffentlichen persönlicher Daten wie Name und Wohnadresse (Doxing).

Wer ist von Hass im Netz betroffen?

Etwa die Hälfte der Befragten hat Hass im Netz bereits wahrgenommen, selbst betroffen ist etwa jede*r Achte. Inhaltlich beziehen sich die Hasskommentare zumeist auf politische Ansichten. Das geben 41 Prozent der Betroffenen an, wobei besonders Wähler*innen von Bündnis 90/Die Grünen angegriffen werden – vor allem auf Plattformen wie X (ehemals Twitter), TikTok, Facebook und Instagram. Als Hauptzielscheibe nehmen die Befragten Politiker*innen (60 Prozent) und Geflüchtete (58 Prozent) wahr. In der Tat sind nach eigenen Angaben vor allem nicht-weiße Menschen, Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund und queere Menschen betroffen. Aber auch – wie bereits 2019 – erlebte jede dritte junge Frau zwischen 16 und 24 Jahren bereits Hass im Netz. Jede fünfte wurde sogar sexuell belästigt.

In der Studie wird die Diskrepanz zwischen allgemeiner Wahrnehmung und persönlicher Betroffenheit von diskriminierenden und abwertenden Äußerungen, etwa gegenüber Frauen damit erklärt, dass Hasserfahrungen vielfach in privaten Nachrichten auf den Plattformen gemacht werden:

“Findet Hass im privaten Teil sozialer Medien statt, bleibt dies der Öffentlichkeit verborgen, nicht jedoch den Betroffenen.“

 Hass im Netz macht stumm

Das hat Folgen: Mehr als die Hälfte aller Befragten gibt an, aus Angst vor abwertenden Kommentaren im Internet seltener die eigene politische Meinung zu äußern. Unter denjenigen, die direkt von Hassattacken betroffenen sind, ist der Anteil noch größer. So verstummen vor allem die Stimmen marginalisierter oder benachteiligter Gruppen im demokratischen Netzdiskurs. Zudem befürchten drei Viertel der Befragten, dass durch Hass im Netz die Gewalt im Alltag zunimmt. Gerade für Jüngere werde Hass im Internet zum Alltag, warnte Hanna Gleiß (Das Nettz). Es bestehe die „Gefahr, dass eine ganze Generation das als Normalität auffasst“.

Plattformen in die Verantwortung nehmen

Lisa Paus, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
mit: Elena Kountidou, Geschäftsführerin Neue deutschen Medienmacher*innen. Anna-Lena von Hodenberg, Geschäftsführerin HateAid. Hanna Gleiß, Geschäftsführerin von Das NETTZ und Rüdiger Fries, Geschäftsführer der GMK. Foto: Das NETTZ | Stefanie Loos

In der Studie stimmen 86 Prozent der Befragten dafür, social-media-Plattformen stärker in die Verantwortung zu nehmen – immerhin 79 Prozent wollen sie auch für die gesellschaftlichen Schäden zahlen lassen. Sie sollten mit einem Teil ihrer Gewinne Demokratieprojekte unterstützen, konkretisierte Rüdiger Fries (GMK). Befragt nach Zustimmung zu Handlungsempfehlungen halten es 88 Prozent für notwendig, Polizei und Justiz in Bezug auf Hass im Internet besser zu sensibilisieren. Fast genauso viele befürworten eine konsequente Durchsetzung bestehender Gesetze im Internet und eine stärkere Verantwortung der Plattformbetreiber für die auf ihren Seiten verbreiteten Inhalte.

Algorithmen im Netz müssen sich ändern

„Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass die Internetnutzer*innen umfassenden Handlungsbedarf gegen Hass im Netz sehen – sowohl auf politischer als auch auf Bildungsebene“, so das Resümee der Studie. Um gesellschaftliche Gefährdungen einzudämmen reiche es aber nicht, das Löschen von Inhalten einzufordern. Man müsse „systemisch auf die Plattformen schauen“, so Anna-Lena von Hodenberg (HateAid), und die menschengemachten, Hass generierenden Algorithmen ändern. Zur Eindämmung dieser Mechanismen könnten Medien aber bereits jetzt beitragen, so Elena Kountidou (NdM), indem sie etwa keine unkommentierten Politiker*innenzitate in die Überschrift setzten und Betroffenenperspektiven mehr Raum geben.

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