Hetzern im Netz zeigen wer hier das Sagen hat

Bild: Pixabay

Ob es um Geflüchtete geht, um Israel oder die AfD – bestimmte Reizthemen rufen im Netz regelmäßig Hetze, Beleidigungen und Anpöbeleien hervor. Sollen Online-Redaktionen auf solche Hasskommentare reagieren? Eine aktuelle Studie gibt jetzt Empfehlungen, wie sich die Hetze im Netz steuern und eindämmen lässt. Finanziert wurde die Untersuchung von der Düsseldorfer Landesanstalt für Medien (LfM) und von Google Deutschland.

Autoren der Studie sind die beiden Kommunikationswissenschaftler Leif Kramp von der Uni Bremen und Stephan Weichert von der Hamburg Media School. Grundlage der Untersuchung ist die Analyse von 24 Online-Diskussionen zu 16 journalistischen Beiträgen. Der Themenkanon reicht von der Sexismus-Debatte über die Rolle von Muslimen auf dem deutschen Arbeitsmarkt bis hin zu eher unpolitischen Themen á la „Was ist Ihre Lieblingsband aus der DDR?“ Dabei kooperierten die Wissenschaftler mit den Online-Redaktionen von tagesschau.de, RP Online, Deutschlandfunk Kultur und RTL aktuell. Eine von ihnen entwickelte Typologie der Diskursverläufe zeigt anschaulich, wie die Debatten im Netz in der Regel verlaufen. Dabei konzentrierte sich die Analyse auf die Nutzerdiskurse und Kommentare bei den Facebook-Auftritten der vier kooperierenden Medien. Nur bei RP Online und tagesschau.de wurden zusätzlich auch die Kommentare der redaktionseigenen Websites einbezogen.

Zu wenig redaktionelle Gegenwehr

Die „hate speech“ im Netz schwillt an, aber eine Gegenwehr findet offenbar kaum statt. „Es gibt eine Kommentarmüdigkeit in den Redaktionen“, beobachtet Stephan Weichert. Man habe „kaum Zeit und schon gar keine Ressourcen, dagegen anzugehen und mit den Nutzern in einen rationalen Dialog zu treten“. Es entstehe der Eindruck, die Journalisten hätten bereits aufgegeben. Die anfängliche Euphorie über die Demokratisierungsmöglichkeiten des Netzes sei einer starken Desillusionierung gewichen. Leitfrage bei der Untersuchung sei gewesen: „Wie kann man zugunsten der Redaktionen, aber auch zugunsten der gesellschaftlichen Debattenkultur diesen Austausch verbessern, die dysfunktionale Debattenkultur entstören?“

Einige der Kernergebnisse der Untersuchung: Es findet kaum noch redaktionelle Moderation im Sinne aktiver Diskussionsbeiträge statt. Das führe dazu, dass Redaktionen nur wenig Einfluss auf den Verlauf öffentlicher Diskurse über ihre Nachrichtenangebote ausüben. Dabei gilt positiv im Umkehrschluss: Je aktiver eine Redaktion in solche Diskurse eingreife und mit den Nutzern in einen Dialog trete, desto positiver wirke sich dies „auf die Positionierung der Hauptkommentare beispielsweise bei Facebook“ aus. Auf diese Weise könne die Redaktion „ihren eigenen Beiträgen zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen“. Weniger schön sei demgegenüber, „dass sich nach wie vor die Vorwürfe von ‚Lügenpresse‘ und ‚Propaganda‘ durch fast alle Diskussionen ziehen“. Völlig unabhängig vom Thema würden Nutzer den Medien „bewusste Manipulation und interessengeleitete Information“ vorwerfen. Nur ein Drittel der User-Kommentare habe überhaupt einen Bezug zum verhandelten Thema, der Rest bestehe aus Verunglimpfungen und Hetze. Verantwortlich dafür seien nur einige „wenige einflussreiche, dafür jedoch durchweg negativ kommentierende Nutzerinnen und Nutzer. Dieses Troll-Verhalten deute auf Wiederholungstäter_innen, deren Motive sich „zwischen Geltungsdrang und missionarischem Eifer“ bewegten.

Die Debattenkultur im Netz reparieren

Die Redaktionen haben derzeit „mehr mit der Bewältigung als mit der Gestaltung des Dialogs“ zu tun, konstatiert Ko-Autor Leif Kramp unter Hinweis auf die knappen Ressourcen viele Redaktionen. Manche Redaktionen seien schlicht überfordert, angemessen auf die „hemmungslose Artikulation“ vieler Nutzer zur reagieren. Oft herrsche Zweifel, ob eine vernünftige Debatte mit dem jeweiligen Gegenüber überhaupt möglich sei. Darüber hinaus sei es für die Social-Media-Verantwortlichen schwer genug, ihren eigenen Kolleg_innen gegenüber die Notwendigkeit zu vermitteln, sich in diesen Dialog zu begeben, die Diskussion zum eigenen Beitrag mitzuverfolgen. Eine solche Moderation erfordere aber einen personellen Aufwand, den sich manche Verlage nicht mehr leisteten.

Sollen also Moderator_innen die Hassrede löschen oder mit den Hater_innen diskutieren? Sollen Trolle gesperrt oder sogar strafrechtlich verfolgt werden? Mit einem 10-Punkte-Plan liefern die Forscher Vorschläge, wie die Debattenkultur im Netz repariert werden könnte. Der wichtigste Punkt, laut Weichert: Über entschiedenes Moderieren der Kommentare oder der Social-Media-Beiträge im Netz „klarmachen, wer hier das Sagen hat“. Es gelte, die konstruktiv agierenden Nutzer zu stärken. „Ein Loben und Belohnen lohnt sich auch für die Redaktion.“ Auch Aktionen gegen Hassrede wie „Sage mir ins Gesicht“ von tagesschau.de könnten manchmal zur Zivilisierung der Umgangsformen beitragen. Gleiches gelte für „konstruktiven Journalismus“, also die regelmäßige Veröffentlichung lösungsorientierter Kommentarbeiträge. Das Aufgreifen von Alltagsperspektiven, die den Nutzer betreffen, sei ein positives Gegengewicht zum „immer nur Kriege, Krisen, Katastrophen“.

nach oben

weiterlesen

Honduras: Neustart für Pressefreiheit?

Honduras ist mit fast hundert Morden in den letzten 20 Jahren ein extrem gefährliches Land für Berichterstatter*innen. 43 Prozent der Journalistenmorde ereigneten sich, so eine Analyse, in der Amtszeit von Juan Orlando Hernández von 2013 bis 2021. Das soll sich unter seiner Nachfolgerin Xiomara Castro ändern. Sie wird heute ihr Amt antreten. Vieles wird davon abhängen, ob Castro ein Schutzprogramm für Journalist*innen zum Laufen bekommt und ob die Justiz endlich ermittelt.
mehr »

Schutzkodex: Ein wichtiges Signal für die Pressefreiheit   

Auf der Website www.schutzkodex.de finden Journalist*innen und andere Medienschaffende jetzt Unterstützung, wenn sie von Gewalt und Hetze in der realen und virtuellen Welt betroffenen sind. Sie erfahren dort auch, ob ihr Arbeit- oder Auftraggeber dem „Schutzkodex für Medienschaffende in Bedrohungslagen“ beigetreten ist. Die Resonanz der Medienhäuser sei bisher „enttäuschend“, kritisiert Monique Hofmann, Bundesgeschäftsführerin der dju in ver.di, die zu den Initiator*innen des Schutzkodex’ gehört.
mehr »

Urteil: Türkei muss Yücel Schmerzensgeld zahlen

Die Inhaftierung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel in der Türkei wegen angeblicher „Terrorpropaganda“ war nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) menschenrechtswidrig. Yücel sei vor allem wegen seiner kritischen Berichterstattung ein Jahr lang in Untersuchungshaft genommen und damit in seinem Recht auf freie Meinungsäußerung und seinem Freiheitsrecht verletzt worden, entschied der Gerichtshof am Dienstag in Straßburg. Die Türkei müsse dem Journalisten eine Entschädigung von 13.300 Euro zahlen (AZ: 27684/17). Politiker und Organisationen begrüßten das Urteil.
mehr »

Streichkonzert bei Stuttgarter Zeitungen

Bei der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“, soll erneut gespart werden. Bis Jahresende sollen bis zu 55 Stellen in der Verlagsgruppe wegfallen, die zur Südwestdeutschen Medien Holding (SWMH) gehört. Verkauft wird dieser Kurs als Umstrukturierung nach einem ganz neuen Modell mit dem Fokus auf Digitalabos. Alle Ressorts werden abgeschafft. Themen-Teams liefern die Artikel. Lokale Berichterstattung wird minimiert. 
mehr »