In Echtzeit

Jugendmedientage zwischen Liveticker und Twitter

Die Jugendmedientage wachsen weiter: 600 junge Leute standen am 3. November ab Mittag vor den Anmeldeschaltern der Jugendpresse Deutschland an der Carl-Benz-Arena in Stuttgart, um ihre Infomaterialien für die über 30 Workshops der kommenden Tage in Empfang zu nehmen und die Rucksäcke für den Transport in die Übernachtungshallen abzugeben. Die langen Schlangen endeten erst kurz vor Beginn der Eröffnungsveranstaltung gegen 19 Uhr. Mittendrin im Trubel: der Infostand der dju mit Flyern, Broschüren und Zeitschriften.


Die Wartezeit, vor allem aber die offensive, freundliche Ansprache der dju-Jugendvertreterin im Bundesvorstand, Sarah Benecke, einst selbst bei den Organisatoren von Jugendmedientagen und Youth Media Convention, sorgten für ständigen Besuch von Schülerzeitungsredakteuren, Studentinnen und jungen Freien am dju-Stand, der an diesem Tag nur einige Dialoginseln als Konkurrenz hatte. Nachdenkliche Fragen zur gegenwärtigen Situation der Medienbranche und zu den Entwicklungen im Journalistenberuf prägten die Gespräche. Im Gegensatz zu früheren Tarifkämpfen hatten viel mehr junge Menschen die Auseinandersetzungen zwischen Journalisten und Verlegern mitbekommen. Wütende Kommentare zu dem von den Verlegern geplanten Tarifwerk 2 für Berufseinsteiger sowie dem Umgang mit Praktikanten in den Medien waren zu hören. Der Optimismus der früheren, jetzt seit zehn Jahren stattfindenden, Jugendmedientage ist einer gewissen Skepsis gewichen.
Den journalistischen Teil der Eröffnungsveranstaltung bestritten Mathias Müller von Blumencron, Chef von Spiegel Online, und Joachim Dorfs, Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung im Gespräch mit dem Journalisten und Comedian Jan Böhmermann zum Thema der diesjährigen JMT „In Echtzeit“, der Auseinandersetzung mit den immer schneller hereinprasselnden Meldungen von Liveticker bis Twitter. Dabei bekannte Müller von Blumencron, „ein echter Twitter-Schmarotzer“ zu sein: Er twittere selbst nicht, ziehe aber viele Themen aus den Kurzmeldungen. Während Müller von Blumencron Spiegel Online als eigenständiges Produkt mit nur geringen Übernahmen aus dem Printheft charakterisierte, widersprach Dorfs der Böhmermannschen These nicht, dass die Stuttgarter Zeitung ihren Online-Auftritt eher als Nebenprodukt sehe: „Online hat zur Zeit noch kein gescheites Geschäftsmodell.“ Die Stuttgarter Zeitung wolle allerdings in Zukunft die Stadtteil-Berichte im Netz stark ausbauen und zum wichtigsten Portal für Stuttgart und Baden-Württemberg werden, Lokalkompetenz als Alleinstellungsmerkmal. Deshalb sollten junge Journalisten heute crossmedial ausgebildet sein: „Reinen Printjournalismus gibt es nicht mehr.“

Links

Während der JMT 2011 entstanden zwei Ausgaben der Jugendpresse-Zeitschrift Politik Orange:

 „Los!“
http://issuu.com/politikorange/docs/jmt2011_los?mode=window&backgroundColor#222222

 „Fertig!“
http://issuu.com/politikorange/docs/jmt11_fertig?mode=window&backgroundColor#222222

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Wie Journalismus durch Krisen helfen kann

Klima, Corona, Krieg in der Ukraine – angesichts der vielen Krisen interessiert sich das Medienpublikum immer weniger für Nachrichten, denn diese machen mit ihren Negativschlagzeilen mutlos und zeigen kaum Handlungsoptionen. Der Druck auf Journalist*innen wächst, ihre Berichterstattung stärker auf die Bedürfnisse der Menschen auszurichten. Wie konstruktiver Journalismus dazu beitragen kann, diskutierten Wissenschaftler*innen und Medienpraktiker*innen auf einer Fachtagung von NDR Info und Hamburg Media School.
mehr »

Mental stark in Krisenzeiten

Wie können Journalist*innen den Zustand der Welt noch abbilden, fragte im November die Friedrich-Ebert-Stiftung. Wie kommen sie selbst mit der Dauerkrisensendung klar? Eine Antwort darauf versuchte der Kommunikationswissenschaftler Stephan Weichert zu geben: einen resilienten Journalismus. Ziemlich nüchtern berichtete Andrea Beer über ihre Arbeit als ARD-Hörfunkkorrespondentin in der Ukraine. Angehenden und jungen Journalist*innen zeigte sie per Videostream Fotos von ihren Einsätzen – etwa bei den Toten in der Nähe der zurückeroberten Stadt Isjum im Nordosten.
mehr »

Feminismus im Comic: Ganz ohne Superman

Comics waren lange eine Sache von Männern und Jungs. In ihren Abenteuern retteten maskuline Helden wie Superman die Welt, Zeichner dominierten die Branche. Doch das ändert sich: Viele der aufsehenerregenden Comics der vergangenen Jahre stammen von Frauen. Die Zeichnerinnen erzählen aus ihrem Leben, hinterfragen stereotype Geschlechterrollen und machen feministische Begriffe und Theorien populär. Doch ganz neu ist das nicht: Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass feministische Ideen schon sehr früh Teil der Comickultur waren.
mehr »

Journalismus: Wenn Arbeit krank macht

Die Journalistin Mar Cabra ist Mitbegründerin von „Self Investigation“. Die Stiftung mit Sitz in den Niederlanden gibt es seit November 2021. Ihr Ziel ist, die Situation der mentalen Gesundheit von Journalist*innen zu verbessern. Dabei schöpft die gebürtige Spanierin aus ihren Erfahrungen mit einem Burnout. Die Pulitzer-Preisträgerin arbeitete 15 Jahre lang als Journalistin in spanischen und internationalen Medien, unter anderem bei der BBC oder der spanischen Zeitung "El Mundo".
mehr »