Nicht nur alarmieren, Perspektive erweitern

Dr. Bärbel Röben lebt als freie Journalistin und Medienwissenschaftlerin in Attendorn/Sauerland. 2013 veröffentlichte sie das Buch "Medienethik und die Anderen. Multiperspektivität als neue Schlüsselkompetenz", das Aspekte einer verantwortungsethischen Berichterstattung auslotet. Foto: Jan-Timo Schaube

„Aktivistin“ oder „Weltverbesserer“ – die meisten Medienprofis in Deutschland verwahren sich gegen solche Klassifizierung, denn nach gängigem Berufsverständnis sind Journalist_innen neutrale Vermittler, die Fakten basiert, nicht parteiisch berichten. Doch in Zeiten sozialer Spaltung reicht das nicht mehr, um die Integrationsfunktion zu erfüllen, die Medien laut Grundgesetz für die Gesellschaft haben.

Wie kann inklusiver Journalismus da gelingen? „Den Politikern das Mikrofon nehmen und den Bürgern in der Mitte der Gesellschaft geben“, fordert etwa die in Dänemark konstruktiven Journalismus praktizierende und lehrende Cathrine Gyldensted. Statt sich von Polarisierern in Politik und sozialen Netzen treiben zu lassen, sollten also stärker Perspektiven und Wertvorstellungen der schweigenden Mehrheit in den gesellschaftlichen Diskurs eingespeist werden. Das will auch inklusiver Journalismus, der die gleichberechtigte Teilhabe aller, Abbau von Diskriminierung und Anerkennung von Vielfalt anstrebt. Um mehr Multiperspektivität und Partizipation in medienvermittelte Bilder von der Gesellschaft zu bringen, muss man aber auch gängige Nachrichtenwerte wie Negativismus und Prominenz hinterfragen: Warum sind negative Ereignisse berichtenswert, warum Politiker zitierwürdig? In Medien und Wissenschaft wird verstärkt darüber diskutiert.

Abbilden und sozialen Ausgleich schaffen

So thematisierte die Kölner Medienwissenschaftlerin Marlis Prinzing im Februar auf der Jahrestagung des Netzwerks Medienethik,wie Medien ihren Integrationsauftrag besser erfüllen können. Journalist_innen hätten zwar die Aufgabe, ein „Abbild der Gesellschaft“ zu liefern, aber auch die soziale Funktion, Ausgleich zwischen verschiedenen Gruppen zu schaffen, indem sie bisher vernachlässigte Perspektiven stärker in den Blick nehmen. Prinzing stellte verschiedene Journalismuskonzepte vor, die eine solche soziale Funktion erfüllen.

Anwaltschaftlicher Journalismus zielt auf Minderheiten, will den Stimmlosen eine Stimme verleihen. Public Journalism hat alle Bürger im Blick und vertritt ihre Interessen gegenüber der Politik. Solution Journalism und Konstruktiver Journalismus haben gemeinsam, dass sie auf die Lösung sozialer Probleme fokussieren und Friedensjournalismus will zwischen allen Konfliktparteien vermitteln. Obwohl an diesen Berichterstattungsmustern kritisiert werde, ihre Vertreter_innen seien „parteiisch“ oder „Weltverbesserer“ plädierte Prinzing dafür, sie zu aktivieren, denn: „Es wird über Lösungen nachgedacht sowie gesellschaftliche Integration!“ Ein Experiment habe gezeigt, dass lösungsorientierte Texte als besser informierend empfunden würden. Ihr Fazit: „Durch Nutzbarmachung solcher Konzepte erschließt sich mehr Vielfalt und es wird ermöglicht, mehr vom ganzen Bild zu zeigen.“ Das steigere die Professionalität von Journalist_innen und ihre Glaubwürdigkeit. In der anschließenden Diskussion gab es skeptische Fragen: „Fehlen da nicht die negativen Aspekte?“ – „Wird dem Lügenpressevorwurf nicht Vorschub geleistet?“ Prinzing erwiderte, Lösungen zeigen bedeute nicht, Negatives auszublenden. Es heiße auch nicht, von klassischen journalistischen Kriterien Abstand zu nehmen, sondern lediglich, „den journalistischen Handwerkskasten etwas vielfältiger zu füllen!“

Dass eine Abkehr von alten Berichterstattungsmustern und eine Perspektiverweiterung möglich sind, wird in einer Analyse Fabian Sickenbergers von der Hochschule Hannover deutlich. Er untersuchte die Berichterstattung über Islam und Muslime in den Nachrichtenmagazinen Tagesthemen und heute journal von Dezember 2014 – als sich Pegida zur Massenbewegung entwickelte – bis zum Anschlag auf die Charlie-Hebdo-Redaktion in Paris im Januar 2015. Ergebnis: Fast zwei Dittel aller Beiträge mit Islambezug behandeln Negatives; und Muslime erhalten meist die Rolle der Täter, hauptsächlich als islamistische Terroristen. Aber: „Mit der Berichterstattung über Pegida nehmen sie erstmals explizit die Rolle des Opfers ein.“ Diese Perspektiverweiterung sei noch stärker bei der Berichterstattung nach dem Attentat von Paris zu erkennen, in der zudem „eine gänzlich neue Perspektive auftritt: der muslimische Held.“ Damit ist der muslimische Mitarbeiter gemeint, der bei einer Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt viele Menschen in einem Kühlraum rettete. Sickenberger betont in seinem Fazit, dass beide Magazine, vor allem das heute journal, ab und zu antizyklische Perspektiven einnehmen, an denen sich „gelegentlich der sehr bewusste Einsatz von Gegenerzählungen, neutralen und positiven Geschichten“ zeige.

Tragfähige Kompromisse, Fortschritt, Erfolge

Geht Multiperspektivität, Perspektiverweiterung also einher mit einer Aufweichung der Nachrichtenmaxime „Only bad news are good news“, einer Abkehr vom Negativismus? ARD-Aktuell-Chef Kai Gniffke antwortete in einem Interview im November 2016 auf die Frage nach konstruktivem Journalismus zwar, es gelte in den Tagesthemen nicht nur über „Konflikte, Krisen und Krach“ zu berichten, sondern „wir müssen auch langfristige positive Entwicklungen abbilden!“. Aber in der Tagesschau sei das wegen des Formats problematisch. Die kurzen Meldungen seien nun mal zumeist negativ und „da können wir nicht anfangen, den Menschen auch noch Lösungsansätze zu bieten. Das würde den Eindruck weiter verstärken, dass wir nicht unabhängig sind.“

Der NDR verfolgt inzwischen den Ansatz des konstruktiven Journalismus, der Variante inklusiver Berichterstattung, die bei deutschen Medienschaffenden zur Zeit auf großes Interesse stößt. Hörfunk-Chefredakteurin Claudia Spiewak erläuterte Ende Januar in einer Debatte zum Thema, der Sender wolle „häufiger als bisher nicht nur über Probleme und Herausforderungen berichten, sondern auch mögliche Lösungsansätze beleuchten. Denn zu unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit gehören auch tragfähige Kompromisse, Fortschritt und Erfolge. Entwicklungen also, die Mut machen und inspirierend sein können. Im besten Fall entsteht so ein Bild von der Welt, in der wir leben, das zutreffender ist.“ Und mit dem das Publikum auch mehr anfangen kann: „ Wir vertrauen auf unsere Nutzerinnen und Nutzer, die jede Form von Alarmismus ablehnen.“

Dass diese Art der Berichterstattung beim Publikum ankommt und sogar zum Handeln motiviert, hatten vor über zehn Jahren Studien und Praxistests zur Nachhaltigkeitskommunikation gezeigt. Das Forschungsprojekt balance[f] entwickelte ein Ecotainment-Konzept und testete es exemplarisch in der RTL2-Wissenssendung „Welt der Wunder“. Innovativ an diesem Ansatz war, dass man statt der Angst- und Schreckensszenarien in der traditionellen Umweltberichterstattung („Öl verschmierter Pinguin“) auf positive Emotionen, auf Lösungsvorschläge und individuelle Betroffenheit („Eisbär auf der Scholle“) setzte. Die Wissenschaftler Clemens Schwender und Martin Kreeb resümierten: „Angst führt eher zu Verhaltensvermeidung als zu Handlungsimpulsen. Positive Emotionen hingegen fördern Eigeninitiative und Engagement – und letztlich das Handeln wollen.“

Blickwechsel, Multiperspektivität, Kritik an gängigen Nachrichtenkriterien – das alles sind Möglichkeiten, Haltung zu zeigen. Haltung im Sinne eines inklusiven Journalismus, der mehr Menschen eine Chance gibt, sich am gesellschaftlichen Diskurs zu beteiligen – ihre Interessen, Meinungen zu artikulieren und gehört zu werden.

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