Prämiert: Große Vielfalt bei „Dr. Klein“

Das Moderator*innen-Team Nadine Heidenreich und Cem-Ali Gültekin führt durch die Verleihung des Deutschen Schauspielpreises am 13. September 2019 im Berliner Zoo-Palast
Foto: Sebastian Reuter

Glamour, Glanz und Stars auf dem blauen Teppich gab es am Freitagabend wieder im Berliner Zoo-Palast zu sehen, wo zum achten Mal der Deutsche Schauspielpreis verliehen wurde. Erstmals war unter den Auszeichnungen auch der von ver.di und dem Bundesverband Schauspiel (BFFS) ausgelobte Deutsche Fairnesspreis Film und Fernsehen, der in diesem Jahr unter dem Motto „Diversity“ stand. Außerdem neu: der Theaterpreis und der Synchronpreis „Die Stimme“.

„Als die Serie ‚Dr. Klein‘ im Oktober 2014 das erste Mal ins deutsche TV-Programm kam, betrat sie ziemliches Neuland. Das Team hatte sich auf die Fahnen geschrieben, viel zu selten abgebildete Lebensbereiche ins Licht der abendlichen Aufmerksamkeit zu schieben“, begann Jurymitglied Stephanie Maile vom Bundesverband Casting e.V. ihre Begründung für die Wahl des diesjährigen Fairness-Preisträgers. Die von ver.di und dem BFFS verliehene Auszeichnung tritt an die Stelle des ebenfalls gemeinschaftlich ausgelobten Preises „Starker Einsatz“ und soll einen breiteren Blick auf das Thema Fairness in der Filmbranche ermöglichen, als dies ihr Vorgänger vermochte. Dazu wird das Motto für den Fairnesspreis – in diesem Jahr „Diversity“ – jährlich neu ausgerufen.

Das Team der ZDF-Serie „Dr. Klein“ um Protagonistin Christine Urspruch (Mitte) bekommt den von ver.di und BFFS ausgelobten Deutschen Fairnesspreis Film und Fernsehen
Foto: Sebastian Reuter

In der ZDF-Vorabendserie „Dr. Klein“ seien neben der kleinwüchsigen Hauptdarstellerin Christine Urspruch die verschiedensten Ethnien, sexuellen Präferenzen und etwa auch ein dementer Vater zu sehen, so Maile. Doch „Dr. Klein“ sei noch mehr: Konzipiert für ein breites Publikum, erhebe sich die Serie nicht über den Zuschauer, sondern hole ihn ab. Umso bedauerlicher sei es, dass sie inzwischen abgesetzt wurde. Die entstandene Lücke sei groß, zurück bleibe leider eine „tendenziell glattgebürstete Film- und Fernsehlandschaft“. Produzent Torsten Lenkeit freute sich dennoch, dass „Dr. Klein“ in „politisch schwierigen Zeiten“ dazu beigetragen habe „Ressentiments abzubauen“. „Wir haben es in der Hand, Haltung zu zeigen und Utopien zu erschaffen“, erinnerte er seine Kolleginnen und Kollegen im vollbesetzten Festsaal.

Stimmen sichtbar machen

Angela Winkler erhält auf dem Deutschen Schauspielpreis 2019 den erstmals vergebenen Theaterpreis
Foto: Sebastian Reuter

Zwei weitere Preise feierten auf der diesjährigen festlichen Gala des Deutschen Schauspielpreises Premiere: der Theaterpreis und der Synchronpreis „Die Stimme“. Beide eint das Anliegen, denjenigen Sichtbarkeit und Wertschätzung zu geben, die im Gegensatz zu ihren Schauspielkolleg*innen in Film und Fernsehen weniger oder auch gar nicht im Rampenlicht stehen. Viele von ihnen würden „niemals einen Preis bekommen“, so Ulrich Matthes, der als diesjähriger Pate des Theaterpreises die Schauspielerin Angela Winkler für ihre Darbietung als Irina, die jüngste der „Drei Schwestern“ im Deutschen Theater, auszeichnete.

Synchronschauspielerin Christin Marquitan (vorne) erhält von Laudatorin Heike Schrötter den Synchronpreis „Die Stimme“.
Foto: Sebastian Reuter

Dass nach 80 Jahren Synchronproduktionen in Deutschland das erste Mal jemand aus dieser Branche mit einem so bedeutenden Preis geehrt werde, hob auch die Laudatorin des Publikumspreises „Die Stimme“, Heike Schrötter, hervor. Der Synchronpreis – eine Folge der Fusion von BFFS und dem Interessenverband Synchronschauspieler (IVS) im vergangenen Jahr – ging dann an Christin Marquitan. Sie synchronisiert(e) unter anderem Salma Hayek, Toni Colette, Monica Belluci oder Famke Jansen.

Die Gewinner des Abends

Weitere Gewinner des Abends waren Valerie Pachner als beste Schauspielerin in einer Hauptrolle und ihr männliches Pendant Rainer Bock, der den Preis seinen Eltern widmete, die ihn auf der Schauspielschule mit 400 Mark monatlich unterstützt hätten. Bestes Nachwuchstalent wurde Lena Urzendowsky für ihre Rolle in „Der große Rudolph“ über Modemacher Rudolph Moshammer.

Laudatorin Iris Berben überreicht Rainer Bock den Preis für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle
Foto: Sebastian Reuter

Die junge Schauspielerin sprach sich in ihrer Dankesrede für eine grünere Filmbranche aus und appellierte an die Politik, konsequenter zu handeln. Zuvor hatte bereits der Preisträger für die beste Nebenrolle Golo Euler dazu aufgerufen, am 20. September die große Klimaschutzdemo „Fridays for Future“ zu unterstützen.

Den Ehrenpreis für ihr Lebenswerk bekam Christine Schorn, die damit nach Katharina Thalbach, Rolf Hoppe und Armin Mueller-Stahl die vierte ehemalige DEFA-Schauspielerin ist, die diese Auszeichnung entgegennehmen darf. Mit vielen ihrer Rollen habe sie den DDR-Frauen ein Denkmal gesetzt, betonte Laudator Knut Elstermann, der sich vor allem von ihrer Darstellung im DEFA-Film „Die Beunruhigung“ nachhaltig beeindruckt zeigte.

Das Lebenswerk der 75jährigen ehemaligen DEFA-Schauspielerin Christine Schorn wird mit einem Ehrenpreis gewürdigt
Foto: Sebastian Reuter

Und zum Glück sei sie nach der Wende wiederentdeckt worden, etwas, das vielen DDR-Schauspieler*innen versagt geblieben sei. „Da liegen große Talente brach“, bedauerte Elstermann. Die 75jährige Schauspielerin, der es nach nicht enden wollenden Standing Ovations endlich gelang, das Wort zu ergreifen, zeigte sich indes „zutiefst gerührt“, bedankte sich und verließ „mit einem zitternden Bein“ schnell die Bühne – „bevor auch das andere anfängt zu zittern“!

Gebührend gefeiert wurde im Anschluss an die Preisverleihung auf zwei Dancefloors und bei einem Live Act im angrenzenden Bikini Berlin – natürlich bei Snacks und diversen Kaltgetränken!


Der BBFS hat den Deutschen Schauspielpreis 2012 als Auszeichnung „von Schauspielern für Schauspieler“ ins Leben gerufen, um Personen und Institutionen zu ehren, die sich um die Entwicklung der Schauspielkunst und des deutschen Films als Kulturgut besonders verdient gemacht haben.

Alle Preisträger*innen des Deutschen Schauspielpreises dieses und der vergangenen Jahre: https://www.schauspielpreis.com/preistraeger/

 

nach oben

weiterlesen

Lawfare gegen freie Journalisten

Der englischsprachige Begriff „lawfare“ ist ein Wortspiel aus „Recht“ und „Kriegsführung“. Gemeint ist eine Methode, um Journalist*innen mittels kostspieliger Strafverfahren mundtot zu machen. In Österreich ist der auf Entwicklungen in der rechtsextremen Szene spezialisierte Wiener Journalist Michael Bonvalot davon betroffen. Martin Sellner, Chef der  neofaschistischen „Identitäre Bewegung“ droht nun, ihn zu verklagen. Das könnte ihn zehntausende Euro kosten. Deshalb setzt er auf die Solidarität seiner Leser*innen.
mehr »

Presserat: „Bild“ erneut Rügen-König

Der Deutsche Presserat hat nach den Sitzungen seines Beschwerdeausschusses zwischen dem 8. und 10. September sowie am 14. September insgesamt 15 öffentliche Rügen ausgesprochen, darunter gehen allein sechs auf das Konto von „Bild“ oder „Bild.de“. Das Boulevardblatt bleibt damit weiterhin unangefochtener All-Time-Spitzenreiter im Rügen-Ranking. Seit 1986 hat der Presserat 797 Rügen ausgesprochen. 219 davon, also mehr als ein Viertel, kassierte „Bild“.
mehr »

Let‘s Dok: Aktionstag für den Dokumentarfilm

Der Dokumentarfilm trotzt Corona. Am 19. September zeigt die Initiative LETs DOK bundesweit Filme in rund 100 Kinos und an öffentlichen Plätzen. Neben den Filmscreenings sollen begleitende Veranstaltungen die formale Vielfalt und die thematische Bandbreite von Dokumentarfilmen zeigen. Mit aktuellen Werken sowie Perlen aus der Geschichte des deutschen Dokumentarfilms impft das Programm das Publikum gegen den Rückzug ins Private und für den gesellschaftspolitischen Diskurs.
mehr »

Überlebenskunst Filmemachen

Das Internationale Frauenfilmfestival (IFFF) bot auch in diesem Jahr ein politisch und kulturell anspruchsvolles Filmprogramm sowie anregende und mitunter erfrischend kritische Debatten. Zum Beispiel über die prekären Arbeits- und Lebensbedingungen von Filmschaffenden, die durch die Corona-Krise noch verschärft wurden. „Filmemachen ist Überlebenskunst“, sagt deshalb die in Argentinien geborene und seit 2016 in Berlin lebende Filmemacherin Melina Pafundi.
mehr »